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10.06.2013

12:06 Uhr

Walter Jens verstorben

Deutschland verliert eine moralische Instanz

Trauer um Walter Jens: Der Autor und Professor ist im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben. Jens galt als streitbarer Geist, Moralist und engagierter Intellektueller. Seinen Lebensabend überschattete die Demenz.

Der Literaturwissenschaftler, Philologen und Schriftsteller Walter Jens und seine Frau Inge im Jahr 2007. dpa

Der Literaturwissenschaftler, Philologen und Schriftsteller Walter Jens und seine Frau Inge im Jahr 2007.

TübingenSein Abschied von der Welt hat viele Jahre gedauert. Zuletzt konnte Walter Jens nicht mehr reden und nicht mehr schreiben. Einer der größten Intellektuellen der deutschen Nachkriegsgeschichte war durch seine Demenz-Erkrankung noch zu Lebzeiten verstummt. Doch er hing an dieser Existenz: Der Mann, für den ein Leben ohne die Künste früher so unvorstellbar schien, dass er dann lieber durch eine tödliche Spritze sterben wollte, hat bis zuletzt am Leben festgehalten, wie seine Familie erzählt. Am Sonntagabend ist der Tübinger Professor und langjährige Präsident der Berliner Akademie der Künste im Alter von 90 Jahren gestorben.

Immer waren es die Künste, für die sich der Literaturliebhaber und -wissenschaftler zeitlebens einsetzte. Jens war einer der profiliertesten streitbaren Geister in Deutschland, der sich von keinem Kanzler, Präsidenten oder anderem Landesherrn einschüchtern ließ. „Ich habe gern und oft verloren und bin ein klein wenig zernarbt“, sagte er einmal. „Man muss auch eher verlieren können als sich anzupassen.“

Viele sahen in Walter Jens eine „moralische Instanz“ und einen engagierten Demokraten. Der sprachmächtige Aufklärer und Christ brillierte mit einem Bildungskanon des Universalwissens, der andere staunen ließ - vom Neuen Testament und altgriechischen Tragödien über Philosophie bis zur Mondlandung oder dem von ihm so geliebten Fußball („ein königliches Spiel mit allen Unberechenbarkeiten des Lebens“).

Eigentlich wollte der Hamburger Bankierssohn Strafverteidiger oder Prediger werden. 1947 begann er mit dem Schreiben - im Laufe der Jahrzehnte entstanden Romane, Dramen, Hörspiele und Essays. 1950 kam er als Dozent an die Universität Tübingen, wo er 38 Jahre lang lehrte und den bislang bundesweit einzigen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik aufbaute. 1950 stieß er auch zu der legendären Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“. Im selben Jahr gelang ihm der Durchbruch als Erzähler mit dem utopischen Roman „Nein. Die Welt der Angeklagten“. Später übersetzte er Evangelien aus dem Neuen Testament, erzählte die Odyssee nach und widmete sich dem „Fall Judas“, den er ungerecht beurteilt sah. Viele Neuauflagen erlebte sein Standardwerk „Statt einer Literaturgeschichte“ von 1957.

Vor allem aber prägte er wie nur wenige als gesellschaftspolitisch engagierter Moralist und Pazifist das geistige Nachkriegsdeutschland. Immer war Jens aneckend oder anregend, beides war ihm recht. Mit Emile Zolas Dreyfus-Parole „J'accuse!“ („Ich klage an“) meldete er sich zu Wort, wo immer er das Recht mit Füßen getreten sah. Sein geschliffenes Wort war gefürchtet und hatte Gewicht in der Republik.

Gemeinsam mit seiner Frau Inge wurde er in den 1980er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung. 1984 beteiligte er sich an Sitzblockaden vor dem amerikanischen Atomwaffendepot Mutlangen, während des Golfkriegs 1990 versteckte er zwei desertierte US- Soldaten in seinem Tübinger Haus und kam dafür wegen Beihilfe zur Fahnenflucht vor Gericht. „Intellektuelle müssen sich einmischen und warnen“, war sein Glaubensgrundsatz. „Das Wenige, was wir tun können, das kann man von uns auch erwarten, sonst mag man nicht mehr so gerne in den Spiegel schauen.“ Wenn ihm etwas verächtlich war, dann waren es Anpasser und Denunzianten.

Kommentare (2)

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AxelSiegler

10.06.2013, 13:10 Uhr

.. also ich kann JETZT schon einem leckeren Essen oder einem zutraulichem Tier einiges abgewinnen & mich daran erfreu'n!

Sarina

10.06.2013, 13:28 Uhr

Mit seinem Tot bewegen wir uns weiter auf die vom rot-grünen Verblödungsmilieu angestrebte Mittelmäßigkeit zu!

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