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10.06.2011

07:10 Uhr

TV-Kritik Maybrit Illner

Gemüsebeet unter Generalverdacht

Rohkost soll auf einmal ungesund sein? EHEC sorgt weiter für Angst und Verwirrung.  Nun lud Maybrit Illner zur Katastrophensitzung. Heraus kam eine überraschend verhaltene Diskussion mit beunruhigendem Nachgeschmack.

Maybrit Illner sprach mit ihren Gästen über den EHEC-Erreger. Quelle: ap

Maybrit Illner sprach mit ihren Gästen über den EHEC-Erreger.

BerlinEine Mikrobe versetzt Ärzte, Politiker und Experten in Alarmbereitschaft: Der aggressive EHEC-Erreger kann Durchfall, Hirn-Ödeme, Nierenversagen und landesweite Angstzustände auslösen. Die Forscher fahnden weiter nach der Quelle der Krankheit: Tomaten, Gurken oder Sprossen? Jeder Gang zur Salatbar erscheint dieser Tage wie ein Ausflug in ein Risikogebiet. Also rief Maybrit Illner am Donnerstag zur Katastrophensitzung. „Tödliche Keime, ratlose Ärzte, hilflose Politiker – Ehec-Angst ohne Ende?“ fragte sie ihre Gäste. Dazu hatte sie eine ganze Reihe von Fachleuten eingeladen, einen Mikrobiologen, einen Lebensmittelchemiker, einen Epidemiologen, einen Nierenspezialisten.

Doch die Diskussion verlief überraschend ruhig, bisweilen sogar zäh. Keine Spur von der grassierenden Ehec-Panik. Dennoch hinterließ die Sendung einen beunruhigenden Nachgeschmack. Denn tatsächlich konnten die versammelten Fachleute keine eindeutigen Antworten darauf geben, wie der Seuchengefahr wirksam begegnet werden kann. Stattdessen wurden eine Menge verstörender Fragen aufgeworfen.

Nur Einer in der Runde vertrat laubgesägt klare, dafür aber auch umso verblüffendere Ansichten: „Die Empfehlung, möglichst viel rohes Obst und Gemüse zu essen, setzt Verbraucher einem vermeidbaren Gesundheitsrisiko aus“, so drehte der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer die Nahrungsmittelpyramide auf den Kopf. Da haben wir nun den Salat: Die alte Gewissheiten gelten nicht mehr, was bisher als Grundlage einer guten Ernährung galt, ist auf einmal ein Gefahrenherd. Wer dieser Logik folgt, müsste künftig aus gesundheitlichen Gründen zu Knackwurst und Frikadelle greifen. Denn Rohkost kann uns offenbar töten. Oder, wie es Pollmer formulierte: Der Gesundheit halber Rohkost zu verzehren, sei ebenso sinnvoll wie Ski zu fahren, um Knochenbrüche zu vermeiden.

Fragen und Antworten zu Ehec

Was ist Ehec eigentlich?

Ehec bezeichnet einen Darmkeim, der normalerweise bei Tieren vorkommt. Er ist eine Sonderform der wichtigen Kolibakterien, die im Darm Nährstoffe spalten und für die Abwehr von Krankheitserregern
sorgen. Das Enterohämorrhagische Escherichia Coli-Bakterium (Ehec) setzt jedoch beim Menschen gefährliche Giftstoffe frei, die lebensbedrohliche Krankheiten auslösen können.

Welche Symptome bringt eine Ehec-Erkrankung mit sich?

Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und
Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben.

Wie wird die Krankheit übertragen?

Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich.

Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle?

Seit dem 10. Juni geht das Robert-Koch-Institut (RKI) mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Sprossen die Ursache für den aktuellen Ausbruch sind. Die Warnung vor dem Verzehr roher Gurken, Tomaten und Blattsalaten wurde aufgehoben. Sprossen gelten als generell anfällig für Keime.  Bohnen-Sprossen seien definitiv als Ursache für die Ehec-Erkrankungen festgestellt worden, so das RKI.

Wie kann ich mich vor Ehec-Erkrankungen schützen?

Gegen den Ehec-Keim gibt es keine Impfung, der beste Schutz ist Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem Robert Koch Institut zufolge das Risiko einer Ehec-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Vor dem Verzehr von Sprossen wird gewarnt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät zudem, Rohmilch vor dem Verzehr abzukochen und pasteurisierte und ultrahocherhitzte Milch als sicher anzusehen. Die Behörde mahnt besondere Hygiene im Umgang mit Fleisch an: Die Hände sollen vor der Zubereitung von Speisen und nach Kontakt mit rohem Fleisch gründlich mit Wasser und Seife gewaschen und abgetrocknet werden. Rohes Fleisch soll getrennt von anderen Lebensmitteln gelagert und zubereitet werden, beim Grillen etwa empfiehlt das BfR verschiedene Bretter, Teller und Zangen zu verwenden. Auch diese Gegenstände sollen sofort nach dem Gebrauch gründlich gereinigt und abgetrocknet werden. Zudem rät das Institut Lappen und Handtücher nach der Zubereitung von rohem Fleisch möglichst auswechseln und bei mindestens 60 °C waschen. Wer sich entscheidet, rohes Gemüse oder Obst zu verzehren, soll es schälen oder zumindest gründlich waschen, so die Behörde.

In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das?

HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein.

Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin?

Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen Ehec-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. Der aktuell grassierende Erreger ist gegen Antibiotika allerdings ohnehin resistent.

Wie tauschen die Länder Informationen aus?

Wenn riskante Lebensmittel in Europa im Umlauf sind, tauschen die EU-Länder über ein Schnellwarnsystem wichtige Informationen aus. Das gilt auch jetzt - bei den gefährlichen Ehec-Keimen. Über das europäische Schnellwarnsystem für Nahrungs- und Futtermittel RASFF hat Deutschland die übrigen 26 EU-Länder vor den möglichen Ursachen der Infektionen offiziell gewarnt.

Bestehen unmittelbare Risiken für die menschliche Gesundheit, können nationale Behörden RASFF-Warnungen europaweit zum Anlass nehmen, um die Öffentlichkeit zu informieren, Rückrufaktionen zu starten oder Importe an den Grenzen abzufangen. Betroffene Produkte werden meist vom Markt genommen. In Deutschland laufen die Hinweise beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ein. Darin steht, um welche Produkte es geht, woher sie kommen und welche Maßnahmen im betroffenen Land ergriffen worden sind.

RASFF gibt es seit 1979. Nicht nur die EU-Staaten tauschen darüber Informationen aus. Auch Norwegen, Island, Liechtenstein und die Schweiz machen mit. Darüber hinaus können Drittstaaten über eine Online-Plattform die Meldungen abrufen. 2009 gab es rund 8000 RASFF Meldungen, so viele wie nie zuvor. Bei 557 davon handelte es sich um ernstzunehmende Warnungen über Gefahrenprodukte, die schon auf dem Markt waren.

Die anderen Gäste lachten herzlich und schüttelten die Köpfe. „Absurd“, schnaufte der neue Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach indes ist verwegen genug, nach wie vor rohe Früchte zu verzehren. Das, was Pollmer sage, stimme nicht, Obst und Gemüse seien noch immer „tendenziell“ gesund. Zudem sei Ehec in der Vergangenheit auch schon mal über Fleisch übertragen worden. Doch ehe sich der Gelehrtenstreit weiter entfalten konnte, wischte Pollmer alle Einwände vom Tisch: „Rohe Lebensmittel übertragen Krankheitskeime, ob den Herren das gefällt oder nicht. Das spielt keine Rolle, weil die Viren haben keine Ideologie, die Bakterien gehören keiner Partei an, sondern sie tun das, was sie für richtig halten.“

Kommentare (3)

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Labor

10.06.2011, 09:14 Uhr

EHEC kommt aus dem Labor und hat keinen natürlichen Ursprung !

Account gelöscht!

10.06.2011, 10:21 Uhr

Die wahren Ursachen liegen -- für sämtliche sogenannten "Fachleute" unerreichbar -- woanders. Ich darf mich mit Fug und Recht als Deutschlands unbekanntester Quantenphysiker bezeichnen. Den Schlüssel für des Rätsels Lösung habe ich längst in der Hand. Aber da bleibt er auch, weil die Zeit noch nicht reif ist, dieses habe ich inzwischen eingesehen. Wenn ich mich hier äußere, dann nur zu dem Zweck, daß diejenigen Leser des Handelsblattes, die den Dingen ebenfalls auf der Spur sind, bestärkt werden. Für die leicht veränderte Schreibweise einer nur allzu bekannten Formel E = mc² darf man eben kein "Fachmann" sein.

Fred Eric Porschéé
E = m (c)²

Account gelöscht!

10.06.2011, 10:23 Uhr

Die abfällige Bemerkung über EHEC-Patienten in der Sendung ist eine Frechheit durch diesen Schreiber. Überflüssig in dieser Sendung war alleine Frau Illner, die mit Ihren Augenklappern und offenen Mund Fragen einfach nur lächerlich wirkt.

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