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22.10.2016

12:28 Uhr

Zika-Opfer in Brasilien

„Wir jagen immer hinterher“

Viele brasilianische Familien, deren Kind nach einer Zika-Infektion behindert zur Welt kam, stehen am Rande der Existenz. Das völlig unterfinanzierte Gesundheitssystem des Landes kann diese Menschen kaum unterstützen.

Brasilien hat bisher mehr als 2000 Mikrozephalie-Fälle bestätigt. Mehr als die Hälfte der Opfer stammt aus armen Familien mit einem Monatseinkommen unter 70 Dollar. AP

Untersuchung eines Zika-Opfers in Caruaru

Brasilien hat bisher mehr als 2000 Mikrozephalie-Fälle bestätigt. Mehr als die Hälfte der Opfer stammt aus armen Familien mit einem Monatseinkommen unter 70 Dollar.

RecifeAngelica Pereiras Zuhause liegt in einer unbefestigten Straße, in der der Müll in den Pfützen schwimmt. Im Morgengrauen verlässt die 21-Jährige mit ihrer einjährigen Tochter das kleine weiße Haus und wartet auf das Fahrzeug, das sie abholen soll. Es kommt zwei Stunden zu spät und Pereira weiß: Die Zeit wird später für die Therapie fehlen. Ihre Tochter ist behindert, weil sich Pereira während der Schwangerschaft mit dem Zika-Virus infiziert hatte.

Die brasilianische Regierung hat betroffenen Familien Unterstützung angeboten, zum einen in Form von Therapien für die Kinder, zum anderen finanzieller Art: Umgerechnet 275 Dollar (250 Euro) zahlt der Staat pro Monat, sofern das Haushaltseinkommen unter 70 Dollar liegt.

Das Zika-Virus

Das Virus

Das Zika-Virus wurde erstmals 1947 bei einem Affen aus dem Zikawald im afrikanischen Uganda festgestellt. Es tauchte anschließend vereinzelt auch in Asien auf und wurde wiederholt bei heimkehrenden Touristen nachgewiesen.2007 wurde Zika im Pazifikraum (Mikronesien) festgestellt, einen größeren Ausbruch gab es 2013/2014 in Französisch-Polynesien.

Der Überträger

Das Zika-Virus wird durch Aedes-Stechmücken auf den Menschen übertragen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bislang nicht beobachtet.

Der Ausbruch

Seit 2015 beobachten Mediziner einen massenhaften Ausbruch, der in Brasilien seinen Anfang nahm und inzwischen ganz Lateinamerika betrifft.

Die Symptome

Zu den klassischen Symptomen einer Zika-Virus-Infektion zählen Hautausschlag und leichtes Fieber, seltener Erbrechen und Kopfschmerzen. Infektionen verlaufen meist mild, der Hautausschlag klingt üblicherweise nach etwa einer Woche ab, die anderen Symptome früher.

Die Gefahr

Es besteht der Verdacht, dass Zika-Infektionen von Schwangeren zu Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen führen können. In Brasilien wurden in den vergangenen Monaten rund 3900 Fälle der sogenannten Mikrozephalie registriert, eines zu kleinen Schädelvolumens bei Neugeborenen. In sechs Fällen hatten Schwangere sich mit Zika infiziert, bei Hunderten weiteren Fällen besteht ein entsprechender Verdacht.

Die Bekämpfung

Ein Impfstoff gegen das Virus existiert nicht, die Bekämpfung zielt daher auf den Überträger, die Aedes-Stechmücke. Mückenbekämpfungs-Programme wie jetzt Brasilien sind ein Weg, ein anderer ist der persönliche Schutz: Wer in Zika-gefährdete Regionen reist, sollte lange, bedeckende Kleidung tragen, freie Hautflächen mit Mückenschutzmitteln schützen und in mit Insektengittern gesicherten Räumen oder unter Moskitonetzen schlafen. Schwangeren rät das Auswärtige Amt inzwischen von Reisen in Gebiete mit aktuellen Zika-Ausbrüchen ab.

Doch das reicht hinten und vorne nicht. Insbesondere die Medikamente, für die die Regierung nicht aufkommt, sind teuer. „Wir jagen immer irgendetwas hinterher“, sagt Pereira. „Wir müssen alles andere stehen und liegen lassen, die Arbeit, unseren Haushalt.“ Pereira fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen.

Das Zika-Virus wird von der Ägyptischen Tigermücke übertragen. Bei Erwachsenen verläuft eine Infektion meist harmlos. Doch für Ungeborene ist der Erreger höchst gefährlich: Er kann zum Beispiel Mikrozephalie verursachen, eine Schädelfehlbildung, die wiederum schwere Behinderungen nach sich zieht.

Mehr als die Hälfte der Opfer stammt aus armen Familien

Brasilien hat bisher mehr als 2000 Mikrozephalie-Fälle bestätigt. Nach Angaben von Gesundheitsminister Ricardo Barros sind die meisten betroffenen Babys in Reha-Einrichtungen in Behandlung. Mehr als die Hälfte der Kinder stamme aus armen Familien mit einem Monatseinkommen unter 70 Dollar.

Gegen diese Einkommensgrenze wollen einige Familien nun rechtlich vorgehen. Sie planen, die Regierung zu verklagen, so dass mehr Betroffene Anspruch auf Unterstützung durch den Staat haben. „Diese Frauen brauchen finanzielle Hilfe. Sie wohnen in abgelegenen Gegenden und jeden Tag haben sie neue Probleme mit ihren Kindern“, sagt die Anwältin Viviane Guimaraes. Sie vertritt Familien, deren Kinder aufgrund einer Zika-Infektion behindert zur Welt kamen.

Das staatliche Gesundheitssystem in Brasilien ist völlig unterfinanziert. Patienten, die es sich leisten können, schließen private Krankenversicherungen ab. Die anderen müssen oft monatelang auf eine Behandlung warten. So auch die kleine Luhandra. Das zehn Monate alte Baby benötigt eine spezielle radiologische Untersuchung, die sogenannte Hirnszintigraphie.

Vor einigen Wochen, erzählt ihre Mutter, konnte Luhandra noch aufrecht sitzen und feste Nahrung zu sich nehmen – mittlerweile bewegt sie sich kaum noch. Seit drei Monaten hofft Jusikelly da Silva darauf, ihre Tochter einem Spezialisten vorstellen zu dürfen. „Es ist schrecklich, weil ich den Eindruck habe, dass es schlimmer wird, je länger ich auf diese Untersuchungen warte“, sagt Silva.

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