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21.10.2014

11:42 Uhr

Wilde Spekulationen

Die große Ebola-Verschwörung

Die schwerste Ebola-Epidemie aller Zeiten ruft weltweit Verschwörungstheoretiker auf den Plan. Ihre abenteuerlichen Konstrukte können für die Helfer in den von der Krankheit heimgesuchten Gebieten zur Gefahr werden.

Trotz aller Bemühungen der Helfer sind schon mehr als 4000 Menschen dem Ebola-Virus zum Opfer gefallen. Der tödliche Erreger ruft aber auch Verschwörungstheoretiker auf den Plan. ap

Trotz aller Bemühungen der Helfer sind schon mehr als 4000 Menschen dem Ebola-Virus zum Opfer gefallen. Der tödliche Erreger ruft aber auch Verschwörungstheoretiker auf den Plan.

BerlinEs ist der bislang schlimmste Ausbruch von Ebola in der Geschichte der Menschheit: Mehr als 4000 Menschen sind dem gefährlichen Virus bislang schon zum Opfer gefallen, in den betroffenen Gebieten in Westafrika mühen sich die Helfer bislang vergeblich, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen.

Doch was für Mediziner vor allem eine Frage von Ansteckung und Ausbreitung ist, bietet Verschwörungstheoretikern weltweit Stoff für wilde Spekulationen. In Tweets, Online-Foren und Zeitungsartikeln verbreiten sie ihre Theorien mit einer Geschwindigkeit, die der des Virus in Westafrika kaum nachsteht.

„Ich denke, diese Ebola-Epidemie ist eine Form der Bevölkerungskontrolle“, twitterte etwa der amerikanische Hip-Hop-Star Chris Brown an seine weltweite Gefolgschaft – und leitete damit Wasser auf die Mühlen jener, die – ähnlich wie schon beim Aids-Erreger HIV – nicht an eine natürliche Entstehung des Virus glauben wollen. Sie sehen stattdessen finstere Mächte am Werk.

Wie sich Ebola verbreitet

Wann ist Ebola ansteckend?

Nur dann, wenn jemand bereits Symptome zeigt. Diese können allerdings unspezifisch sein. Die Krankheit kann mit Fieber, grippeähnlichen Schmerzen und Unterleibsschmerzen beginnen, später können Erbrechen und Durchfall folgen.

Wie breitet sich Ebola aus?

Durch Körperflüssigkeiten einer infizierten Person. Dazu zählen Blut, Schweiß, Erbrochenes, Urin, Kot, Speichel und Sperma. Diese Flüssigkeiten müssen bei einem anderen Menschen einen Eingangspunkt finden, sie können durch einen Schnitt oder Kratzer eindringen. Das Virus kann zudem weitergereicht werden, wenn jemand mit kontaminierten Händen die Nase, den Mund oder die Augen eines anderen berührt. Oder jemand wird mit den kontaminierten Flüssigkeiten angespritzt. Darum tragen Gesundheitsmitarbeiter Schutzhandschuhe und andere Schutzausrüstung.

Die Weltgesundheitsorganisation teilte mit, Blut, Stuhl und Erbrochenes seien die am stärksten ansteckenden Flüssigkeiten. In Speichel sei der Virus nur bei schwer erkrankten Menschen entdeckt worden, aus Schweiß sei er noch nicht entnommen worden.

Was passiert bei zufälligem Kontakt mit einem Infizierten?

Ebola wird nicht durch die Luft übertragen. Der Direktor der US-Seuchenbehörde (CDC), Tom Frieden, sagte, Menschen steckten sich nicht an, wenn sie beispielsweise nur in einem Bus neben einem Ebola-Patienten sitzen. „Es ist nicht wie bei der Grippe. Es ist nicht wie bei Masern, nicht wie bei der gewöhnlichen Erkältung. Es breitet sich nicht so aus“, sagte er.

Können Hunde das Virus übertragen?

Das weiß man noch nicht genau. Die Behörden schläferten den Hund der spanischen Krankenschwester ein, bei der Ebola diagnostiziert worden war. Es ist aber kein Fall dokumentiert, in dem jemals Ebola von einem Hund auf einen Menschen übertragen wurde. Aber es gibt eine Studie, nach der es möglich sein soll, dass Hunde Ebola bekommen können - ohne Symptome zu zeigen.

Wie wird vorgegangen, wenn ein Ebola-Verdacht besteht?

Die Krankenhäuser, die einen Verdachtsfall haben, informieren ihr Gesundheitsministerium oder die Seuchenbehörde. Dann wird eine Checkliste durchgegangen, um festzustellen, wie hoch das Risiko ist. So wird unter anderem gefragt, ob die Person von einem riskanten Kontakt mit einem bekannten Ebola-Patienten berichtet hat, wie krank sie ist und ob eine andere Diagnose wahrscheinlicher ist.

Eine der abenteuerlichsten Spekulationen verbreitete sich im September in Liberias Hauptstadt Monrovia – in jenem Land also, das am schlimmsten von der Epidemie betroffen ist. Ebola sei eine Art Biowaffe, erklärte Cyril Broderick, Gastdozent der amerikanischen Delaware State University und Ex-Professor für Pflanzenkrankheiten an der University of Liberia. Entwickelt im Auftrag des US-Militärs, sei das Virus nach Afrika gebracht worden, um seine Wirkung zu testen, behauptete Broderick in der liberianischen Zeitung „The Daily Observer“.

In der Ortschaft Kenema in Liberias Nachbarland Sierra Leone würden die USA eigens ein geheimes Labor zur Virusforschung betreiben. Inspiriert zu seiner Theorie hätte ihn, wie Broderick freimütig einräumte, der Ebola-Doku-Thriller „Hot Zone“ von Richard Preston sowie Horror-Autor Stephen King.

Experten vor Ort regierten entsetzt auf die kruden Spekulationen des Professors. „Dies ist genau die Art von Veröffentlichung, die unserem Kampf gegen Ebola mehr schadet als nützt“, erboste sich etwa Lamii Kpargoi vom Liberia Media Center, das sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt. An der Delaware State University sieht man die Angelegenheit dagegen weniger dramatisch: Der Professor habe nur von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht.

Das machen auch viele andere, die das Netz mit düsteren Geschichten füttern. Pharmakonzerne hätten Ebola verbreitet, um kräftig an Gegenmitteln verdienen zu können, ist eines der am häufigsten zu lesenden Gerüchte.

Kommentare (7)

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Au Lecteur

21.10.2014, 11:59 Uhr

Warum nur kippen sich die Menschen nun nicht zuhauf, einen Kübel voller Eiswasser über den Kopf um zu helfen?

Herr Gerhard Schoen

21.10.2014, 12:01 Uhr

Wenn es vielleicht auch geschmacklos klingt: 4-, 6- oder 8000 Tote durch Ebola bei einer "Epidemie" ist gar nicht so erschreckend, wenn man betrachtet, dass laut Robert - Koch -Institut jedes Jahr in DEUTSCHLAND 9- bis 15000 Menschen an Grippe sterben. Wie gesagt, ein Thema, bei dem man vorsichtig mit Vergleichen und Statistiken sein muss. Nur: der Weltuntergang morgen kommt deswegen nicht. Eher soll von anderen Sachen abgelenkt werden...

Herr Thomas Albers

21.10.2014, 12:07 Uhr

"Die schwerste Ebola-Epidemie aller Zeiten ruft weltweit Verschwörungstheoretiker auf den Plan. Ihre abenteuerlichen Konstrukte können für die Helfer in den von der Krankheit heimgesuchten Gebieten zur Gefahr werden."

Aufgeklärte Zeitgenossen können über soviel Naivität nur lachen. Allerdings ist auch der besser informierte Teil der Welt nicht gegen solchen Quatsch immun: Verschwörungstheorien sind geeignet, Menschen von den richtigen, gebotenen Schritten abzuhalten, da sie nicht vorhandene bzw. verfälschte Zusammenhänge herstellen. So wie viele Afrikaner aus Angst lieber ihre Angehörigen versteckten, laufen westliche Verschwürungstheoretiker etwa einer USA-Ukraine-Verschwörung hinterher, obwohl ihr Instinkt/Bildung/Verstand eigentlich in Richtung einer russischen Einflussnahme erkennen sollte. Die Wirkung ist, dass so mancher lieber einem Despoten den Rücken stärkt und sich damit im Effekt schadet. Das ist nicht viel klüger als die Afrikaner, welche Ebola-Helfer attackieren.

Das unterscheidet Europäer nicht besonders von Afrikanern.

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