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03.05.2016

14:22 Uhr

Geschäftsmodell Datenanalyse

Die Verschmelzung der Welten

VonMartin Wocher

Die Digitalisierung der produzierenden Industrie steht erst am Anfang. Kein IT-Konzern kann die ganze Bandbreite abdecken. Das führt immer wieder zu neuen Allianzen – selbst mit hartnäckigen Wettbewerbern.

Der Vorteil für die Industrie: Mit solchen Dienstleistungen lässt sich langfristig mehr und dauerhaft Geld verdienen als mit dem einmaligen Verkauf einer Maschine.

Der Vorteil für die Industrie: Mit solchen Dienstleistungen lässt sich langfristig mehr und dauerhaft Geld verdienen als mit dem einmaligen Verkauf einer Maschine.

HannoverWuchtig liegt es da auf dem Stand von Microsoft, übermannsgroß. Vorn die riesigen Turbinenschaufeln, die Seiten überziehen Kabel, Schläuche und dünne Rohre wie feines Nervengeflecht. Das jüngste Rolls-Royce- Triebwerk für den A350 von Airbus ist ein echter Hingucker auf der diesjährigen Hannover Messe. Doch die XWB-84 ist nicht nur in der Lage, im Doppelpack gut 300 Passagiere in die Luft zu hieven und über Stunden zu transportieren, die Turbine liefert dabei jede Menge Daten. Informationen, die für den britischen Triebwerksbauer und seine Kunden immer wichtiger werden.

Das Internet der Dinge

Alltägliche Objekte im Netz

Das Internet ist bekannt als Infrastruktur, über die Menschen Daten austauschen – ob mit dem PC, Laptop oder Smartphone. Es geht also letztlich um Computer, die miteinander kommunizieren. Doch heutzutage lassen sich immer mehr Objekte vernetzen: Heizung und Haustür, T-Shirt und Brille, Auto und Heizung.

Eine Sache, viele Begriffe

Den Begriff „Internet der Dinge“ prägten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Ende der 90er Jahre. Es kursieren aber viele Begriffe. „Industrial Internet“ betont die wirtschaftliche Bedeutung, „Machine to Machine“ (abgekürzt M2M) beschreibt eher technisch, dass Geräte autonom Daten austauschen.

Einsatz in der Wirtschaft

Bislang ist das Internet der Dinge vor allem eine Sache der Wirtschaft: Logistikunternehmen verfolgen beispielsweise den Weg von Lieferungen. Technologie-Hersteller bringen aber zunehmend auch Produkte für Verbraucher auf den Markt, etwa Heizungssteuerungen.

Mini-Computer und Funkantenne

Vernetzte Objekte benötigen eine Art Mini-Computer und eine Funkantenne, außerdem Sensoren – im Fall einer Heizungssteuerung etwa, um die Temperatur zu messen. Diese Komponenten sind in den vergangenen Jahren so geworden, dass immer neue Einsatzgebiete in Frage kommen.

Sextillionen von Adressen

Damit vernetzte Objekte übers Internet gesteuert werden können, muss man sie eindeutig ansprechen können. Ein neuer Standard namens IPv6 soll dafür sorgen, dass auch im Zeitalter vernetzter Autos und Heizungen genügend IP-Adressen vorhanden sind – es sind 340 Sextillionen, also eine 340 mit 36 Nullen.

Markt mit Riesenpotenzial

Es ist schwierig, den Vernetzungstrend in Zahlen zu fassen, der Markt ist noch zu jung. Der Marktforscher Gartner wagt die Prognose, dass bis 2020 rund 26 Milliarden Geräte im Internet der Dinge sind – PCs, Tablets und Smartphones sind darin nicht eingeschlossen. Der Umsatz mit Produkten und Diensten werde auf mehr als 300 Milliarden Dollar wachsen. Noch optimistischer ist der Netzwerkausrüster Cisco, der bis dahin 50 Milliarden vernetzte Geräte erwartet.

Diskussion über Datenschutz

Der Siegeszug der vernetzten Geräte dürfte einige Diskussionen über den Datenschutz nach sich ziehen. Ein Beispiel: Darf eine Versicherung die Bewegungsdaten eines Autobesitzers auswerten, um den Tarif ans Fahrverhalten anzupassen? Oder darf die Polizei nach einem Unfall überprüfen, ob der Fahrer zu schnell war?

„Fluggesellschaften hassen nichts mehr als Überraschungen“, sagt Mark Goodhind, bei Rolls Royce für den Datenservice zuständig. Die Analyse des permanenten Informationsstroms verhindert genau das – ein Komplettausfall soll damit ausgeschlossen werden. Gibt es Unregelmäßigkeiten, fallen die sofort auf. Das nächste Serviceintervall bestimmt nicht mehr ein starrer und vorgegebener Zeitplan, sondern das Triebwerk selbst. Aus den Daten wird errechnet, wann die Unterbrechung in den Ablauf passt und wo dann Wartungs-Kapazitäten frei sind. Das alles optimiert den Einsatz des Flugzeugs und senkt die Kosten. „Ein Flugzeug verdient ja nur Geld, wenn es in der Luft ist“, sagt Goodhind.

Als Partner für die Speicherung und Analyse der Daten hat sich Rolls Royce den US-Softwaregiganten Microsoft an Bord geholt. „Die haben viel mehr Erfahrung damit als wir“, sagt Goodhind. So lässt sich in der Cloud von Microsoft auch anhand von Wetterprognosen und laufend übermittelten Daten anderer Flieger exakt berechnen, wie viel Sprit der Airbus für seinen Flug an Bord nehmen sollte, einschließlich Sicherheitsreserve. In der Vergangenheit wurde das eher anhand von Erfahrungswerten entschieden. „Jedes Kilo Gewicht, das ein Flugzeug nicht mitnehmen muss, spart der Fluggesellschaft richtiges Geld“, sagt Goodhind.

Überall bietet die Industrie inzwischen diese neuen Geschäftsmodelle rund um die Datenanalyse an. Der Vorteil für sie: Mit solchen Dienstleistungen lässt sich langfristig mehr und dauerhaft Geld verdienen als mit dem einmaligen Verkauf einer Maschine. Auch der Kunde profitiert: Er kann seine Anlagen optimal einsetzen, erhöht dadurch die Produktivität und spart Kosten.

Der Einsatz von IT- und Software macht dabei den Unterschied. Schon jetzt trägt das digitale Element rund ein Drittel der Wertschöpfung einer Maschine bei, ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. „Die Hardware wird zum Container für Software“, sagt Frank Riemensperger, Deutschlandchef von Accenture und Präsidiumsmitglied des Branchenverbands der digitalen Wirtschaft, Bitkom. „Alles Physische was künftig durch Software ersetzt werden kann, wird auch ersetzt werden.“

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