Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.08.2016

11:05 Uhr

Vampir-Mythen

Geköpft, gepfählt und verbrannt

Mal blutrünstig und grausam, mal gerissen und galant: Vampire haben in der Literatur und im Film viele Facetten. Ein Gießener Historiker hat sich auf die Suche nach den Ursprüngen des Blutsauger-Mythos begeben.

Christopher Lee in einer Dracula-Verfilmung. Der Ursprung des Vampir-Mythos liegt weit in der Vergangenheit. picture-alliance / obs

Dracula

Christopher Lee in einer Dracula-Verfilmung. Der Ursprung des Vampir-Mythos liegt weit in der Vergangenheit.

GießenVampire sind heute nicht mehr nur böse Blutsauger in der Tradition von Dracula, sie können sogar sympathische Züge haben. Eine Idee, die so gar nichts mit dem Ursprung des Mythos zu tun hat, wie der Gießener Historiker Thomas Bohn sagt.

Der Vampir-Forscher hat nach den geschichtlichen Wurzeln der Blutsauger gefahndet und ging dafür europaweit auf Spurensuche. „Der moderne Vampir ist weit entfernt von den Vorstellungen, die sich Menschen vor Jahrhunderten gemacht haben“, sagt Bohn, der vor kurzem ein Buch über den „Mythos Vampir“ veröffentlicht hat. „Durch Kinofilme und Kinderbücher wirkt der Vampir heute lieb und nett. Er entfernt sich immer mehr von dem, was er eigentlich ist.“

Für seine Forschungen ist der Professor den Untoten durch die Jahrhunderte und Länder gefolgt. In Deutschland, Polen oder der Ukraine stieß er auf den Glauben an verschiedene Vampirwesen, die eines gemeinsam haben: „Im Hintergrund dieser Vorstellungen steht immer die Verabschiedung von den Toten und ihr geregelter Übergang ins Paradies“, erklärt Bohn.

Berühmte Vampire

Dracula

Der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte. 1897 erschien die Geschichte vom blutsaugenden Grafen, der seine Heimat Transsilvanien verlässt, um im viktorianischen London auf Menschenjagd zu gehen. Der irische Autor Bram Stoker ließ sich für seinen Titelhelden unter anderem von dem für seine Grausamkeit berüchtigten walachischen Fürsten Vlad III. Draculea inspirieren.

Carmilla

Eine weitere klassische Vampirgestalt mit irischen Wurzeln. Joseph Sheridan Le Fanu, der irische Altmeister der fantastischen Literatur, schuf die 1872 erschienene Novelle um den weiblichen Vampir Carmilla, der als geheimnisvoller Gast auf einem Schloss sein Unwesen treibt.

Wurdalak

Der russische Schriftsteller Alexei Tolstoi, ein Cousin des großen Leo, schuf die Gestalt des Wurdalak, eines untoten Blutsaugers, der sich seine Opfer bevorzugt aus der eigenen Familie holt. Die Erzählung „Die Familie des Wurdalak“ erschien erst 1884, neun Jahre nach Tolstois Tod, sie gilt heute als eine der gelungensten literarischen Bearbeitungen des Vampirstoffs.

Nosferatu

Neben den Dracula-Filmen mit Christopher Lee die wohl bekannteste filmische Umsetzung des Vampirstoffs – als Stummfilm 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau in Szene gesetzt, 1979 dann von Werner Herzog mit Klaus Kinski in der Titelrolle.

Graf Krolock

Der Herr der Untoten in Roman Polanskis Komödie „Tanz der Vampire“, ein gebildeter, leicht melancholischer, nichtsdestotrotz abgrundtief böser Blutsauger. Legendär die Szene, als Krolocks untoter Sohn Herbert statt in den Hals seines Opfers in ein Buch beißt, das ihm der Vampirjäger Alfred (Roman Polanski) abwehrend entgegenstreckt.

Eine Garantie dafür war, dass eine Leiche verweste. „Eine Leiche, die nicht verwest war, konnte nach den Überzeugungen der Zeitgenossen vom Teufel besessen sein“, so Bohn. Akut wurden die Ängste vor den bösen Mächten dieser Toten etwa dann, wenn Seuchen grassierten.

So versetzen im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts in Südosteuropa ungeklärte Todesfälle die Menschen in Schrecken. Wahrscheinlich brachte eine Milzbrand-Seuche seinerzeit den Menschen den Tod – doch die machten Vampirwesen verantwortlich, die den Lebenden die Energie raubten.

In Panik öffneten Dorfbewohner im Donau-Balkan-Raum Gräber und stießen auf Leichen, die unerwartet frisch oder aufgebläht wirkten, wie Bohn erzählt. Kurzerhand wurden sie geköpft, gepfählt und verbrannt, um den vermeintlichen  Untoten Einhalt zu gebieten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×