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20.02.2017

11:12 Uhr

Volkskrankheit Kopfschmerzen

„Viele Patienten sitzen in der Pillenfalle“

VonPeter Thelen

Immer mehr junge Leute greifen zu Tabletten, wenn es im Hirn pocht. Und bekommen dann erst recht Kopfschmerzen. Stress und hoher Leistungsdruck könnten laut Barmer die Ursache sein. Wie die Krankenkasse helfen will.

Rund 1,3 Millionen Deutsche leiden an dem unangenehmen Schmerz – das sind 400.000 mehr als noch im Jahr 2005. dpa

Volkskrankheit Kopfschmerzen

Rund 1,3 Millionen Deutsche leiden an dem unangenehmen Schmerz – das sind 400.000 mehr als noch im Jahr 2005.

BerlinImmer mehr junge Erwachsene leiden unter Kopfschmerzen. Allein im Zeitraum von 2005 bis 2015 ist der Anteil der 18- bis 27-Jährigen mit Kopfschmerzdiagnosen um 42 Prozent gestiegen. Das geht aus dem aktuellen Barmer-Arztreport hervor, der am heutigen Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Danach sind inzwischen 1,3 Millionen junge Erwachsene von einem ärztlich diagnostizierten Pochen, Klopfen und Stechen im Kopf betroffen – das sind 400.000 mehr als noch im Jahr 2005. Über die Ursachen könne man nur spekulieren, so Barmer-Vorstandschef Christoph Straub.

Er vermutet jedoch wachsenden Stress und Leistungsdruck als Ursache. „Gerade junge Erwachsende brauchen bessere Präventionsangebote. Sport, Entspannungstechniken oder eine gesunde Lebensführung könnten dabei helfen, Kopfschmerzen zu vermeiden.“

Diese Dinge auf der Arbeit können krank machen

Überstunden

Die Folgen von permanenten Überstunden können Angst, Depressionen, Schlafstörungen, Feindseligkeit, Irritation als auch Herz-Kreislauf-Schwäche sein. Vor allem Schichtarbeit erhöht laut Report das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall.

Die Initiative Gesund und Arbeit hat in ihrem Report untersucht, welche Faktoren auf der Arbeit möglicherweise krank machen können.

Geringer Handlungsspielraum

Wer wenig Handlungsspielraum bei der Arbeit hat, erkrankt laut Untersuchung mit höherer Wahrscheinlichkeit an Bluthochdruck. "Je geringer der Handlungsspielraum, desto höher der systolische Blutdruck", heißt es. Deshalb bewertet die IGA das Fehlen eines Handlungsspielraumes als Gesundheitsrisiko.

Arbeitsintensität

Wenn die Arbeitsbelastung über einen längeren Zeitraum enorm stark ausfällt, besteht laut Studie die Gefahr, dass Arbeitnehmer an psychischen Störungen oder Depressionen erkranken. Für somatische Erkrankungen sei kein Risikofaktor nachweisbar gewesen.

Mobbing

Mobbing, aber auch sexuelle Belästigungen führen möglicherweise zu Depressionen und Angstzuständen.

Mangelnde soziale Unterstützung

Mit sinkender sozialer Unterstützung steigt laut Report das Risiko für Depressionen.

Rollenstress

Wer seine Rolle bei der Arbeit nicht genau kennt – oder aufgrund seiner Arbeitsrolle Konflikte austragen muss, hat laut Studie ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angst und Anspannung.

Job-Strain-Modell

Dieses Modell beruht auf der Annahme, dass beruflicher Stress insbesondere dann entsteht, wenn der Arbeitnehmer gleichzeitig hohen Anforderungen und geringem Kontroll- und Entscheidungsspielraum ausgesetzt ist.

Die Folgen können psychische Erkrankungen, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Diabetes sein.

Keine Anerkennung

Geforderte Verausgabung ohne Belohnung kann laut Report zu psychischen Beeinträchtigungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Pendeln

Pendler neigen laut Studie eher dazu, gestresst zu sein.

Befristete Verträge

Befristete Verträge sowie Leih- und Zeitarbeit können zu Gesundheitsbeeinträchtigungen führen. Das liegt laut Report daran, dass diese Arbeitnehmer das Leben nicht vorausschauend planen können, sich dem Unternehmen nicht zugehörig fühlen und meistens geringer entlohnt werden als andere Mitarbeiter.

Arbeitsplatz-Unsicherheit

Arbeitsplatzunsicherheit kann laut Untersuchung zu einem signifikant erhöhten Risiko von psychischen Beeinträchtigungen wie Angst, Depressionen und Stresserleben führen sowie zu kardiovaskulären Erkrankungen.

Stattdessen, so ein weiteres Ergebnis des Arztberichts, greifen selbst Kinder immer häufiger zur Kopfschmerztablette – sogar bei geringen Beschwerden. Hintergrund: Die Barmer hat Kinder und Jugendliche zwischen neun und 19 Jahren befragen lassen. 40 Prozent gaben an, sie nähmen bei Kopfschmerzen regelmäßig Medikamente ein. 42 Prozent greifen sogar jedes Mal zu Pillen, von denen die meisten in der Apotheke frei verkäuflich sind.

„Die regelmäßige Einnahme von Schmerztabletten gefährdet aber die Gesundheit“, so Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer des Aqua-Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen in Göttingen.

Auch bei den Erwachsenen wächst die Zahl der Kopfschmerzdiagnosen. Über alle Altersklassen lag der Zuwachs bei 12,4 Prozent. Insgesamt waren 2015 9,3 Prozent der Bevölkerung betroffen. Das sind 7,6 Millionen Menschen. Am häufigsten wurden Kopfschmerzen im Alter von 19 Jahren diagnostiziert.

19,7 Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe waren betroffen und 13,8 Prozent der Männer. Die Dunkelziffer sei mit Sicherheit weit höher, mutmaßt Straub. „Junge Leute gehen seltener zum Arzt.“ Viele Erkrankungen dürften deshalb gar nicht festgestellt werden.

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