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07.03.2014

13:52 Uhr

Big-Data-Portal Kaggle

Der Wettbewerb der Hellseher

VonPatrick Schwarz

Dunkle Materie, Aids, Walgesänge – das Portal Kaggle soll die Forschung voranbringen. Datenexperten liefern sich dort einen Wettstreit um die cleversten Lösungen. Auch Firmen wie Facebook und Microsoft profitieren davon.

Der dunklen Materie auf der Spur: Die Nasa hat mithilfe von Kaggle einen Algorithmus zur Vermessung des Weltalls entwickelt – und der Plattform viel Aufmerksamkeit verschafft. Reuters

Der dunklen Materie auf der Spur: Die Nasa hat mithilfe von Kaggle einen Algorithmus zur Vermessung des Weltalls entwickelt – und der Plattform viel Aufmerksamkeit verschafft.

DüsseldorfIn seiner Freizeit spielt Josef Feigl Hellseher. Er versucht vorauszusagen, welche Amerikaner im nächsten Jahr ins Krankenhaus eingeliefert werden, wer einen Kredit nicht zurückzahlen kann und wie sich eine neue Kaffeesorte verkaufen wird.

Der 27-Jährige hat keine übersinnlichen Wahrnehmungen: Er ist Datenwissenschaftler. Für seine Prognosen nutzt er Algorithmen. Den Rohstoff – die Daten – findet er auf der Website Kaggle: Dort stellen Forschungseinrichtungen und Unternehmen Aufgaben, die sie selbst nicht lösen können.

Das 2010 gegründete Portal bietet eine Lösung für ein häufiges Problem: Zwar verfügen Firmen über ungeheuer große Datensätze, aber nicht die passenden Algorithmen, die die Daten ordnen und nützlich machen. Auf Kaggle können sie die Daten hochladen und ihr Problem beschreiben. Experten aus der ganzen Welt versuchen dann, eine Antwort zu finden. Sie treten in einem Wettbewerb um den besten Algorithmus an – wer gewinnt, bekommt eine Geldprämie. Dabei ist es ganz egal, ob der Teilnehmer Professor an einer renommierten Universität oder ein Hobbytüftler ist.

Wofür steht Big Data?

Der Hype um die Daten

Unter Big Data versteht man Technologie zur Verknüpfung und Auswertung riesiger Datenmengen. Ziel ist es, neue Erkenntnisse zu gewinnen – etwa welche Produkte einem Kunden gefallen oder wo unentschlossene Wähler wohnen.

Riese Datenmengen

Das Datenaufkommen verdoppelt sich ungefähr alle zwei Jahre. Viele der Informationen erzeugen nicht Menschen, sondern Maschinen – beispielsweise Smartphones, intelligente Stromzähler oder Autos. Gerade Bewegungsdaten sind fürs Marketing relevant.

Vielfältige Quellen

Big Data bedeutet auch: Es werden Daten aus verschiedensten Quellen miteinander verknüpft und zu einem Profil verschmolzen. Marketing-Experten setzen beispielsweise auf klassische Kundendatenbanken, Bewegungsdaten von Smartphones sowie Informationen aus Sozialen Netzwerken. Auch die Wettervorhersage kann nützlich sein, um bestimmte Produkte zu verkaufen.

Ergebnisse in Echtzeit

Besonderen Reiz gewinnt Big-Data-Technologie durch ihre Geschwindigkeit: In vielen Fällen spucken die Superrechner die Ergebnisse in Echtzeit aus, oder sie beschleunigen zumindest die Berechnungen im Vergleich zu herkömmlichen Technologien deutlich.

Korrelation statt Kausalität

Big Data führt zu einer Veränderung im Denken: Wer große Datenmengen auswertet, kann statistische Zusammenhänge entdecken, ohne die Gründe dafür zu verstehen – Korrelation statt Kausalität. Das könnte langfristig verändern, wie wir Menschen Probleme lösen.

Die Aufgaben kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Seit Kaggle im April 2010 gegründet wurde, gab es zum Beispiel Wettbewerbe zur Aids-Forschung, Notenvergabe in Schulen, Optimierung von Flugplänen, Bestimmung von Grippewellen und Erkennung von Walgesang, außerdem zur Voraussage der Platzierungen des Eurovision Songcontests.

Berühmt machte Kaggle aber ein Wettbewerb der US-Weltraumbehörde Nasa. Mit Hilfe von 100.000 Bildern von Galaxien sollten die Datenexperten einen Algorithmus entwerfen, der Hinweise auf dunkle Materie aufspürt und so hilft, das Universum zu vermessen. In weniger als einer Woche stieß Martin O’Leary, Student der Gletscherkunde in Cambridge, auf eine Lösung, die mit den Ergebnissen der besten NASA-Wissenschaftler mithalten konnte. Die Spezialisten der Behörde bezeichnen ihn als wegweisend in der Kosmologie, das Weiße Haus würdigte das Ergebnis mit einem Blogeintrag.

Seitdem ist in den USA ein kleiner Hype um Kaggle entstanden. Der Gründer und Chef der Plattform, Anthony Goldbloom, konnte wenige Monate nach Ablauf des Wettbewerbs 11 Millionen Dollar von Investoren einsammeln. Mittlerweile zählen 20 der weltweit größten Unternehmen zu den Kunden von Kaggle, darunter Facebook und Microsoft. „Im letzten Jahr hat sich die Kaggle-Gemeinde auf 150.000 Teilnehmer mehr als verdoppelt“, sagt Anthony Goldbloom. Unter den Besten in den Wettbewerben sind meist auch zwei oder drei Deutsche.

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