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01.06.2015

06:07 Uhr

Weltraumbahnhof Baikonur

Russlands Tor zur Unendlichkeit

Der erste Mensch im All begann hier seine historische Reise, unzählige Raketen sind vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan gestartet. Doch zum 60. Jubiläum scheint die Zukunft des weltgrößten Kosmodroms ungewiss.

Russlands Weltraumbahnhof ist in die Jahre gekommen. Nach den jüngsten Raumfahrtpannen herrscht Startverbot in Baikonur. dpa

Raketenstart in Baikonur

Russlands Weltraumbahnhof ist in die Jahre gekommen. Nach den jüngsten Raumfahrtpannen herrscht Startverbot in Baikonur.

BaikonurDer Bau in der kasachischen Steppe war ein Staatsgeheimnis, die Erfolge sind legendär – und noch heute ist der Ort geheimnisumwittert: Baikonur, das größte Kosmodrom der Welt. Voller Stolz begeht der russische Weltraumbahnhof, auf dem der erste Mensch im All seine historische Reise begann, an diesem Dienstag (2. Juni) seinen 60. Jahrestag. Triumph und Trauer liegen aber diesmal eng beieinander – denn inmitten einer schweren Krise der russischen Raumfahrt ist es alles andere als ein unbeschwertes Jubiläum.

Gleich zwei Fehlstarts innerhalb weniger Tage haben das Selbstvertrauen der stolzen Raumfahrtnation erschüttert. Erst verglühte ein außer Kontrolle geratener Frachter mit Nachschub für die Internationale Raumstation ISS in der Erdatmosphäre. Dann stürzte eine defekte Trägerrakete mit einem Satelliten in die sibirische Wildnis.

Die Pannenserie der russischen Raumfahrt

Mai 2015

Eine Proton-M-Trägerrakete mit einem mexikanischen Satelliten an Bord stürzt kurz nach dem Start über Sibirien ab.

April 2015

Eine Sojus-Trägerrakete versagt bei dem Versuch, einen Progress-Versorgungstransporter auf den Weg zur Raumstation zu bringen. Der außer Kontrolle geratene Transporter verglüht wenige Tage später in der Erdatmosphäre.

Februar 2013

Nur 20 Sekunden nach dem Start von einer schwimmenden Plattform im Pazifik stürzt eine Rakete mit einem Kommunikationssatelliten ins Meer. Experten vermuten, dass die russischen Antriebssysteme versagten.

August 2012

Durch einen Fehler bei der dritten Stufe der russischen Proton-Trägerrakete geraten ein russischer und ein indonesischer Satellit in eine falsche Umlaufbahn. Roskosmos kostet der Fehlstart rund 150 Millionen Euro.

Januar 2012

Die 120 Millionen Euro teure Marsmondsonde „Phobos Grunt“ stürzt unkontrolliert in den Pazifik. Eine Mischung aus menschlichem Versagen und technischen Fehlern soll die Ursache gewesen sein.

Januar 2012 - 2

Wegen einer undichten Landekapsel und einem Kurzschluss nach einem Kabelbruch verschiebt Russland zwei bemannte Weltraumflüge und den Start einer Trägerrakete mit einem Satelliten. Durch die Pannen müssen drei der sechs Crew-Mitglieder der Internationalen Raumstation ISS einen Monat länger als geplant im All bleiben.

Dezember 2011

Wegen einer fehlerhaften Zündung der dritten Stufe einer Sojus-Rakete verliert Russland einen militärischen Kommunikationssatelliten. Der „Meridian“-Satellit stürzt in Sibirien ab. Der Schaden wurde auf rund 50 Millionen Euro geschätzt.

August 2011

Ein unbemannter Versorgungstransporter mit 2,6 Tonnen Nachschub für die ISS stürzt ab. Kurz nach dem Start des Raumschiffs vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan traten Probleme mit der Zündung der dritten Stufe der Sojus-Trägerrakete auf. Erst wenige Tage zuvor war kurz nach dem Start von Baikonur der Kontakt zu einem Nachrichtensatelliten abgerissen. Der „Express AM-4“-Satellit stürzt im März 2012 in den Pazifik.

Dezember 2010

Wegen des Fehlstarts einer Proton-Rakete in Baikonur verliert Russland auf einmal drei Satelliten für sein geplantes Navigationssystem Glonass. Der Schaden wird auf mehrere 100 Millionen Euro geschätzt. Die Satelliten fallen in den Pazifik.

Seitdem herrscht Startverbot in Baikonur, wo – im Unterschied etwa zum US-Weltraumbahnhof Kennedy Space Center – niemand klatscht nach dem Abheben einer Rakete. „Das ist doch Routine“, sagen russische Ingenieure meist mit einem Schulterzucken.

Alles war streng geheim, als die Sowjetführung in Moskau 1955 den Bau des Forschungs- und Testgeländes Nr. 5 nahe der Bahnstation Tjuratam in Kasachstan beschloss. Sergej Koroljow, der Chef der sowjetischen Raketenforschung, benötigte damals einen neuen Startplatz für die Interkontinentalrakete R-7.

Baikonur (etwa: Reiches Tal), rund 2500 Kilometer südöstlich von Moskau, schien ideal: Der Ort in der Steppe liegt abseits von Wohngebiet, weist kaum Niederschlag auf, und wegen der Äquatornähe kann die Rakete auf ihrem Tausende Kilometer langen Flug über russisches Gebiet den Schwung der Erdumdrehung nutzen. Am 2. Juni 1955 legte Moskau den Generalplan fest, dies gilt als Geburtsstunde der Startbahn ins All.

Unter gewaltigen Mühen stampften Baubrigaden Gebäude und Rampen aus dem Boden. Alles musste von weit her herbeigeschafft werden – mit der Eisenbahn bis Tjuratam und dann weiter mit Kamelen und Lastwagen. „Der Bau war eine Heldentat für ein Volk, das gerade einen Weltkrieg überstanden hatte“, betonte Kremlchef Wladimir Putin einmal. Die Erbauer von Baikonur campierten in Bahnwaggons und Nomadenzelten.

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