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01.02.2010

11:02 Uhr

Wissensgesellschaft

Unternehmen Universität

VonFerdinand Knauß

In der klassischen Antike galt Wissen als Inbegriff des Menschlichen, als Lebensform. Von dieser Idealvorstellung sind die als Unternehmen geführten Hochschulen dieser Tage weit entfernt. Immer mehr Wissenschaftler kritisieren die Ökonomisierung der Bildungsanstalten. Langfristig, so ihr Vorwurf, leide die Innovationsfähigkeit.

Die Hochschulen wandeln sich durch die Bologna-Reformen zu Dienstleistungsunternehmen. Nicht nur Studierende äußern ihren Unmut über den Umgang mit der Ware Bildung - immer mehr Professoren kritisieren die Ökonomisierung. Reuters

Die Hochschulen wandeln sich durch die Bologna-Reformen zu Dienstleistungsunternehmen. Nicht nur Studierende äußern ihren Unmut über den Umgang mit der Ware Bildung - immer mehr Professoren kritisieren die Ökonomisierung.

DÜSSELDORF. Die Politik der westlichen Welt ist sich zumindest in einem einig: Die Gesellschaft soll eine Wissensgesellschaft mit einer Wissenswirtschaft (knowledge economy) sein.

Die Kritik an der real existierenden Wissensgesellschaft wird aber nun ausgerechnet dort immer lauter, wo das Wissen produziert wird, an den Hochschulen. Denn die Wissensgesellschaft bedeutet nicht, dass wissenschaftliches Denken die Gesellschaft und Wirtschaft dominieren soll, sondern eher das Umgekehrte. Von Politik und Wirtschaft unter der Parole „Bologna“ getrieben, machen die Hochschulen derzeit einen grundlegenden Wandel durch: Sie werden Dienstleistungsunternehmen immer ähnlicher. Die „unternehmerische Universität“, die ihre Produkte (Ausbildung, Forschungsergebnisse) im Wettbewerb um Kunden (Studenten, Drittmittelgeber) anbietet, ist zum offen propagierten Konzept der meisten Universitätspräsidenten geworden.

Wissen ist nicht nur als Ware zu betrachten

Immer mehr Professoren, vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler, kritisieren diese Ökonomisierung mittlerweile. In Leipzig fand vor wenigen Wochen ein Kongress statt unter dem Titel: „Wie viel Ökonomie braucht und wie viel Ökonomie verträgt die Wissensgesellschaft?“ Einer der dort auftretenden Ökonomisierungskritiker ist ausgerechnet ein Ökonom, der Frankfurter Volkswirt Bertram Schefold. Sein Appell: Wissen sei nicht nur als Ware zu betrachten. Hinter der heute dominanten Vorstellung der Wissensgesellschaft stehe die falsche Annahme, dass „alles Wissen, alle persönliche Bildung, alle kulturelle Hervorbringung auf individuelle Konsumierbarkeit zurückzuführen“ sei. Die allzu konsequente Verfolgung des Ziels, eine Wissensgesellschaft zu etablieren, untergrabe sich selbst. Denn die strenge Formalisierung des Wissens und der Prozesse seiner Vermittlung, so Schefold, drohten „der Wissenskultur ihr Bestes zu nehmen“, nämlich das Bildungserlebnis. „Diese Veränderungen der Person und der Entwicklung ihrer Kultur liegen außerhalb des ökonomischen Horizonts“, schreibt der Ökonom.

Wissen galt seit der klassischen Antike als höchste Form menschlicher Arbeit, als Lebensform, ja als Inbegriff des Menschlichen überhaupt, wie der berühmte erste Satz in Aristoteles’ „Metaphysik“ verdeutlicht: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“ Mit anderen Worten, Wissenschaft ist sich selbst ein Zweck, sogar der höchste, und nicht nur Mittel zu einem externen Zweck. Die Wissensgesellschaft der Gegenwart hat, so beklagt der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß in seinem Leipziger Vortrag, mit diesem Menschenbild nicht viel zu tun. Es habe sich die „merkwürdige Vorstellung“ etabliert vom Wissen als handelsfähige Waren, die vom persönlichen Erleben gelöst ist. „Wissen ist heute für große Teile der Gesellschaft etwas geworden, mit dem man umgeht, das man nutzt, das man aber nicht mehr selbst betreibt.“

Mittelstraß erkennt einen allgemeinen „Perspektivenwechsel“, der für die Universitäten und die Wissenschaft gefährlich werden könnte. „Wir haben in der Universitätspolitik verlernt, von der Wissenschaft, von ihren wohlverstandenen Bedürfnissen und Erfordernissen her zu denken.“ Eine „unternehmerische Universität“ mache aus dem universalen Ziel der Wissenschaft ein Mittel zum ökonomischen Zweck. „Die Optik wechselt von der Forschung selbst auf deren Erträge.“

Kommentare (4)

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P. T. Kroeger

01.02.2010, 13:39 Uhr

beginnend mit den Textauszügen, zur Wissenschaftlichkeitslosigkeit etwa bei den beratungs- und Ratingunternehmen wie...

"...bertelsmann-Konzern 1994 gegründete „Centrum für Hochschulentwicklung“ (CHE), der in Deutschland bekannteste Anbieter von Rankings und Ratings für Hochschulen, also jener „Marterwerkzeuge“, die Mittelstraß und andere Forscher kritisieren. Das CHE kürt auch einen „Hochschulmanager des Jahres“."

...und dem korrespondierenden...

"bologna Der bologna-Prozess bezeichnet ein politisches Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens bis zum Jahr 2010. Er beruht auf einer 1999 von 29 europäischen bildungsministern in bologna unterzeichneten Erklärung. Der bologna-Prozess verfolgt drei Hauptziele: Mobilität, internationale Wettbewerbsfähigkeit und beschäftigungsfähigkeit.in Deutschland war vor allem die Einführung der stärker reglementierten bachelor- und Master-Studiengänge mit „bologna“ verbunden. Der in den Augen vieler Studenten und Wissenschaftler gescheiterte Prozess stand während der Studentenproteste 2009 im Zentrum der Kritik."

...könnte man schlicht zusammenzählen und im Ergebnis feststellen -
Wenn politischer Aktionismus in die schlichte Übernahme von instrumenten (bachelor und master) aus anderen Kulturkreisen (USA und England) mündet, die mit den bisherigen inhalten verschult werden (alter Wein in neuen Schläuchen), so dass jede -wissenschaftliche- Freiheit verloren geht; wenn die Akreditierung solcher "bemühungen" in die Hände von so "qualifizierten" Zertifizierern (CHE und andere)gelegt wird, dass auch das eine oder andere bakschisch Wirkung zeigen können...
...dann verspielt man die eigene Zukunft indem man eine ganze Generation wissenschaftlichen Nachwuchses "verschwendet" und auf dem Altar eigener ingnoranz opfert.

Klaus Landfried

01.02.2010, 18:54 Uhr

Dass das Handelsblatt, das für mich bisher ein seriöser informationen-Anbieter ist, derart unkritisch die ideologischen Seifenblasen der Don Quixotes aus dem Elfenbeinturm darbietet, hat mich schon gewundert. Weder die bologna-Erklärung noch die immer noch dringend nötigen bemühungen des CHE um eine schrittweise Anpassung der vielerorts noch mittelalterlich verfassten Hochschulen an die bedürfnisse einer lernenden Gesellschaft geben den Popanz her, der hier von den Verteidigern ihrer Standespfründen angegriffen wird. im Gegenteil: Lernen statt belehrung gehört dazu. Aber natürlich gilt es auch, die da und dort noch erkennbare Verschwendung öffentlicher Mittel unter dem Vorwand der Wissenschaftsfreiheit abzubauen. Mit Ökonomisierung der Hochschulen hat das aber nichts zu tun. Nur als Unternehmen in bildung und Forschung haben die Hochschulen die Chance, das hohe Gut der Freiheit, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen und zu geben oder auch zu schweigen, zu bewahren. Unternehmen, soweit es um die infrastruktur und die sie betreffenden Entscheidungsprozesse geht.

H. Beck

01.02.2010, 21:18 Uhr

Die Ökonomisierung der bildung verflacht die Wissensvermittlung (und Forschung) zur Ausbildung für kurzfristig verwertbare Tätigkeiten, die eine globale Gesellschaft in die Stagnation treibt und Wirtschaftskrisen fördert. in der Wirtschaftswissenschaft hat dies dazu geführt, dass über Alternativen zu einer ausschließlich durch Wachstum stabil zu haltenden Marktwirtschaft nicht oder nur am Rande nachgedacht bzw. geforscht wird. Danke für den Anstoß, über diese "falschen" Entwicklungen nachzudenken.

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