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22.07.2014

15:24 Uhr

Welt-Aids-Konferenz

Sexarbeiterinnen mischen Aids-Tagung auf

Strapse und Korsetts sind auf einer Wissenschaftskonferenz eher selten zu sehen. Bei der Welt-Aids-Konferenz in Melbourne treten Prostituierte aber selbstbewusst ins Rampenlicht. Und stehlen auch mal das Mikrofon.

„Ich bin kein Opfer und schäme mich nicht für meinen Job.“ - Sexarbeiterin Emy Fem. dpa

„Ich bin kein Opfer und schäme mich nicht für meinen Job.“ - Sexarbeiterin Emy Fem.

BerlinEin roter BH unter schwarzer Spitze, ellenlange Beine in Netzstrümpfen unter einem Lack-Minirock: So steht Emy Fem aus Berlin auf einer Bühne bei der Welt-Aids-Konferenz. In einer Performance über Sexarbeit fordert sie Stereotypen heraus. „Sind Sexarbeiterinnen Sklaven, Drogenabhängige, verkaufen sie ihre Seele? Oder sind es Menschen mit Gefühlen?“ ruft sie. „Ich ficke für Geld, aber ich bin kein Opfer, ich schäme mich nicht für meinen Job.“

Prostituierte stehen bei der Welt-Aids-Konferenz im Rampenlicht wie nie zuvor. In diesem Jahr widmet die medizinische Fachzeitschrift „Lancet“ dem Thema zur Konferenz ein ganzes Heft.

Kampf gegen Aids - eine Chronologie

1959

Ende der 1950er Jahre entnehmen Ärzte einem Mann im Kongo eine Blutprobe. Jahrzehnte später wird festgestellt, dass sich darin HIV-Antikörper befinden.

1981

Die US-Gesundheitsbehörden melden, dass immer mehr Homosexuelle unter bis dahin seltenen Infektionen und Hauttumoren leiden. Die Erkrankten sollen Sex mit vielen verschiedenen Menschen gehabt haben.

1982

Krankheitsfälle treten auch bei Drogenabhängigen und Blutern auf. Die Krankheit bekommt den Namen Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, Erworbenes Immunschwäche-Syndrom). Erste Aids-Diagnose in Deutschland.

1983

Luc Montagnier und seinen Kollegen vom Pasteur-Institut in Paris gelingt es, das Aids-Virus zu isolieren. Montagnier erhält dafür später den Nobelpreis.

1984

Der US-Forscher Robert Gallo entwickelt ein Zellkultursystem und schafft damit die Voraussetzung für die Entwicklung erster Aids-Tests.

1985

Die erste internationale Aids-Konferenz tagt. 27 Millionen deutsche Haushalte bekommen Informationsbroschüren zugeschickt.

1986

Experten bezeichnen den Aids-Erreger einheitlich als HIV (Human Immunodeficiency Virus, Humanes Immunschwächevirus).

1987

Das erste Aids-Medikament AZT wird in den USA und wenig später auch in Deutschland zugelassen. Es kann die Virus-Vermehrung etwas bremsen, Aids aber nicht heilen.

1991

Die rote Schleife (Red Ribbon) wird zum internationalen Aids-Symbol. Queen-Sänger Freddie Mercury stirbt an Aids.

1993

Tom Hanks spielt in dem Film „Philadelphia“ einen homosexuellen und HIV-positiven Rechtsanwalt – und bekommt dafür ein Jahr später den Oscar.

1994

Ein jahrelanger Streit zwischen Frankreich und den USA um die Entdeckung von HIV und die Aufteilung der Gewinne aus dem Verkauf von Aids-Tests wird beendet.

1996

Für Aufsehen sorgt die Entdeckung, dass einige Menschen eine genetisch bedingte, wenn auch nicht vollständige HIV-Resistenz haben.

1999

Schweizer Ärzte haben außergewöhnlichen Erfolg mit der Hochdosis-Kombinationstherapie aus mehreren Aids-Medikamenten (HAART), in der Folge wird diese Strategie zur Standardbehandlung.

2002

Der Globale Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria wird zur Finanzierung nationaler Maßnahmen gegen diese Krankheiten gegründet.

2003

Mit dem Fusionshemmer Enfuvirtid (Handelsname Fuzeon) kommt in den USA und der EU eine vierte Klasse von Aids-Medikamenten auf den Markt, nach den sogenannten Nukleosiden, Protease-Hemmern und Transkriptase-Hemmern.

2008

Luc Montagnier wird gemeinsam mit Françoise Barré-Sinoussi für die Entdeckung von HIV der Medizin-Nobelpreis verliehen.

2010

Barack Obama hebt das in den USA seit 1987 geltende Einreiseverbot für HIV-Positive auf.

2014

Bei dem als geheilt geltenden „Mississippi-Baby“ entdecken Ärzte erneut das HI-Virus. Das Mädchen war kurz nach der Geburt mit drei Medikamenten behandelt worden, nach einem halben Jahr entzog es die Mutter einer weiteren Therapie. Monate später war das Kind dennoch virenfrei gewesen.

In vielen Ländern sind überdurchschnittlich viele Sexarbeiterinnen mit dem HI-Virus infiziert, weil sie in der Illegalität oft keine Kondome, keine HIV-Tests und keine Medikamente bekommen. Die „Lancet“-Botschaft: Wenn auf den Menschenrechten von Prostituierten herumgetrampelt wird, ist die Aids-Epidemie niemals in den Griff zu bekommen.

Es mag zwar das älteste Gewerbe der Welt sein, aber in vielen Ländern der Welt ist es verboten, gegen Geld Sex anzubieten. Das zwingt Prostituierte in Hinterhöfe und abgelegene Bezirke und öffnet Missbrauch, Ausnutzung und Gewalt Tür und Tor. Polizeigewalt ist üblich, wie die bisexuelle Daisy Nakato aus Uganda berichtet. „Sie stürmten in mein Zimmer, nahmen mich und meinen Partner mit den Worten fest: Wir jagen Homos, bis sie ausgerottet sind.“

„Ich werde ständig überwacht und mir droht die Einweisung in ein Umerziehungslager“, berichtet Ye Haiyan aus China. Ihr Pass wurde einbehalten, sie konnte nicht nach Melbourne reisen. Ihre Geschichte wird von Freunden verlesen. „Wir können zwar zum HIV-Test gehen, aber in der Klinik sitzt man vor dem Zimmer wie auf dem Präsentierteller – da wird mit dem Finger auf uns gezeigt“, sagt Angkis aus Osttimor.

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