Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.02.2016

10:21 Uhr

Zika-Virus

Das große Dilemma der WHO

VonLars Fischer
Quelle:Spektrum.de

Die Weltgesundheitsorganisation hat aus ihrem Zögern bei Ebola in Westafrika gelernt und die Zika-Epidemie rasch zum globalen Notfall erklärt. Doch anders als bei Ebola weiß niemand, wie gefährlich Zika wirklich ist.

Die Weltgesundheitsorganisation hat die Zika-Epidemie zum internationalen Notfall erklärt. ap

WHO-Generaldirektorin Margaret Chan

Die Weltgesundheitsorganisation hat die Zika-Epidemie zum internationalen Notfall erklärt.

HeidelbergViel Kritik musste sich die Weltgesundheitsorganisation WHO während der Ebolakrise in Westafrika anhören: Die Organisation habe den Ausbruch schlicht verschlafen, und viel zu spät erst seien koordinierte Hilfsmaßnahmen in Gang gekommen. Das soll nicht noch einmal passieren.

Ein Notfallkomitee der Organisation hat am Montag beschlossen, die schnell wachsende Epidemie zu einem internationalen medizinischen Notstand zu erklären. Mit dieser Einstufung übernimmt die WHO quasi offiziell die Aufgabe, die verschiedenen nationalen Maßnahmen gegen das Zika-Virus zu koordinieren.

Anders als die alarmierende Bezeichnung vermuten lässt, ist ein „Public Health Emergency of International Concern“ (PHEIC), der internationale medizinische Notstand nach WHO-Regeln, eine eher undramatische Angelegenheit: eine Krankheit, die ernst, ungewöhnlich oder unerwartet ist und sich international ausbreitet; so lauten die Kriterien dafür. Dann beraten die WHO-Gremien, ob international koordinierte Maßnahmen nötig und sinnvoll sind. Eine filmreife Bedrohung der Menschheit ist nach den WHO-Statuten dafür nicht notwendig und geht vom Zika-Virus auch nicht aus.

Das Zika-Virus

Das Virus

Das Zika-Virus wurde erstmals 1947 bei einem Affen aus dem Zikawald im afrikanischen Uganda festgestellt. Es tauchte anschließend vereinzelt auch in Asien auf und wurde wiederholt bei heimkehrenden Touristen nachgewiesen.2007 wurde Zika im Pazifikraum (Mikronesien) festgestellt, einen größeren Ausbruch gab es 2013/2014 in Französisch-Polynesien.

Der Überträger

Das Zika-Virus wird durch Aedes-Stechmücken auf den Menschen übertragen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bislang nicht beobachtet.

Der Ausbruch

Seit 2015 beobachten Mediziner einen massenhaften Ausbruch, der in Brasilien seinen Anfang nahm und inzwischen ganz Lateinamerika betrifft.

Die Symptome

Zu den klassischen Symptomen einer Zika-Virus-Infektion zählen Hautausschlag und leichtes Fieber, seltener Erbrechen und Kopfschmerzen. Infektionen verlaufen meist mild, der Hautausschlag klingt üblicherweise nach etwa einer Woche ab, die anderen Symptome früher.

Die Gefahr

Es besteht der Verdacht, dass Zika-Infektionen von Schwangeren zu Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen führen können. In Brasilien wurden in den vergangenen Monaten rund 3900 Fälle der sogenannten Mikrozephalie registriert, eines zu kleinen Schädelvolumens bei Neugeborenen. In sechs Fällen hatten Schwangere sich mit Zika infiziert, bei Hunderten weiteren Fällen besteht ein entsprechender Verdacht.

Die Bekämpfung

Ein Impfstoff gegen das Virus existiert nicht, die Bekämpfung zielt daher auf den Überträger, die Aedes-Stechmücke. Mückenbekämpfungs-Programme wie jetzt Brasilien sind ein Weg, ein anderer ist der persönliche Schutz: Wer in Zika-gefährdete Regionen reist, sollte lange, bedeckende Kleidung tragen, freie Hautflächen mit Mückenschutzmitteln schützen und in mit Insektengittern gesicherten Räumen oder unter Moskitonetzen schlafen. Schwangeren rät das Auswärtige Amt inzwischen von Reisen in Gebiete mit aktuellen Zika-Ausbrüchen ab.

Die öffentliche Wahrnehmung allerdings ist eine andere – sowohl was das Zika-Virus angeht als auch in Bezug auf die Einstufung einer Krankheit durch die WHO. Damit war das Gremium der Weltgesundheitsorganisation in einem Dilemma: Entweder nennt sie Zika einen internationalen Notfall – was sie nun getan hat – und setzt sich dem Vorwurf von Panikmache und Übertreibung aus. Oder sie verzichtet darauf und hätte damit riskiert, wie im Fall von Ebola, im Nachhinein wieder zu spät zu reagieren.

„Die WHO steht vor einem großen Problem im Hinblick auf einen möglichen internationalen Gesundheitsnotstand, da die Definition hierfür sehr weit gefasst ist und es noch keine Vor- oder Zwischenstufen gibt“, erklärte der Mediziner und WHO-Berater Mathias Bonk das Problem im Vorfeld der Entscheidung.

So machte auch die schlechte Datenlage der Organisation die Entscheidung schwer. Nicht zuletzt, da die für die öffentliche Wahrnehmung entscheidende Frage noch völlig ungeklärt ist: Wie gefährlich ist das Zika-Virus überhaupt? Die Kombination aus sehr schneller Ausbreitung und dem begründeten Verdacht, dass der Erreger fruchtschädigend ist und Nervenleiden auslöst, hat in den betroffenen Regionen und unter Fachleuten Alarmstimmung ausgelöst.

Nur: Wie häufig solche schweren Folgen tatsächlich vorkommen, ist unbekannt – lediglich etwas über 250 Fälle von Mikrozephalie wurden bisher laut WHO nachgewiesen. Angesichts der nach wie vor nicht nachgewiesenen kausalen Verbindung bleibt die Bewertung schwierig, zumal sehr viele Menschen symptomlos mit Zika infiziert sind.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×