Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2008

23:30 Uhr

Wissenschaft

Fußballfieber verdoppelt Herzinfarktrisiko

Nervenaufreibende Fußballspiele erhöhen das Risiko für Herzanfälle in der Bevölkerung fast auf das Dreifache. Das haben Mediziner des Universitätsklinikums München-Großhadern beim Blick in die Einsatzprotolle von 24 Notarztstandorten während der WM 2006 herausgefunden.

Fans in München dpa

Deutsche Fußball-Fans während der Übertragung eines WM-Spiels in München.

dpa MüNCHEN. Nervenaufreibende Fußballspiele erhöhen das Risiko für Herzanfälle in der Bevölkerung fast auf das Dreifache. Das haben Mediziner des Universitätsklinikums München-Großhadern beim Blick in die Einsatzprotolle von 24 Notarztstandorten während der WM 2006 herausgefunden.

Nach einer Hochrechnung der Wissenschaftler gab es an den sieben Spieltagen der deutschen Elf bundesweit insgesamt zwischen 8 000 und 11 000 zusätzliche Herznotfälle. Die Resultate sind im „New England Journal of Medicine“ (Bd. 358, S. 475) veröffentlicht. Angesichts des erhöhten Risikos sei Vorbeugung „dringend nötig“, heißt es in dem Journal - besonders für Männer mit vorbelastetem Herzen.

Die Ergebnisse ließen sich aber nicht auf alle Fußballspiele und vermutlich auch nicht auf die Europameisterschaft im Sommer übertragen, sagte der Mediziner Prof. Gerhard Steinbeck am Donnerstag. Die WM mit dem guten Abschneiden der deutschen Mannschaft sei besonders aufregend gewesen. Normalerweise erwarte man täglich einen Herznotfall pro 100 000 Einwohner, an den Spieltagen der deutschen Elf seien es drei Fälle pro 100 000 Einwohner gewesen, sagte Steinbeck.

Die federführende Autorin Ute Wilbert-Lampen berichtete, dass es an fußballfreien Tagen im Untersuchungsgebiet täglich 15 Herznotfälle gegeben habe. Bei den Spielen Deutschlands im Viertelfinale gegen Argentinien und im Halbfinale gegen Italien sei diese Zahl auf mehr als 60 hochgeschnellt. Beide Spiele am 30. Juni und am 4. Juli 2006 waren besonders spannend.

Das Zusehen beim Kampf um Ballbesitz und Tore ist für Männer deutlich gefährlicher, ergänzt die Gruppe. Bei ihnen steigt das Risiko auf das 3,26-fache, bei Frauen auf das 1,82-fache. Im Bevölkerungsmittel war das Risiko 2,66-fach erhöht. Zum Vergleich dienten den Medizinern Herzanfall-Zahlen aus Zeiträumen, in denen die Nationalmannschaft nicht um den begehrten goldenen Pokal kickte - etwa vor der WM vom 1. Mai bis 8. Juni 2006 und im Anschluss an den Weltcup vom 10. Juli bis 31. Juli 2006.

Die meisten Notfälle ereigneten sich in den ersten zwei Stunden nach dem Beginn des Spiels, was die Mediziner als klaren Hinweis auf dessen Wirkung als emotionales Stressereignis werten. Für herzgesunde Fußball-Fans „ist das Risiko nicht so groß, dass man ängstlich sein muss“, betonte der Statistiker Prof. Helmut Küchenhoff. Herzkranke Personen jedoch, bei denen ein 4,2-fach erhöhtes Risiko festgestellt worden sei, sollten sich vor solchen Stressperioden wie einer Fußball-WM vorsichtshalber nochmals bei ihrem Arzt untersuchen lassen, empfahl Steinbeck. Sie sollten zudem ihre Medikamente regelmäßig nehmen und zusätzliche Risikofaktoren wie Alkohol oder übermäßiges Essen ausschließen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×