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14.04.2015

17:08 Uhr

Plattform Industrie 4.0

Deutschland wehrt sich gegen das „Y“

VonCaroline Lindekamp

Deutschland will den nächsten industriellen Wandel mitgestalten – etwa über die Plattform Industrie 4.0. In vielen Bereichen sei Deutschland bereits richtig stark, sagt ZVEI-Vorstand Mittelbach. Doch wir haben auch noch Aufholbedarf gegenüber den USA.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) sieht die Stärke der Plattform Industrie 4.0 in ihrer Offenheit.

Klaus Mittelbach

Der Vorsitzende der Geschäftsführung des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) sieht die Stärke der Plattform Industrie 4.0 in ihrer Offenheit.

Das Thema Vernetzung und Digitalisierung der Produktion, das aktuell bei der Hannover Messe im Mittelpunkt steht, ist geprägt von englischen Schlagworten: Advanced Manufacturing, Big Data, Industrial Internet, cyber-physical Systems und so weiter. Doch bei einem Wort beharren die Vertreter aus Industrie wie Politik hierzulande auf der deutschen Schreibweise und wehren sich vehement gegen das angelsächsische „Y“: Industrie 4.0. Der Begriff fasst die Vision des nächsten industriellen Wandels zusammen, und die will Deutschland – im Wettbewerb mit den USA – ganz entscheidend mitgestalten. Das „ie“ in Industrie 4.0 wird zum Symbol im Kampf um die Deutungshoheit bei dem Thema.

Mit der Plattform Industrie 4.0 – ebenfalls im Gegensatz zu dem US-amerikanischen IIC – will sich Deutschland in dem Bereich positionieren und international konkurrenzfähige Standards entwickeln.  Angefangen als eine Verbände-Plattform wurde sie bei der diesjährigen Hannover Messe mit prominentem Politiker-Besuch von Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erweitert – um Stellvertreter aus Politik, Wissenschaft und den Gewerkschaften. ZVEI-Geschäftsführer Klaus Mittelbach hat die Plattform Industrie 4.0 stellvertretend für die Elektronikindustrie neben Bitkom und VDMA von ihrer Gründung an erlebt.

Herr Mittelbach, ist die neue Version der Plattform Industrie 4.0 ein Beleg dafür, dass bisher zu wenig erreicht wurde?

Wir haben vor zwei Jahren auf der Hannover Messe die Plattform Industrie 4.0 Version 1 gegründet. Sie hat seitdem hervorragend gearbeitet. So stellen wir unter anderem dieses Jahr bei der Messe eine Forschungs-Roadmap vor und haben vor allem eine Referenzarchitektur Industrie 4.0 (RAMI 4.0) erarbeitet. Wir haben erreicht, was wir uns vorgenommen haben und für die Unternehmen eine Grundlage geschaffen, auf der sie ihre digitalen Geschäftsmodelle entwickeln können. 

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Die Industrie ist im Umbruch. Neue Geschäftsfelder und Berufsbilder zeichnen sich wegen der zunehmend vernetzten, digitalen Produktion ab. Regeln für diese Industrie 4.0 gibt es noch nicht – und das soll sich nun ändern.

Die Version 2 der Plattform haben heute Vertreter aus der Bundespolitik mit vorgestellt. Wozu braucht die Wirtschaft die Unterstützung der Politik in Sachen Industrie 4.0?

Zunächst benötigen wir die Politik, um in Europa einen digitalen Binnenmarkt zu errichten. Gegenüber den USA haben wir da einen gewissen Wettbewerbsnachteil: Unser Binnenmarkt ist erst dann tatsächlich groß, wenn er europäisch ist, ausgestattet mit den entsprechenden Rahmenbedingungen. Dann können wir den Wettbewerb mit der Welt aufzunehmen – und den brauchen wir dringend auch im digitalen Bereich. Das zweite Thema, das auf die politische Agenda gehört, ist Sicherheit. Wir haben im Datenschutz eine Philosophie der Datensparsamkeit. Ohne dass wir die Datenschutzregeln aufweichen wollen, müssen wir ein Regelwerk finden, das von dieser Sparsamkeit weg hin zu einer Datenvielfalt geht. Der Schutz der Personenrechte hat dabei Vorrang.

Ist die Plattform auch eine Antwort auf die amerikanische Konkurrenz, das IIC?

Natürlich ist das IIC auch Wettbewerber der Plattform Industrie 4.0. Wir sind das Thema allerdings schon vor vielen Jahren angegangen. Nicht umsonst ist der Begriff „Industrie 4.0“ hierzulande entstanden, und wir achten darauf, dass wir ihn nicht ins Englische übersetzen und von „Industry 4.0“ sprechen. Im Kern ist das IIC die Antwort der Amerikaner auf das, was wir in Deutschland – und ab diesem Jahr sicherlich in Europa – als Plattform-Ideen längst initiiert haben. Anders als bei einem Konsortium kann bei uns jeder mitmachen. Das ist gerade für den deutschen Mittelstand wichtig. Unsere Plattform ist eben kein geschlossenes, sondern ein offenes Modell. Darin liegt unsere Stärke.

Skeptiker halten Deutschland immer wieder vor, wie viel pragmatischer die Amerikaner das Thema vorantreiben würden. Dieser Vorwurf fällt auch oft im Vergleich Ihrer Plattform mit dem IIC. Was sagen Sie dazu?

Das Thema ist eine klassische Neid-Diskussion, aber die Fakten sprechen für uns. Als wir die Plattform vor zwei Jahren gründeten, haben uns mit ingenieurtypischem Perfektionsanspruch an die Arbeit gemacht – das ist aus Marketinggründen vielleicht manchmal ein Nachteil. Anders die Angelsachsen: Die reden schon viel, ohne wirklich etwas vorweisen zu können. Wir haben inzwischen gelernt, uns der Diskussion zu stellen, auch wenn noch nicht alles bis ins letzte Detail ausgearbeitet ist.

Es gibt noch viele offene Fragen bei der Industrie 4.0. Wo hat Deutschland vor allem Aufholbedarf?

Wir sprechen vom „Internet der Dinge“: Bei den Dingen sind wir in Deutschland richtig stark. Wir haben die Weltmarktführer, wir rüsten die Industrie der Welt aus, unsere Produkte und Systeme machen Industrie überhaupt erst möglich – auch in den USA. Weniger gut schneiden wir in der Internetwirtschaft ab, wo uns die Amerikaner voraus sind. Bisher waren das zwei Welten, die wenige Berührungspunkte hatten. Die Zukunft wird das ändern. In Europa müssen wir uns anstrengen, dass wir am Ende auch beim Internet mitspielen können. Das kann gelingen, aber es ist noch nicht entschieden.

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