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02.09.2014

12:01 Uhr

Viel Kommerz, wenig Forschung

Kalte Dusche für Leichtgläubige

VonAxel Postinett

Dank der „Ice Bucket Challenge“ hat die ALS-Stiftung mehr als 100 Millionen eingenommen. Davon geht einiges an die Führungskräfte. Der Versuch, die Markenrechte an der „Challenge“ zu sichern, sorgt endgültig für Unmut.

Die „Ice Bucket Challenge“ hat der ALS-Stiftung enorme Spendensummen eingebracht: Wo fließen die überhaupt hin? Reuters

Die „Ice Bucket Challenge“ hat der ALS-Stiftung enorme Spendensummen eingebracht: Wo fließen die überhaupt hin?

New YorkMehr als 100 Millionen Dollar: Das ist seit Ende Juli das Spendenergebnis der „Ice Bucket Challenge“ für die ALS Association, die sich dem Kampf der seltenen Nervenkrankheit verschrieben hat. Doch immer mehr Kritik wird am angeblich zu geringem Forschungsetat und ausufernden Kosten laut. Vor allem Top-Gehälter für die Führungscrew lassen aufhorchen. Und dann wollte sich das Management auch noch den Begriff „Ice Bucket Challenge“ für sich schützen lassen, obwohl die Gesellschaft gar nichts mit ihrer Einführung zu tun hatte.

Ob Mark Zuckerberg oder Bill Gates, so mancher Prominente und/oder Milliardär schüttet sich derzeit einen Eimer Eiswasser für den guten Zweck über den Kopf. Wer diese Herausforderung besteht, muss nicht für den guten Zweck, die ALS-Stiftung, spenden, sondern darf drei weitere Kandidaten benennen. Die wiederum müssen kippen oder kneifen und dann zahlen. Eine Frage der Ehre, und Zuckerberg und Co. machen oft beides: Sie nehmen die Eisdusche und spenden. Nicht selten sechsstellige Beträge.

Die Geschichte der Ice Bucket Challenge

Peter Frates

Mit ihm hat alles angefangen. Der ehemalige College-Baseballer Peter Frates gründet nach seiner ALS-Diagnose die Stiftung „Peter Frates Fund“. Die Idee mit dem Eiswasser hatte sein Bruder. Er ließ sich dabei sich von der „Cold Water Challange“ inspirieren, die ihren Ursprung in der „Golf Channel Morning Show“ am 30. Juni 2014 hatte.

Corey Griffin

Zusammen mit dem inzwischen tragisch verunglückten Freund der Familie, Corey Griffin, organisierten die Frates die Ice Bucket Challange. Das erste Video zeigt Frates Bruder bei der Challange. Nach der kalten Dusche animierte der Bruder des ehemaligen Baseballspielers zahlreiche Stars und aktive US-Sportler an der Challange teilzunehmen.

Pittsburgh Penguins

Einige der Stars nahmen die Challenge an. Richtig Fahrt aufgenommen hat die Kampagne allerdings erst, als das NHL-Team Pittsburgh Penguins an ihr teilgenommen hat. Vor allem nachdem Craig Adams, Stürmer bei den Penguins, dessen Schwiegervater an ALS starb, am 6. August den Eishockey-Star Sidney Crosby nominierte, wurde es um die Ice Bucket Challange lauter. Nach seiner Challange ließen sich 648 weitere NHL-Spieler mit Eiswasser übergießen.

Bill Guerin

Das Phänomen schwappte auch auf die Fans über. Ausgelöst hat dies Bill Guerin, Co-Manager Pittsburgh Penguins, der nach seiner Challenge die Fans des Eishockey-Teams nominiert hatte. Danach nahm die Ice Bucket Challenge ihren Lauf.

Spenden in den USA

Die viralen Auswirkungen der Ice Bucket Challenge sorgen derzeit für einen wahren Geldregen bei den ALS-Stiftungen. Laut der Homepage der ALS Association konnten bereits knapp 80 Millionen Dollar eingesammelt werden.

Spenden in Deutschland

Auch in Deutschland hat die Challange die Spenden massiv erhöht. Bei der Berliner Charité sind bis Montag mehr als 450 Spenden eingegangen. Die Spenden zwischen fünf und 1500 Euro werden für Medikamentenforschung, aber auch für die Versorgung von ALS-Patienten verwendet.

Das weltweite Phänomen hat die bis dato eher unbekannte Gesellschaft schlagartig in das grelle Rampenlicht gezerrt. Da gibt es dann oftmals Dinge zu sehen, auf die man zuvor weniger geachtet hat. Im Jahresbericht für das abgelaufene Geschäftsjahr 2014 zum Ende Januar weist der Geschäftsbericht lediglich einen Anteil an Forschung und Entwicklung von 28 Prozent der Ausgaben auf. Dafür aber stoßen in der Steuererklärung Posten auf wie das Gehalt von Jane H. Gilbert, der Präsidentin und CEO, mit 339.475 Dollar oder von Finanzchef Daniel M. Reznikov mit 201.260 Dollar.

Insgesamt werden zehn Gehaltsempfänger mit blumigen Titeln wie „Chief Chapter Relations and Development Officer“ und Gehältern weit jenseits der 100.000-Dollar-Marke aufgeführt. Zusammen mit den Ausgaben für die Spendensammlung und Verwaltung beläuft sich der Kostenblock ohne direkten Patientenbezug auf 21 Prozent der damals 29 Millionen Dollar Spendengelder.

Kommentare (3)

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Herr Torsten Steinberg

02.09.2014, 12:30 Uhr

Im abgelaufenen Geschäftsjahr 29 Millionen Spendengelder, davon 21% ausgegeben ohne direkten Patientenbezug, sagen wir mal rund 1/5 von 30 Millionen, also 6 Millionen. Diese 6 Millionen sind aber nicht nur für hohe oder sogar überhöhte Gehälter verwendet worden, sondern auch für Spendensammlung und Verwaltung. Schade, dass nicht dargestellt wird, was für Aufwendungen neben Gehältern in welcher Höhe für Spendensammlung und Verwaltung angefallen sind. Klar ist, auch Reisen zu dem Zweck dienlichen Veranstaltungen sowie die Ausrichtung von solchen Events, Anmietung geeigneter Räumlichkeiten etc. sind nicht umsonst.

Davon abgesehen: Wenn die Ice Bucket Challenge, die sich ja zu einem Selbstläufer entwickelt hat und keinen erhöhten Personalaufwand erforderlich macht, schon 100 Millionen eingebracht hat, während gleichzeitig die Kosten ohne direkten Patientenbezug ungefähr auf dem Niveau von 6 Millionen verharren, würde das bedeuten, dass in diesem Geschäftsjahr dank der Einnahmen aus der Ice Bucket Challenge 94 Millionen, also 94 % der Einnahmen, direkt für den Spendenzweck verwendet werden könnten. Ein Rekord!

Davon abgesehen halte ich persönlich die Ice Bucket Challenge für dermaßen albern, dass ich bisher noch kein Wort darüber verloren habe. Nur die hier dargestellte Argumentation gegen die Organisation ist es mindestens ebenso und grenzt daran, den Tatbestand des Rufmords zu erfüllen. Wohl aus Neid und aus Verzweiflung darüber, dass in diesen ernsten Zeit ausgerechnet Quatsch den größten Erfolg hat.

Herr Guido Karp

02.09.2014, 19:33 Uhr

Ähm.... Schade, diese unreflektierten Artike, die eine an sich gute Sache zerreden.

"Man sollte nicht dem Fehler unterliegen, jeden Mist den irgendjemand im Netz verbreitet unreflektiert zu übernehmen. Die wichtige Message aus der von ALS veröffentlichten Torte ist, dass lediglich 7% der Spenden für interne Zwecke verwendet werden.

Das heisst das 93% des gesamten Spendenaufkommens zweckmäßig für die AlS eingesetzt werden.

Da die Basis dieser Torte etwa nur ein Viertel des aktuellen Spendenaufkommens ausmacht, ist damit zu rechnen, daß bei der nächsten Bilanzierung dieser Wert nochmals abnehmen wird.

Das finde ich grandios und dieser niedrige Verwaltungskostenanteil iat für eine amerikanische Charity - Organisation super.
Merke: Nicht immer alles glauben was im Netz steht ohne den eigenen Kopf einzusetzen.....

Für ein Unternehmen mit Millionenumsätzen finde ich die Gehälter eher mager. Man darf nicht dem Fehler unterliegen die deutsche ehrenamtliche Vereinstätigkeit mit dem amerikanischen charity fund raising gleichzusetzen.

In den USA sind das in aller Regel Vollprofis die nichts anderes machen als ihren Job für den betreffenden Fund. Und da finde ich die Gehälter angesichts des Aufwandes eher mager. Vor allem wenn man dann noch berücksichtigt dass dem Dollar gegenüber dem Euro 25% fehlen.....

Endlich einmal sind Menschen aus aller Herren Länder ohne soziale Schranken und ohne Vorurteile zusammen gekommen nicht um jemand anderem auf die Mütze zu schlagen, sondern um gemeinsam etwas positives zu bewirken.

DAS ist das eigentlich geniale an der Aktion. Dass dann ein paar Hohlköpfe wieder einmal mehr mit gezielten Falschinformationen versuchen diese uneingeschränkt positive Sache herunterzumachen war genauso zu erwarten wie auch überflüssig.

Herr Arne Peper

03.09.2014, 09:58 Uhr

Als Geschäftsführer des Deutschen Fundraising Verbandes kann ich mich den Herren Steinberg und Karp nur anschließen.
Schade, dass eine seriöse Zeitschrift wie das Handelsblatt ohne tiefere Recherche recht unreflektiert polemisiert.
Die Spendenbilanz haben meine Vorredner recht treffend analysiert.
Eine Anmerkung von mir zu den Entlohnungen:
Die "blumigen" Titel der handelnden Personen sind in den USA übliche Bezeichnungen für hauptamtliche Fundraiser. Sicherlich sind die Gehälter nach deutschem Maßstab hoch, aber müssen, wie schon erwähnt, in Relation zu den dortigen Gegebenheiten gesetzt werden.
Pauschale Bemerkungen wie "extrem gut bezahlt" suggerieren außerdem, dass das überall, und somit auch hier in Deutschland so ist. Das befeuert unnötigerweise Vorurteile über spendensammelnde Organisationen. Hier hätte ich beim Handelsblatt eigentlich eine ausgewogenere Berichterstattung erwartet.
Nach unserer Gehaltstudie, die wir dieses Jahr wieder neu auflegen werden, und nach unseren Empfehlungen an Vereine und Verbände, werden Verwaltungsmitarbeiter, zu denen Fundraiser zählen, in der Regel nach dem Bundes-Angestelltentarifvertrag (BAT) des öffentlichen Dienstes entlohnt. Im Detail hängt das auch immer von der Berufserfahrung, der Organisationsgröße, und immer noch vom Bundesland und Geschlecht ab. Wobei gerade bei der genderbezogenen Bezahlung viele Organisationen vorbildlich sind. Es gibt in Deutschland sogar Vereine, bei denen alle Mitarbeiter dasselbe verdienen. Die häufig sehr gut ausgebildeten und nicht selten mit einem Universitätsabschluss versehenen Fundraiserinnen und Fundraiser arbeiten dabei mit hohem Engagement, Herzblut und großem zeitlichen Einsatz deutlich unter dem Lohnniveau, das sie in der freien Wirtschaft erhalten könnten.

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