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14.06.2016

15:21 Uhr

Zika-Epidemie in Rio

Wie groß ist die Zika-Gefahr bei Olympia?

VonLars Fischer
Quelle:Spektrum.de

Müssen die Olympischen Spiele in Rio wegen Zika verlegt oder verschoben werden? Eine Gruppe von Medizinern fordert das. Doch längst nicht alle Fachleute sind dieser Ansicht. Wie groß ist die Viren-Gefahr wirklich?

In wenigen Wochen sollen hier die Olympischen Spiele beginnen. Doch wie groß ist die Gefahr durch die aktuelle Zika-Epidemie? dpa

Rio de Janeiro

In wenigen Wochen sollen hier die Olympischen Spiele beginnen. Doch wie groß ist die Gefahr durch die aktuelle Zika-Epidemie?

HeidelbergGroßereignisse und Epidemien sind eine schlechte Mischung – ganz besonders, wenn eine bis heute rätselhafte, folgenschwere Krankheit auf das größte Sportfest der Welt trifft. Seit einigen Monaten geht das Zika-Virus in Brasilien um und verursacht schwere Entwicklungsstörungen bei ungeborenen Kindern und anscheinend auch Nervenschäden bei infizierten Erwachsenen. Doch in zwei Monaten sollen die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro beginnen, und Angst greift um sich.

Schon haben mehrere Sportlerinnen und Sportler öffentlichkeitswirksam angekündigt, wegen Zika auf die Spiele zu verzichten. In einem offenen Brief an die WHO-Generalsekretärin Margaret Chan fordern 150 Unterzeichner die Weltgesundheitsorganisation sogar auf, die Olympischen Spiele als Ganzes entweder zu verschieben oder gleich an einen anderen Ort zu verlegen.

Das sei nicht nur nötig, weil die Initiatoren der Aktion viele zusätzliche Krankheitsfälle auf den Rängen wie in den Sportstätten erwarten. Sie sehen zudem eine globale Bedrohung durch die etwa 500.000 Menschen, die zusätzlich in Rio sind: Diese könnten das Virus womöglich in bisher noch nicht betroffene Regionen des Globus tragen. Das Schreiben schließt mit der Unterstellung, die WHO ignoriere die Gefahren, um ihre Partnerschaft mit dem Internationalen Olympischen Komitee nicht zu gefährden.

Das Zika-Virus

Das Virus

Das Zika-Virus wurde erstmals 1947 bei einem Affen aus dem Zikawald im afrikanischen Uganda festgestellt. Es tauchte anschließend vereinzelt auch in Asien auf und wurde wiederholt bei heimkehrenden Touristen nachgewiesen.2007 wurde Zika im Pazifikraum (Mikronesien) festgestellt, einen größeren Ausbruch gab es 2013/2014 in Französisch-Polynesien.

Der Überträger

Das Zika-Virus wird durch Aedes-Stechmücken auf den Menschen übertragen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bislang nicht beobachtet.

Der Ausbruch

Seit 2015 beobachten Mediziner einen massenhaften Ausbruch, der in Brasilien seinen Anfang nahm und inzwischen ganz Lateinamerika betrifft.

Die Symptome

Zu den klassischen Symptomen einer Zika-Virus-Infektion zählen Hautausschlag und leichtes Fieber, seltener Erbrechen und Kopfschmerzen. Infektionen verlaufen meist mild, der Hautausschlag klingt üblicherweise nach etwa einer Woche ab, die anderen Symptome früher.

Die Gefahr

Es besteht der Verdacht, dass Zika-Infektionen von Schwangeren zu Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen führen können. In Brasilien wurden in den vergangenen Monaten rund 3900 Fälle der sogenannten Mikrozephalie registriert, eines zu kleinen Schädelvolumens bei Neugeborenen. In sechs Fällen hatten Schwangere sich mit Zika infiziert, bei Hunderten weiteren Fällen besteht ein entsprechender Verdacht.

Die Bekämpfung

Ein Impfstoff gegen das Virus existiert nicht, die Bekämpfung zielt daher auf den Überträger, die Aedes-Stechmücke. Mückenbekämpfungs-Programme wie jetzt Brasilien sind ein Weg, ein anderer ist der persönliche Schutz: Wer in Zika-gefährdete Regionen reist, sollte lange, bedeckende Kleidung tragen, freie Hautflächen mit Mückenschutzmitteln schützen und in mit Insektengittern gesicherten Räumen oder unter Moskitonetzen schlafen. Schwangeren rät das Auswärtige Amt inzwischen von Reisen in Gebiete mit aktuellen Zika-Ausbrüchen ab.

Die Gruppe hat nachvollziehbare Argumente für eine Verlegung. Sie verweist auf die brasilianischen Behörden, die mehr als 30.000 mögliche Zika-Fälle allein in Rio anführen, sowie die Reisewarnungen für Brasilien, die im Rahmen des internationalen Zika-Notfalls gelten. Wie gefährlich das Zika-Virus genau ist, vor allem im Hinblick auf langfristige Hirn- und Nervenschäden, ist bis heute ungeklärt. Gewissheit besteht jedoch darüber, dass es auf mindestens einem Weg direkt von Mensch zu Mensch übertragbar ist.

Ein weiteres Problem ist der Überträger des Zika-Virus, die Mücke Aedes aegypti, die auch Gelbfieber und Dengue-Fieber übertragen kann. Die Mücke fühlt sich in dicht besiedelten Gebieten besonders wohl. Ihr reichen Pfützen, Regentonnen oder Wasserlachen in alten Autoreifen, um Nachwuchs zu produzieren.

Der Winter ist der gefährlichste Mückenfeind

Noch Mitte des 20. Jahrhunderts war die Gelbfiebermücke in weiten Teilen Brasiliens ausgerottet; seit ihrer Rückkehr jedoch ist sie nicht mehr in den Griff zu bekommen. Wohl zu Recht vermuten die Autorinnen und Autoren des Briefs, dass auch eine letzte Offensive gegen den Moskito wenig Effekt haben wird.

Allerdings wird etwas anderes der Mückenpopulation wohl weit stärker zusetzen als jede Last-Minute-Bekämpfungsaktion: der Winter auf der Südhalbkugel. August ist mit etwa 50 Millimetern Niederschlag der trockenste und auch einer der kühlsten Monate in Rio – weit ungünstiger für Zika als die Bedingungen in den regenreichen Sommermonaten, als die Zika-Epidemie für Schlagzeilen sorgte.

Die Viren brauchen durchgehend Temperaturen von 22 bis 24 Grad Celsius, um sich effektiv zu vermehren – Bedingungen, wie sie nur an wenigen Sportstätten herrschen. Langfristige Wettertrends deuten darauf hin, dass die Bedingungen für Denguefieber immerhin in den drei nördlich gelegenen Spielorten Recife, Fortaleza und Natal günstig sein werden.

Laut Studien kann auch im trockenen August die Dengue-Inzidenz – und damit die Aktivität der das Zika-Virus übertragenden Moskitos – um den Faktor 20 schwanken. Wie brasilianische Forscher vor ein paar Jahren zeigten, sind die entscheidenden Faktoren dafür Temperaturen und Niederschlag im Juli. Fachleute betonen deswegen, die Empfehlung, Schwangere sollten nicht zu den Spielen reisen, sei unbedingt sinnvoll.

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