Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.01.2007

14:55 Uhr

Wissenschaft

Erstmals Nashorn nach künstlicher Befruchtung geboren

Das weltweit erste Nashornbaby nach künstlicher Befruchtung ist im Budapester Zoo zur Welt gekommen. Das berichtete das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) am Mittwoch in Berlin. Forscher des Berliner Instituts hatten das Muttertier Lulu im September 2005 künstlich besamt.

Nashornbaby dpa

Erstmals ist ein Nashornbaby nach künstlicher Befruchtung zur Welt gekommen.

dpa BERLIN/BUDAPEST. Das weltweit erste Nashornbaby nach künstlicher Befruchtung ist im Budapester Zoo zur Welt gekommen. Das berichtete das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) am Mittwoch in Berlin. Forscher des Berliner Instituts hatten das Muttertier Lulu im September 2005 künstlich besamt.

Nach rund 500 Tagen Tragzeit wurde das weibliche Nashornkalb am Dienstagabend mit einem Gewicht von 58 Kilogramm geboren. Die Geburt wurde von Experten als sensationeller Zuchterfolg bezeichnet.

Das bereits 25 Jahre alte Muttertier und ihr Kalb seien wohlauf, hieß es. Allerdings habe Lulu abweisend auf ihr Neugeborenes reagiert, berichtete ein Sprecher des Budapester Zoos. So habe die Nashornmutter das Kalb, das bereits nach einer Stunde auf eigenen Beinen stand, nicht gesäugt, obwohl ihr Körper die nötige Milch produziere. Nachdem dieses Verhalten der Mutter über mehr als acht Stunden angehalten habe, hätten die Tierärzte entschieden, das Kalb zunächst mit der Flasche großzuziehen. Der Zoo lege äußersten Wert auf die Ruhe des Neugeborenen, fügte der Sprecher hinzu. Zoo-Besucher werden das Nashorn-Baby daher erst frühestens in zwei bis drei Monaten zu Gesicht bekommen.

Der Erfolg der Züchtungsforscher hat eine tragische Vorgeschichte. Nach einer ersten künstlichen Besamung hatte Lulu ein totes Kalb zur Welt gebracht. Nur etwa vier Wochen danach unternahmen die Forscher den zweiten Versuch, der nun Erfolg hatte. „Wir haben uns von der großen Enttäuschung nach der Totgeburt nicht entmutigen lassen“, sagte IZW-Veterinär Robert Hermes.

Mit der speziell entwickelten Methode zur Nashorn-Besamung hoffen die Berliner Wissenschaftler, eine der seltensten Tierarten der Erde retten zu können: das nördliche Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum cottoni). Von dieser Nashorn-Unterart gibt es nach IZW-Angaben nur noch vier Exemplare in freier Wildbahn und fünf zuchtfähige Tiere in Gefangenschaft. Die Budapester Nashornmutter Lulu gehört zur südlichen Unterart der Breitmaulnashörner (Ceratotherium simum simum). Deren Population in Südafrika und angrenzenden Ländern gilt laut IZW mit rund 12 000 Tieren mittlerweile wieder als stabil.

Bevor es zu den beiden Schwangerschaften von Lulu kam, mussten nach Institutsdarstellung zahlreiche Schwierigkeiten überwunden werden. Herkömmliche Veterinärinstrumente, wie sie etwa routinemäßig zur Besamung von Kühen eingesetzt werden, erwiesen sich als nutzlos. Der Genitaltrakt von Nashörnern ist mit 1,5 Metern extrem lang, der Gebärmutterhals ist zudem stark gefaltet. Außerdem sind Nashörner gefährlich. Die meisten Untersuchungen während der 16 Monate Tragezeit mussten daher unter Narkose stattfinden. Wegen der Massigkeit der Tiere waren spezielle Narkosemethoden nötig. Ein neues Verfahren entwickelte die Universität Wien. Die dabei verwendeten Narkosemittel sind 5 000 Mal wirksamer als vergleichbare Narkotika in der Humanmedizin.

Die Forschungsarbeiten haben dem IZW zufolge rund sieben Jahre gedauert. Beteiligt waren zahlreiche weitere europäische Zoos und Institute. Mit dem jetzt erworbenen Wissen und den Erfahrungen stiegen die Chancen zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns. IZW-Direktor Heribert Hofer sagte, der Einsatz der künstlichen Besamung könne entscheidend helfen, „das Überleben dieser hoch bedrohten Tiere in menschlicher Obhut zu sichern“. Die letzten Hoffnungen der Zoologen auf natürliche Geburten bei Zoo-Haltungen ruhen auf zwei fruchtbaren Kühen im Zoo von Dvur Kralove in Tschechien. Dort wurde im Jahr 2000 das letzte Jungtier auf natürlichem Weg geboren.

Das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung hat international einen hohen Rang erworben. Die rund 100 Mitarbeiter Experten forschen mit einem Jahresetat von rund vier Mill. Euro besonders in den Bereichen Evolutionsbiologie und Wildtiermedizin. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Reproduktionsbiologie. Die Arbeit der Forscher erstreckt sich nach eigenen Angaben auf Mitteleuropa, Ostasien, Ost- und südliches Afrika. Die Forschungsergebnisse werden in Schutzgebieten und Zoos vor allem in Europa, Afrika und Nordamerika umgesetzt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×