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25.04.2016

06:12 Uhr

Hannover Messe

„Bei Industrie 4.0 geht es um Vertrauen“

VonGrischa Brower-Rabinowitsch, Martin-W. Buchenau

Industrie 4.0 ist in aller Munde. Doch wann kommt der Durchbruch? ZF-Chef Stefan Sommer und Kuka-Chef Till Reuter sprechen zum Start der Hannover Messe über digitale Chancen, deutsche Tugenden und denkende Getriebe.

In Friedrichshafen trafen sich ZF-Vorstandschef Stefan Sommer (l) und Till Reuter (2.v.l.), Chef des Herstellers Kuka, zum Gespräch mit dem Handelsblatt.

Chefs zum Doppelinterview

In Friedrichshafen trafen sich ZF-Vorstandschef Stefan Sommer (l) und Till Reuter (2.v.l.), Chef des Herstellers Kuka, zum Gespräch mit dem Handelsblatt.

Kuka-Chef Till Reuter fährt zu Wochenbeginn häufig von seinem Wohnort Zürich nach Augsburg. Für das Handelsblatt macht er Boxenstopp mit seiner Mercedes S-Klasse in Friedrichshafen, um en passant vor der Hannover-Messe ein Doppelinterview mit ZF-Chef Stefan Sommer zu geben. Roboterlieferant und Kunde ziehen an einem Strang, wenn es darum geht die Produktion noch effizienter zu machen und damit in Deutschland zu halten. IT-Sicherheit ja, noch besser analoges Vertrauen, dann kann so schnell sich keiner der Internetgiganten dazwischen schieben, da sind sich beide einig.

Herr Reuter, seit zwei Jahren ist das Thema intelligente Industrie 4.0 in aller Munde. Wann kommt der Durchbruch?
Till Reuter: Industrie 4.0 ist schon länger im Gespräch, nur nicht unter dem Namen. Letztendlich geht es um die Vernetzung von Maschinen und großer Datenmengen zur Auswertung von Prozessen. Der Durchbruch wird wohl noch fünf Jahre dauern, aber es ist ein kontinuierlicher Prozess.

Geht das nicht schneller, Herr Sommer?
Stefan Sommer: Gegenfrage: Wann war denn der Durchbruch der Automatisierungstechnik? Ich könnte kein Jahr beziffern. Und genau so ist es auch bei Industrie 4.0. Das ist wirklich ein kontinuierlicher Prozess.

Das Internet der Dinge

Alltägliche Objekte im Netz

Das Internet ist bekannt als Infrastruktur, über die Menschen Daten austauschen – ob mit dem PC, Laptop oder Smartphone. Es geht also letztlich um Computer, die miteinander kommunizieren. Doch heutzutage lassen sich immer mehr Objekte vernetzen: Heizung und Haustür, T-Shirt und Brille, Auto und Heizung.

Eine Sache, viele Begriffe

Den Begriff „Internet der Dinge“ prägten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Ende der 90er Jahre. Es kursieren aber viele Begriffe. „Industrial Internet“ betont die wirtschaftliche Bedeutung, „Machine to Machine“ (abgekürzt M2M) beschreibt eher technisch, dass Geräte autonom Daten austauschen.

Einsatz in der Wirtschaft

Bislang ist das Internet der Dinge vor allem eine Sache der Wirtschaft: Logistikunternehmen verfolgen beispielsweise den Weg von Lieferungen. Technologie-Hersteller bringen aber zunehmend auch Produkte für Verbraucher auf den Markt, etwa Heizungssteuerungen.

Mini-Computer und Funkantenne

Vernetzte Objekte benötigen eine Art Mini-Computer und eine Funkantenne, außerdem Sensoren – im Fall einer Heizungssteuerung etwa, um die Temperatur zu messen. Diese Komponenten sind in den vergangenen Jahren so geworden, dass immer neue Einsatzgebiete in Frage kommen.

Sextillionen von Adressen

Damit vernetzte Objekte übers Internet gesteuert werden können, muss man sie eindeutig ansprechen können. Ein neuer Standard namens IPv6 soll dafür sorgen, dass auch im Zeitalter vernetzter Autos und Heizungen genügend IP-Adressen vorhanden sind – es sind 340 Sextillionen, also eine 340 mit 36 Nullen.

Markt mit Riesenpotenzial

Es ist schwierig, den Vernetzungstrend in Zahlen zu fassen, der Markt ist noch zu jung. Der Marktforscher Gartner wagt die Prognose, dass bis 2020 rund 26 Milliarden Geräte im Internet der Dinge sind – PCs, Tablets und Smartphones sind darin nicht eingeschlossen. Der Umsatz mit Produkten und Diensten werde auf mehr als 300 Milliarden Dollar wachsen. Noch optimistischer ist der Netzwerkausrüster Cisco, der bis dahin 50 Milliarden vernetzte Geräte erwartet.

Diskussion über Datenschutz

Der Siegeszug der vernetzten Geräte dürfte einige Diskussionen über den Datenschutz nach sich ziehen. Ein Beispiel: Darf eine Versicherung die Bewegungsdaten eines Autobesitzers auswerten, um den Tarif ans Fahrverhalten anzupassen? Oder darf die Polizei nach einem Unfall überprüfen, ob der Fahrer zu schnell war?

Das klingt nicht sonderlich dynamisch.
Reuter: Doch, denn unsere Fertigung ist heute schon hochgradig vernetzt und automatisiert. Spannend wird es, wenn mit der Digitalisierung die Kundenbedürfnisse von außen in die Steuerung der Produktion direkt hineinspielen.

Übersetzen Sie uns das doch bitte mal in ein Beispiel…
Reuter: Heute geht man in ein Geschäft und kauft einen Turnschuh, der vor fünf Monaten in Asien gefertigt wurde. Unsere Kinder wollen im Netz einen Turnschuh nach ihren Vorstellungen kreieren, vielleicht ein Modell mit drei orangenen Streifen, und wollen es zwei Tage später in der Hand halten. Konsumentenverhalten wird die gesamten Prozesse verändern. Das bietet die Chance, dass hochautomatisierte Fertigung wieder zurück nach Deutschland kommt.

Bei Turnschuhen können wir uns das vorstellen, aber wie sieht das bei Getrieben oder Fahrwerken aus Herr Sommer?
Sommer: Im Prinzip funktioniert das schon ähnlich. Kein Getriebe wird in nur einem Werk gebaut. Es werden immer Komponenten zugeliefert und unsere Werke sind alle vernetzt. Wir haben schon heute alleine 300 verschiedene Getriebevarianten für Lkws, die wir „just in sequence“ direkt ans Band unserer Kunden liefern. Industrie 4.0 ermöglicht zukünftig die vollständige Automatisierung des Prozesses.

Wie muss man sich das genau vorstellen?
Sommer: Die Informationen fließen von der Entscheidung des Kunden beim Händler, welches Getriebe er haben will, automatisch bis zu uns an die Maschinen. Die Getriebe werden dann mit so genannten RFID-Chips ausgestattet, in denen alle relevanten Informationen über das Getriebe und den Lkw stecken, in den es eingebaut werden soll.

Dann werden sie ja gläsern.
Sommer: Wir sind heute schon gläsern. Aber wir sind noch nicht so effizient, wie wir sein wollen. Ziel ist, immer mehr dieser individualisierten Produkte in kurzer Zeit zu bauen. Aber die Automobilindustrie ist noch weit vom Beispiel des Turnschuhs entfernt, der in zwei Tagen individuell gefertigt wird. Wenn ein Kunde ein Auto bestellt, dauert es bis zur Auslieferung heute bis zu einem halben Jahr; auch wegen der komplexen Materialflüsse quer über den Globus. Bis wir durch „Industrie 4.0“ Fertigung komplett wieder nach Deutschland holen können, dauert es noch lange – vielleicht sogar eine Dekade.

Das Getriebe aus dem Drucker braucht auch noch ein bisschen.
Sommer: Ja, sicher (lacht).

Kommentare (24)

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Account gelöscht!

25.04.2016, 08:55 Uhr

Was will Deutschland mit einer Industrie 4.0....!?
Deutschland schafft sich mit dieser Grün-Sozialistischen Erneuerbaren Energiewelt gerade selbst ab. Mit Windmühlen, Solarmodulen und Batterien verfrachtet man Deutschland gerade zuürck ins Mittelalter. Mit der Ausstieg auch der Energie Hochtechnologie der Kernkraft verabschiedet man sich gerade von der Energiezukunft und mit dem Ausstieg aus der Kohle und einer CO2 Erzeugung begeht man gerade die Vernichtung der Deutschen Volkswirtschaft und Gesellschaft.
All dies läuft unter dem Deckmantel der sog. "Grünen Industrie Revolution"....damit ist jedoch keine Industrie 4.0 zu haben sondern der Rückschritt in das Vorindustrielle Zeitalter von Mangel und Armut.

Herr Marc Otto

25.04.2016, 09:49 Uhr

Ja, wie es aussiewht, ist Deutschland wohl auf dem richtigen Weg. Und durch die Einwanderer haben wir nun auch die Möglichkeit, dass an der unteren Einkommensskala wieder mehr Gerechtigkeit / "der Mindeslohn muss weg" einkehren kann.

weiter so!

Account gelöscht!

25.04.2016, 09:49 Uhr

Industrie 4.0 auszusprechen, dürfte in Deutschland für immer mehr Menschen immer schwieriger werden.

Wenn man dann von Digitalisierung und Transformation der Volkswirtschaft spricht, dürfte das nicht nur sprachlich eine Hürde sein, die den allermeisten Menschen .....

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