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19.02.2016

07:08 Uhr

Zika-Virus

Für den Papst ist Verhütung kein Übel mehr

Papst Franziskus vertritt die Sexualmoral der katholischen Kirche weniger rigoros als seine Vorgänger – auch wegen des Zika-Virus. Die Weltbank errechnet die Kosten des Kampfes gegen die Krankheit.

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WashingtonDer Kampf gegen das Zika-Virus und seine Folgen in Lateinamerika und der Karibik wird nach einer Schätzung der Weltbank 3,5 Milliarden Dollar (3,15 Milliarden Euro) kosten. Sollte das in der Regel von Stechmücken übertragene Virus nicht bald gestoppt werden, könnte es sogar noch teurer werden, schätzen die Experten in Washington. Einen entsprechenden Bericht veröffentlichte die Weltbank am Donnerstag (Ortszeit). Besonders die karibischen Länder, die in hohem Maße auf Touristen angewiesen sind, könnte dies treffen.

„Unsere Analyse unterstreicht, wie wichtig es ist, schnell zu handeln, um das Zika-Virus zu stoppen und die Gesundheit der Menschen in den betroffenen Regionen zu erhalten“, sagte Weltbank-Präsident Jim Yong. Die Weltbank selbst hilft derzeit mit Leistungen im Wert von 150 Millionen Dollar.

Papst Franziskus erwägt derweil wegen des Zika-Virus offenbar Ausnahmen vom katholischen Verbot künstlicher Verhütung. Die Vermeidung einer Schwangerschaft sei „kein absolutes Übel“, sagte der Papst auf dem Rückflug von seinem fünftägigen Besuch in Mexiko. In bestimmten Fällen sei das klar, auch im Fall von Zika.

Das Zika-Virus

Das Virus

Das Zika-Virus wurde erstmals 1947 bei einem Affen aus dem Zikawald im afrikanischen Uganda festgestellt. Es tauchte anschließend vereinzelt auch in Asien auf und wurde wiederholt bei heimkehrenden Touristen nachgewiesen.2007 wurde Zika im Pazifikraum (Mikronesien) festgestellt, einen größeren Ausbruch gab es 2013/2014 in Französisch-Polynesien.

Der Überträger

Das Zika-Virus wird durch Aedes-Stechmücken auf den Menschen übertragen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bislang nicht beobachtet.

Der Ausbruch

Seit 2015 beobachten Mediziner einen massenhaften Ausbruch, der in Brasilien seinen Anfang nahm und inzwischen ganz Lateinamerika betrifft.

Die Symptome

Zu den klassischen Symptomen einer Zika-Virus-Infektion zählen Hautausschlag und leichtes Fieber, seltener Erbrechen und Kopfschmerzen. Infektionen verlaufen meist mild, der Hautausschlag klingt üblicherweise nach etwa einer Woche ab, die anderen Symptome früher.

Die Gefahr

Es besteht der Verdacht, dass Zika-Infektionen von Schwangeren zu Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen führen können. In Brasilien wurden in den vergangenen Monaten rund 3900 Fälle der sogenannten Mikrozephalie registriert, eines zu kleinen Schädelvolumens bei Neugeborenen. In sechs Fällen hatten Schwangere sich mit Zika infiziert, bei Hunderten weiteren Fällen besteht ein entsprechender Verdacht.

Die Bekämpfung

Ein Impfstoff gegen das Virus existiert nicht, die Bekämpfung zielt daher auf den Überträger, die Aedes-Stechmücke. Mückenbekämpfungs-Programme wie jetzt Brasilien sind ein Weg, ein anderer ist der persönliche Schutz: Wer in Zika-gefährdete Regionen reist, sollte lange, bedeckende Kleidung tragen, freie Hautflächen mit Mückenschutzmitteln schützen und in mit Insektengittern gesicherten Räumen oder unter Moskitonetzen schlafen. Schwangeren rät das Auswärtige Amt inzwischen von Reisen in Gebiete mit aktuellen Zika-Ausbrüchen ab.

Abtreibungen hingegen kämen keinesfalls in Frage. „Das ist ein Verbrechen“, sagte an Bord seines Flugzeugs im Gespräch mit Journalisten. „Ein Leben zu nehmen um ein anderes zu retten, das ist etwas, was die Mafia tut. Es ist ein Verbrechen. Es ist ein absolutes Übel.“

Das von Mücken übertragene Zika-Virus steht im Verdacht, bei Babys Entwicklungsstörungen zu verursachen. Vor allem in Brasilien, wo sich das Virus rasch ausbreitet, wurden zuletzt vermehrt Babys mit zu kleinen Köpfen geboren. Damit besteht die Gefahr, dass sich das Gehirn nicht richtig entwickeln kann und Schäden erleidet.

Wissenschaftlich erwiesen ist ein Zusammenhang noch nicht. Doch wurde Frauen vorsorglich geraten, das Zika-Verbreitungsgebiet zu meiden. Einige Regierungen in Lateinamerika empfehlen, einen Kinderwunsch zu verschieben. Unter anderem im katholischen Brasilien entbrannte zudem eine neue Abtreibungsdebatte.

Der Papst wurde in dem Pressegespräch gefragt, ob wegen der Risiken der Infektion für Babys eine Abtreibung oder Verhütung womöglich das kleinere Übel wären. Dazu sagte Franziskus, es gebe einen klaren moralischen Unterschied zwischen einer Abtreibung und der Verhütung einer Schwangerschaft.

Er zog eine Parallele zu einer Entscheidung seines Amtsvorgängers Paul VI in den 1960er Jahren: Dieser billigte die Ausgabe von Verhütungsmitteln an Nonnen im damals belgischen Kongo, weil die Ordensfrauen dort systematisch vergewaltigt wurden.

Franziskus hat sich in seiner Amtszeit seit 2013 weniger rigoros zur katholischen Sexualmoral geäußert als seine Vorgänger Johannes Paul II und Benedikt XVI. So erklärte Franziskus einmal, die Kirche sollte nicht besessen von diesen Fragen sein.

Im Falle von Zika drängte Franziskus gleichzeitig die Wissenschaft zur Entwicklung eines Impfstoffs. „Daran muss gearbeitet werden“, sagte er. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation können erste große Tests eines Impfstoffs aber wohl frühestens in eineinhalb Jahren beginnen. Die WHO hat wegen Zika einen globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen.

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