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07.01.2010

10:16 Uhr

Zweifelhafte Vaterschaft

Kuckuckskinder häufiger als gedacht

VonAxel Meyer

Vermeintliche Väter sind erstaunlich oft nicht die biologischen, wie wissenschaftliche Studien belegen. Doch die falsche Vaterschaft ist keineswegs nur ein menschliches Phänomen: Selbst vermeintlich monogame Tierarten gehen manchmal fremd - wobei der evolutionsbiologische Nutzen der Untreue nicht immer klar ist.

Erstaunlich oft ist der rechtliche Vater nicht der natürliche Erzeuger des Kindes. dpa

Erstaunlich oft ist der rechtliche Vater nicht der natürliche Erzeuger des Kindes.

KONSTANZ. Das Wortungetüm Vaterschaftswahrscheinlichkeits-Hypothese besagt, dass männliche Tiere sich bei der Fürsorge um die Jungen zurückhalten sollten - evolutionsbiologisch argumentiert. Denn sie können sich nicht sicher sein, dass sie den Nachwuchs wirklich gezeugt haben. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies besonders ein Problem für Männchen von Arten mit innerer Befruchtung (also Vögel, Säugetiere und einige Fische) ist, denn die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlinvestition ist hier besonders groß.

Es mag manchen enttäuschen, aber seit es DNS-Tests zur Vaterschaftsanalyse gibt, wurden immer mehr Fälle von sogenannter „extra-pair-fertilization“ (EPF), also der Vaterschaft außerhalb des Brutpaares, bekannt. Bei vielen Singvogelarten, etwa Meisen, sind oft 20 bis 30 Prozent der Eier vom Nachbarn befruchtet und nicht vom aufopfernden, nestbauenden und futterbringenden Männchen.

Ja, selbst bei den seit Konrad Lorenz so bekannten Weltmeistern der Monogamie, den Gänsen, ist EPF bekannt. Warum Weibchen sich erst nach langer Balz für ein Männchen, sein Territorium und Nest entscheiden und ihn dann doch mit dem Nachbarn betrügen, ist evolutionsbiologisch weniger klar.

Ich erkläre immer zu Weihnachten meinen Studenten, dass sie von ihrer Großmutter mütterlicherseits größere Geschenke erwarten können als von der Großmutter väterlicherseits, denn die kann sich nicht ganz sicher sein, dass ihr Sohn wirklich der Vater des Enkels ist. Dabei reagieren Väter - natürlich unbewusst - auf vermeintliche Ähnlichkeiten mit Junior besonders sensibel. Je ähnlicher ihm das Kind zu sein scheint, desto eher wird er bei der Mutter bleiben und für den Nachwuchs sorgen, sagen Evolutionspsychologen.

Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann, der sich sicher zu sein scheint, der biologische Vater zu sein, dies wirklich ist? Es ist schwierig, dazu verlässliche Daten aus vielen Kulturen zu bekommen. Eine Meta-Analyse aus 67 verschiedenen Studien (2006 in „Current Anthropology“ veröffentlicht) fand heraus, dass sich fast zwei Prozent der vermeintlichen Väter ein Kuckuckskind unterjubeln ließen.

Die Spanne reichte von 0,4 Prozent bei jüdischen Priesterkindern bis zu fast zwölf Prozent in der Stadt Nuevo León in Mexiko. Wenn sich die Männer von vornherein über ihre Vaterschaft unsicher waren, bestätigte sich ihr Verdacht oft (in 31 Studien untersucht): zu etwa 15 Prozent in Russland, fast 17 Prozent in Deutschland und über 50 Prozent in Schweden und den USA.

Der natürliche Vater, der aber nicht der rechtliche ist, hat in Deutschland nicht das Recht, seine Vaterschaft überprüfen zu lassen. Das Gesetz muss geändert werden.

Kommentare (9)

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k.-h.

07.01.2010, 18:13 Uhr

Genau genommen ist jeder juristische Vater - natürlich auch der vermutlich natürliche, jedoch nicht juristische - sich selbst gegenüber und dem Kind gegenüber (und auch gegenüber der Mutter) verpflichtet, den Vaterschafts-Gentest vornehmen zu lassen. Daß nachlässigerweise dies nur selten geschieht, macht die Lage nicht besser, sondern schlimmer, weil sie verzögert, was ohnehin herauskommt. Auf diese Weise werden Verantwortlichkeiten dorthin verteilt, wo sie hingehören. Entgegenstehende Gesetze in dem einen oder anderen Ländle werden bereits jetzt ignoriert oder im Zeitalter der Globalisierung gehorsamst umgangen. Selbstbestimmung läßt sich nicht verbieten.

kuckuckskind

10.02.2010, 17:38 Uhr

Herzlichen Dank, dass dieses Tabuthema aufgegriffen wurde, das hier ja bezeichnender Weise bisher nur einen Kommentar bekommen hat.
im interesse der vielen vielen Kuckuckskinder und -väter hoffe ich sehr, dass hier mehr Offenheit und Ehrlichkeit in unsere Gesellschaft einkehrt.
PS: ich habe erst mit Mitte 40 erfahren, dass ich eigentlich einen anderen Erzeuger habe und konnte ihm leider nur einmal begegnen.

Jo Heller

24.12.2010, 12:26 Uhr

ich kann als betroffener Mann nicht begreifen, wie es in Deutschland der Gesetzgeber erlaubt, das nach der Anfechtungsfrist von 2 Jahren, also ich habe die Anfechtungsklage erst im 3. Jahr angesetzt, es nicht mehr möglich ist, sich der Unterhaltszahlung zu entziehen.
Das ist ein Tatbestand der finanziellen bestrafung eines Vaters, der es halt zu spät feststellte, das er nicht der Vater ist. Das Gericht hat auch die Nennung des biol. Vaters nicht interessiert und das beisitzende Jugendamt war aus finanzieller Sicht mehr an mir interessiert, als am mittellosem echten Vater.

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