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01.10.2011

11:00 Uhr

Zeitökonomie

Wie wir unsere Denkzeit vernichten

VonSven Prange

Eine der wichtigsten Ressourcen droht der Menschheit verloren zu gehen: die Denkzeit. Wir setzen damit unsere Innovationskraft aufs Spiel – für das Gefühl, immer mehr in immer kürzerer Zeit zu schaffen. Ein Irrtum.

Eine Zeitskulptur des berühmten spanischen Surrealisten Salvador Dali mit dem Titel "Profil der Zeit". Reuters

Eine Zeitskulptur des berühmten spanischen Surrealisten Salvador Dali mit dem Titel "Profil der Zeit".

Sie haben Vorkehrungen getroffen, um ihrem letzten verbliebenen Gegner doch noch beizukommen. Sie sind nah an das Ziel herangerückt, weil sie wissen, dass am Ende jeder Meter eine Millionstelsekunde ist. Deswegen hat eine Handvoll Hochgeschwindigkeitshändler ihre Rechner direkt ins Rechenzentrum der New Yorker Börse verlegt. Die Entfernung zwischen den Rechnern dieser Händler und der Börse verhinderte bisher, dass die Händler in Mikrosekunden Aktien oder Anleihen verkaufen oder kaufen konnten. Die Leitungen waren einfach zu lang.

Der letzte Gegner, den sie in diesem Metier noch haben, ist die Zeit. Die Hochgeschwindigkeitshändler an den Weltbörsen, die ihre Computer mit kompliziertesten Algorithmen handeln lassen, haben die menschliche Reaktionszeit ausgeschaltet, die Emotion sowieso. Sie haben es geschafft, dass menschliche Ruhezeiten keine Rolle mehr spielen und menschliches Versagen ohnehin nicht. So dauern Wertpapiergeschäfte inklusive Risikoüberprüfung weniger als zehn Mikrosekunden. Diese Händler verantworten bereits mehr als die Hälfte des amerikanischen Aktienhandels. Wie mächtig sie sind, zeigte der "Flash Crash" vom 6. Mai 2010. An diesem Tag stürzte der US-Leitindex Dow Jones in weniger als 20 Minuten um fast 1000 Punkte ab, so schnell und tief wie nie zuvor. Die High-Speed-Händler hatten zugeschlagen - und sich verkalkuliert. Manchmal nämlich, da schlägt die Zeit zurück.

Die Menschheit hat einen Wettkampf gegen den Faktor, der ihrem Leben eigentlich Ordnung geben soll, eingeläutet: die Zeit. Das Phänomen der Hochgeschwindigkeitshändler ist nur der extremste Auswuchs. Jede Mikrosekunde zählt - in allen Lebensbereichen. Management-Guru Jack Welch philosophierte am Ende seiner Karriere: "Mein größter Fehler war, nicht schneller vorzugehen. Ich hätte alles in der halben Zeit verändern sollen." Er hat damit auf den Punkt gebracht, was den Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft antreibt: der Wille, möglichst viel Geschehen in möglichst wenig Zeit zu packen.

Das Paradox: Noch nie hatte der Mensch so viel Zeit zur Verfügung. Die statistische Freizeit lag mit 42 Stunden wöchentlich noch nie so hoch, die Lebenserwartung hat sich seit 1900 auf 80 Jahre fast verdoppelt, noch nie hatte der Mensch so viele Urlaubstage. Zwei Drittel der Deutschen aber klagen über zu viel Stress, sie fühlen, wie der Takt des Lebens ihre Zeit in immer kürzere Intervalle zerhackt, wie Pflichten und empfundene Pflichten das Leben beschleunigen.

Dabei hat sich eins im Laufe dieser Zeit kein Stück verändert: die Zeit.

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