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15.04.2018

12:22 Uhr

Autonome Fabrik

Schweizer ABB greift Siemens und GE an

VonAxel Höpner, Hans-Peter Siebenhaar

Nach Übernahmen in den USA und in Österreich setzt der Konzern auf Wachstum und baut sein Engagement bei künstlicher Intelligenz aus.

Der Konzern investiert stark. ABB

ABB-Roboter

Der Konzern investiert stark.

Linz, MünchenSebastian Kurz war eigens in die Industriestadt Linz gereist, um den Schweizer Konzern ABB zu feiern. „Wir sind sehr froh über das Investment. Es ist eine gute Entscheidung für Österreich, denn es entstehen tausend Arbeitsplätze“, sagte Österreichs Bundeskanzler im Beisein von ABB-Chef Ulrich Spiesshofer dem Handelsblatt.

Der rote Teppich der konservativ-rechtspopulistischen Regierung für ABB hat einen guten Grund. Rund ein Jahr nach der Übernahme des Automationsspezialisten Bernecker & Rainer Industrieelektronik (B&R) für annähernd zwei Milliarden Euro verspricht der Schweizer Konzern Investitionen von 100 Millionen Euro. ABB wird im oberösterreichischen Eggelsberg einen 35.000 Quadratmeter großen Campus errichten, der in zwei Jahren in Betrieb gehen wird.

Am Stammsitz des früheren Familienunternehmens B&R sollen cloudvernetzte Maschinen, Roboter und smarte Produkte weitgehend autonom hergestellt werden. In Eggelsberg arbeiten bereits heute fast 1.000 Forschungs-, Entwicklungs- und Anwendungsingenieure. Jährlich gibt ABB nach eigenen Angaben rund 1,4 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung aus. 2009 war die Robotertechnik noch ein Verlustgeschäft für ABB. Heute ist der Konzern in diesem Bereich weltweit Nummer zwei.

Mit der B-&-R-Übernahme will ABB vor allem dem ewigen Rivalen Siemens bei der Industrieautomatisierung stärker Paroli bieten. Bislang ist ABB primär in der Prozessautomatisierung und bei Robotern stark. Siemens ist dagegen vor allem dank seiner Simatic-Technologie ziemlich unangefochtener Weltmarktführer bei Automatisierungstechnik für Fabriken. Weltweit sind etwa 45 Millionen Siemens-Automatisierungssysteme bei Kunden im Einsatz.

Die Bemühungen von ABB, hier aufzuholen, werden in München genau beobachtet. Doch ist man weiter selbstbewusst. Es sei etwas anderes, ob man Marktführer in Österreich sei – oder auf der ganzen Welt, heißt es in Industriekreisen. Im vergangenen Geschäftsjahr war die Digitale Fabrik mit Umsätzen von 11,4 Milliarden Euro und einer operativen Rendite von 18,8 Prozent das profitabelste Geschäftsfeld von Siemens.

Doch ABB zeigt mit den Milliardeninvestitionen, dass der Vorstoß ernst gemeint ist. Die strategischen Schwerpunkte heißen künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. „Wir wollen eine noch stärkere Mannschaft beim Thema ,Machine Learning‘ und künstliche Intelligenz bauen, um unsere Marktpositionen insbesondere in China oder den USA auszubauen“, sagte Spiesshofer dem Handelsblatt.

Im Kauf von B&R sieht der gebürtige Schwabe mit Schweizer Pass daher nur Vorteile: „Die Kombination in der Industrieautomation zwischen ABB und B&R positioniert uns einzigartig. Es gibt keinen anderen, der messen, steuern und Roboter aktivieren kann.“

Mit der Übernahme und Integration der neuen Tochter in Österreich beendet der Konkurrent von Siemens und General Electric (GE) allerdings seine Einkaufstour. „In unserem Portfolio haben wir unsere Lücken geschlossen“, sagte Spiesshofer. „In den Elektrifizierungsprodukten und in der Industrieautomation sind wir aufgrund der Zukäufe der GE-Sparte und B&R gut aufgestellt.“ Erst im vergangenen September hatte ABB für 2,6 Milliarden Dollar die Elektrokomponenten-Sparte von GE mit 13.500 Mitarbeitern in den USA übernommen.

Die Priorität auf organisches Wachstum schließt aber Verkäufe von wenig rentablen Unternehmensteilen keineswegs aus. „Das aktive Portfoliomanagement wird weitergehen“, kündigt Spiesshofer an. Als Beispiel nennt er den Verkauf des Kabelgeschäfts, das unter dem Dach von ABB nicht mehr weiter entwickelbar gewesen sei.

Neben organischem Wachstum setzt ABB auch auf Partnerschaften und Investitionen in Start-ups. Über ihren ABB-Technology-Venture-Fonds haben die Schweizer seit 2009 mehr als 150 Millionen Dollar in Start-ups investiert, die sich mit der Steuerung von Stromnetzen beschäftigen oder in den Bereichen Robotik und künstliche Intelligenz engagiert sind.

Den Aktionären verspricht der ABB-Chef erneut eine höhere Gewinnausschüttung: „Es ist unsere Absicht, die Dividende der ABB auch in Zukunft kontinuierlich zu steigern.“ ABB hat die Dividende bereits zum neunten Mal erhöht – auf jetzt 0,78 Franken. Zuletzt stieg der Konzernumsatz auch wegen Währungseffekten von 33,8 auf 34,3 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn legte von 1,9 auf 2,2 Milliarden Dollar zu. Die niedrige Gewinnmarge erklärte Spiesshofer mit Belastungen durch die Transformation des Konzerns.

Für die Zukunft bleibt der ABB-Chef vorsichtig. „Seit 2018 haben wir erstmals seit der Finanzkrise vor zehn Jahren eine Situation, dass alle unsere Märkte wachsen oder konstant sind. Gleichzeitig haben wir eine Welt voller Risiken“, sagt der CEO. Zum einen müsse er als Unternehmer bei den Kosten und beim Kapital extrem vorsichtig sein. Zum anderen müsse ABB Vollgas bei den Marktchancen geben.

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