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16.11.2015

19:51 Uhr

Vom Terror traumatisiert

„Die Summe unserer Ängste bleibt immer gleich“

Quelle:Tagesspiegel

Wie kann man den traumatisierten Menschen in Paris helfen? Christian Lüdke hat viele Opfer und Angehörige solcher Angriffe betreut. Im Interview zeigt er auf, wie man einen solchen Anschlag verarbeiten kann.

"Not Afraid" (keine Angst) ist auf einem Plakat vor der französischen Botschaft am Brandenburger Tor in Berlin zu lesen. Der Terrorangriff in Paris hat weltweit Entsetzen ausgelöst. dpa

Keine Angst

"Not Afraid" (keine Angst) ist auf einem Plakat vor der französischen Botschaft am Brandenburger Tor in Berlin zu lesen. Der Terrorangriff in Paris hat weltweit Entsetzen ausgelöst.

Herr Lüdke, aus Sicht eines Traumatherapeuten: Was ist jetzt in Paris zu tun?

Grundsätzlich geht es darum, möglichst schnell Abstand zu bekommen, Ruhe zu finden und vor allem gesicherte Informationen zu erhalten. Informationen geben Sicherheit. Das schlimmste Erlebnis für die Pariser ist jetzt, dass ihr persönliches Sicherheitsgefühl erschüttert ist.

Wer kann in einer solchen Situation Sicherheit vermitteln?

Stabile Personen, das sind jetzt etwa Politiker, Hoheits- und Sicherheitskräfte, aber auch Menschen im privaten Umfeld. Es hört sich vielleicht etwas kühl an, aber was man jetzt braucht sind Menschen wie der jüngst verstorbene Helmut Schmidt – Menschen, die nicht weinend vom Stuhl fallen. An ihnen können sich andere orientieren, aufrichten.

Übersicht über Attentate in Frankreich in der Vergangenheit

Mai 1978

Palästinensische Terroristen eröffnen am Flughafen Orly das Feuer auf Passagiere, die ein Flugzeug nach Tel Aviv besteigen wollen. Acht Menschen sterben, bei ihnen handelt es sich um drei Angreifer, zwei Polizisten und drei Passagiere. Drei weitere Passagiere werden verletzt.

Oktober 1980

Vor einer Synagoge in der Pariser Rue Copernic geht eine Bombe hoch - vier Menschen sterben, rund 20 weitere werden verletzt.

März 1982

Bei einem Anschlag auf einen Zug zwischen Toulouse und Paris werden fünf Menschen getötet und 77 verletzt. An Bord sollte ursprünglich der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac sein. Der Terrorist Carlos soll in den Anschlag verwickelt sein.

August 1982

Bei einem Anschlag auf das Restaurant "Goldenberg" im jüdischen Viertel von Paris werden sechs Menschen getötet und 22 verletzt. Bis heute ist nicht klar, wer für die Tat verantwortlich ist.

Juli 1983

Am Turkish-Airlines-Schalter am Flughafen Orly südlich von Paris explodiert ein Sprengsatz, wodurch acht Menschen getötet und 54 verletzt werden.

Dezember 1983

Zwei Menschen sterben und 34 werden verletzt, als eine Bombe am Bahnhof Saint Charles in Marseille explodiert. Nur wenige Minuten zuvor sterben bei einer Bombenexplosion in einem Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke Marseille-Paris drei Menschen. Zu beiden Anschlägen bekennt sich eine arabische Gruppe mit Verbindungen zu dem Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos.

September 1986

Vor einem Kaufhaus in Paris explodiert eine Bombe - sieben Menschen werden getötet und rund 55 weitere verletzt. Der Anschlag reiht sich in eine Serie von Attentaten eines proiranischen Terrornetzwerks in den Jahren 1985 und 1986 ein. Insgesamt sterben bei diesen Anschlägen 13 Menschen, mehr als 300 werden verletzt.

Juli 1995

In einem RER am Bahnhof Saint-Michel im Zentrum von Paris explodiert eine Bombe. Acht Menschen sterben, 119 werden verletzt. Der Anschlag wird algerischen Extremisten zugeschrieben. Es ist das blutigste Attentat einer Reihe von Anschlägen in diesem Sommer, bei denen insgesamt acht Menschen sterben und mehr als 200 verletzt werden.

Dezember 1996

Bei einem Anschlag auf einen Regionalzug (RER) in Paris sterben vier Menschen. Weitere 91 werden verletzt. Es gibt Ähnlichkeiten zu einer Anschlagsserie vom Sommer 1995.

März 2012

Der 23-jährige Mohammed Merah erschießt innerhalb von vier Tagen in Toulouse und Montauban drei Soldaten auf offener Straße. Wenige Tage später erschießt er drei Kinder und einen Lehrer einer jüdischen Schule in Toulouse. Am 22. März wird Merah von einer Spezialeinheit getötet.

Januar 2015

Drei Extremisten töten bei einer mehrere Tage dauernden Terrorwelle in Paris 17 Menschen, bevor sie selbst erschossen werden. Zunächst greifen zwei Brüder das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ an und erschießen zwölf Menschen. In den Tagen darauf tötet ein weiterer Extremist eine Polizistin und nimmt in einem koscheren Supermarkt Geiseln. Vier jüdische Kunden sterben.

Juni 2015

Ein wegen seiner Kontakte zur Salafisten-Szene bekannter Mann enthauptet seinen Chef und bringt den Kopf neben islamistischen Flaggen am Zaun eines Gaslagers nahe Lyon an. Anschließend bringt er auf dem Industriegelände mehrere Gasflaschen zur Explosion, bevor er von Feuerwehrleuten überwältigt wird.

August 2015

Ein schwerbewaffneter Mann eröffnet in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris das Feuer und verletzt zwei Menschen schwer. Der radikale Islamist wird von US-Soldaten überwältigt, die zufällig an Bord des Zuges sind.

Aber Paris erlebt nach den Attentaten rund um die Satirezeitung „Charly Hebdo“ jetzt schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres mörderische Anschläge. Da ist doch jedes Sicherheitsgefühl endgültig weg.

Wenn wir zunächst vom einzelnen Menschen sprechen, ohne zu verallgemeinern, Menschen, die sozusagen zweimal ein Trauma erlebt haben, dann wäre das jetzt ein starker Risikozustand. Ein Überfall, eine Gewalttat ist schlimm genug, wenn Menschen danach noch ihren Job, ihren Partner oder andere Dinge lieb gewonnene verlieren, kommt die Vortraumatisierung wieder an die Oberfläche.

Die normalerweise guten, bei sehr vielen Menschen existierenden Bewältigungsstrategien versagen dann. Das darf jetzt nicht im Übermaß passieren, sonst bricht Panik aus und es kann zu einer chronischen Angststörung kommen.

Alle Menschen in Paris oder in anderen Städten gehören ja zu einer Gemeinschaft, haben eine Identität als Stadt. Was wird daraus?

Die Gruppe entscheidet, wie sie zusammenlebt. Das ist eine alte Erkenntnisidee, und dahinter steckt auch der Begriff der Schicksalsgemeinschaft. Das kann eben auch eine Stärke sein, sich jetzt als eine Stadt zu fühlen, wenn auch als eine verletzte, verletzbare, verwundete.

Außerdem können die Pariser, diese Schicksalsgemeinschaft, nun sagen: Es war niemand von uns, das waren andere, die gehören nicht zu uns. Umgekehrt wäre es schlimmer. Beziehungstaten sind das schlimmste für Menschen, also Taten, die in der eigenen Familie, hier in der eigenen Gemeinschaft begangen werden. Die Stadt wird enger zusammenrücken, so wie in New York, sie wird nicht auseinanderfallen.

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