Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.04.2016

15:06 Uhr

Vorreiter Siemens

Digitalisierung vor dem Durchbruch

VonMartin Wocher, Axel Höpner

Der Technologiekonzern Siemens stellt auf der Hannover Messe eine integrierte Plattform für die komplette industrielle Produktionskette vor. Damit kommt die vierte industrielle Revolution endgültig in der Fabrikhalle an.

Das Zusammenspiel virtueller und realer Fertigungsprozesse: die Division Digital Factory von Siemens. Siemens

Digitalisierung der Fertigung

Das Zusammenspiel virtueller und realer Fertigungsprozesse: die Division Digital Factory von Siemens.

NürnbergDie Digitalisierung der Industrie in allen Abläufen ist seit langem ein großes Versprechen. Denn es winken enorme Produktionsgewinne und die Möglichkeit, individuelle Produkte zu Kosten einer Massenfertigung herzustellen. Eher sporadisch wurde all das bislang umgesetzt: hier eine sich selbst korrigierende Maschine, dort eine Fertigungsstraße oder Teile einer vernetzten Fabrik.

Chancen und Risiken des deutschen Maschinenbaus

Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Mit mehr als einer Million Beschäftigten gilt der Maschinen- und Anlagenbau als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. Doch die Zeit rasanter Zuwächse scheint für die mittelständisch geprägte Schlüsselindustrie erst einmal vorbei. Die Branche sieht sich einem Mix aus Chancen und Problemen gegenüber.

Quelle: dpa

Bremseffekt China

Die Schwäche wichtiger Märkte wie China bremst die extrem exportorientierten Maschinen- und Anlagenhersteller erheblich, denn das Riesenreich ist ein gewaltiger Absatzmarkt für Maschinen „Made in Germany“. Doch die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind vorbei. So rechnet der Branchenverband VDMA mit einen Ausfuhr-Rückgang um 6 Prozent auf gut 16 Milliarden Euro im Jahr 2015.

Bremseffekt Russland

Die seit 2014 wirksamen Sanktionen gegen Putins Reich haben in den Bilanzen der deutschen Maschinenbauer deutliche Spuren hinterlassen. 2015 sollte der Maschinen-Export dorthin nach Schätzungen nur noch rund 5 Milliarden Euro betragen, fast 3 Milliarden Euro weniger als zwei Jahre zuvor. In der Tabelle der Exportmärkte fiel Russland von Rang 4 auf Platz 10 zurück.

Entlastung und Risiko Ölpreis (1)

Der Absturz des Ölpreises senkt die Energiekosten bei der Produktion. Zugleich setzt er die Ölindustrie als Kunden der Maschinenbauer unter Druck. Die Folge: Investitionen werden verschoben. Komplizierte und daher teure Förderprojekte werden auf Eis gelegt.

Entlastung und Risiko Ölpreis (2)

Das Wartungsgeschäft entwickle sich dagegen robust, sagte Siemens-Chef Joe Kaeser jüngst. Weil der Verbrauch steige, müsse mehr Öl durch Pipelines gepumpt werden, wovon Siemens mit Ersatzteilen für Pumpen und Kompressoren profitieren könne. Siemens hatte 2014 den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand gekauft.

Rückenwind Euro

Durch den Kurs-Rückgang der Gemeinschaftswährung werden deutsche Produkte auf dem Weltmarkt tendenziell billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Insbesondere auf dem US-Markt sind deutsche Maschinen dadurch preislich im Moment sehr konkurrenzfähig. Auch im Euro-Binnenmarkt lief es zuletzt wegen des Nachholbedarfs besser.

Hoffnung Iran

Das Land hat nach dem Ende der Sanktionen großen Nachholbedarf, es fehlt überall an modernen Maschinen, Anlagen und Komponenten. Daher hofft die Branche auf steigende Nachfrage aus dem traditionell eng mit der deutschen Wirtschaft verknüpften Land. Wichtig ist dabei aus Sicht der Maschinenbauer ein sicheres Finanzwesen - ohne das Risiko, für am Ende doch nicht erlaubte Geschäfte belangt zu werden, etwa von US-Behörden. Der niedrige Ölpreis limitiert zudem die Finanzen der Islamischen Republik, wo auch Konkurrenten wie Frankreich, Italien und China unterwegs sind.

Hoffnung TTIP (1)

In den Verhandlungen zwischen den USA und der Europäischen Union ist dem Maschinenbau ein eigenes Kapitel vorbehalten. Der VDMA verspricht sich einen deutlich verbesserten Zugang zum US-Markt. Die Zölle für Einfuhren seien zwar prozentual eher niedrig, belaufen sich laut Verbandsschätzung für den Maschinenbau aber trotzdem auf hunderte Millionen Euro im Jahr.

Hoffnung TTIP (2)

Noch wichtiger wäre den Unternehmen der Wegfall anderer Handelshemmnisse, wenn es zum Beispiel um unterschiedliche Normen für Stecker, Kabel oder Gewinde geht. Derzeit verteuere die Umrüstung und notwendige Zertifizierung in den USA die deutschen Produkte um 5 bis 20 Prozent.

Hoffnung Afrika

Der afrikanische Kontinent gilt trotz aller Probleme als wachsender Exportmarkt mit Zukunft. Vor allem Länder südlich der Sahara streben nach VDMA-Einschätzung danach, Technologie für den eigenen wirtschaftlichen Fortschritt und die Etablierung einer verarbeitenden Industrie einzukaufen. Man wolle die eigenen Bodenschätze und Agrarprodukte im Land selbst verarbeiten. Allerdings ist bei den dafür notwendigen Maschinen die Konkurrenz groß: Vor allem die Chinesen haben sich große Marktanteile gesichert, aber auch Italien und die USA lagen zuletzt vor den deutschen Anbietern.

Dabei ist es mittlerweile fünf Jahre her, dass der Begriff der „Industrie 4.0.“, also die Idee einer vernetzten Arbeitswelt, in Deutschland geprägt wurde. Nun kommt die „Vierte Revolution“ tatsächlich in den Fabrikhallen an.
Einer der Vorreiter in diesem Bereich ist der Technologiekonzern Siemens: Die Münchener gelten als weltweit führender Automatisierungsspezialist. Auf der Hannover Messe stellen sie eine industrielle IT-Plattform vor, die digital die ganze Fertigungskette abbilden kann. Sie soll für einen kräftigen Schub in Sachen Digitalisierung in den Fabriken sorgen. „Mit Digital Enterprise haben wir den Anspruch, Standards zu setzen“, sagt Klaus Helmrich. Der Industrievorstand von Siemens ist davon überzeugt: „Die Technik ist da, erste Implementierungen sind erfolgt – der Durchbruch findet jetzt statt.“

Davon kann sich auch Angela Merkel überzeugen. Die Bundeskanzlerin eröffnet mit US-Präsident Barack Obama an diesem Sonntagabend die Industrieschau. Gut hundert einsatzbereite 4.0-Lösungen präsentieren die Aussteller. „Integrated Industrie-Discover Solutions“ lautet daher auch das diesjährige Motto in Hannover.

„Der Breiteneffekt setzt ein“, sagt Frank Riemensperger, Deutschlandchef des Beratungsunternehmens Accenture. „Es gibt immer mehr Bausteine, die miteinander verbunden werden.“ So hat der Maschinenbauer Trumpf kürzlich angekündigt, in fünf Jahren seine komplette Produktion mit Hilfe von digitalen Prozessen steuern zu wollen. Dann seien die Industrie-4.0-Konzepte durchgängig eingesetzt und wirksam, sagte der für den Werkzeugmaschinenbereich zuständige Geschäftsführer Mathias Kammüller. Bis sich der technische Fortschritt in der gesamten Industrie durchsetzt, werde es allerdings noch dauern.

Auch die Berater von PWC sehen einen qualitativen Sprung nach vorne. „Die Umsetzung ist in vollem Gange – und das weltweit“, heißt es in der jüngsten Studie zu diesem Thema. „Unternehmen versprechen sich von der Digitalisierung enorme Vorteile und investieren entsprechend hohe Summen“, sagte Reinhard Geissbauer, Leiter Industry 4.0 bei Strategy&. „Selbst wenn sich nur die Hälfte der daran geknüpften Erwartungen erfüllt, wird Industrie 4.0 die Wettbewerbslandschaft in den kommenden fünf Jahren grundlegend verändern.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×