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24.01.2005

10:05 Uhr

IT + Telekommunikation

„Blogs“: Online-Tagebücher sind beliebte Augenzeugen in der Krise

„Habe fünf Freunde gefunden, zwei tot. Von den fünf sind vier zurück in Colombo. Der letzte kommt nicht weiter wegen einer kaputten Brücke. Hat ein gebrochenes Bein. Aber er lebt.“ Sri Lanka, 28. Dezember 2004.

dpa BERLIN. „Habe fünf Freunde gefunden, zwei tot. Von den fünf sind vier zurück in Colombo. Der letzte kommt nicht weiter wegen einer kaputten Brücke. Hat ein gebrochenes Bein. Aber er lebt.“ Sri Lanka, 28. Dezember 2004.

Unter dem Pseudonym „Morquendi“ schildert ein Betroffener seine Erlebnisse in Südasien im Online-Tagebuch „Chienssansfrontiers“. Seine Eindrücke hat er per SMS an einen Freund geschickt, der sie im Internet veröffentlicht.

Seine Augenzeugen-Erzählungen schafften es in viele deutsche Medien. Auf der Suche nach möglichst authentischen Informationen von Katastrophen werden so genannte Weblogs - kurz „Blogs“ - für Journalisten und andere Interessierte zur alternativen Quelle. „In Krisen zählt jede authentische Neuigkeit. Sie stillt das Bedürfnis der Leser und Zuschauer nach subjektiven Eindrücken, die in den traditionellen Medien oft zu kurz kommen“, erklärt der Journalistikprofessor Christoph Neuberger, Experte der Universität Münster für Onlinemedien, das besondere Interesse an Weblogs in Krisen.

„Weblog“ setzt sich aus „Web“ und „Logbuch“ zusammen. Erstmals erfuhren diese Internet-Tagebücher große internationale Beachtung nach den Anschlägen am 11. September 2001 in den USA. „Von Laien und professionellen Journalisten erschienen Augenzeugenberichte im Stile von Leitartikeln: subjektiv bis kommentierend, teils mit schonungsloser Präzision in den Schilderungen“, erinnert sich Neuberger. Im Irakkrieg erreichten Weblogs angesichts der oft gefilterten offiziellen Informationskanäle Kultstatus. „Hier hat sich in der Bevölkerung ein großes Vertrauen entwickelt.“

Die Mehrheit der Weblogs sind jedoch Tagebücher, in denen Leute ihre Familiengeschichten erzählen und lustige Erlebnisse für Freunde dokumentieren. Lieblingsthemen sind Liebe, Sex und Promis. „Dabei handelt es sich oft um Bühnen zur öffentlichen Selbstentblößung“, sagt Neuberger. Hinzu kommen Themen-Blogs, die eine Art Informationssammlung darstellen. Auf „blogg.de“ sind zahlreiche „Webseiten für Jedermann“ in Kategorien von A wie Afrika bis Z wie Zuhause gesammelt.

Ein stark beachteter deutscher Blog ist der „Bildblog“. Vier Medienjournalisten recherchieren täglich Meldungen der „Bild“- Zeitung nach und sammeln die „zahlreichen Unsauberkeiten und Falschmeldungen“, wie der Verantwortliche Christoph Schultheis erklärt. Jeden Monat besuchen bis zu 300 000 Leser die Seite der selbst ernannten Aufpasser von „Bild“. Von „Bild“ heißt es dazu nur: „Es gibt viele Plattformen im Internet, die sich mit uns beschäftigen und auch an uns reiben.“

Jörg Sadrozinski, Redaktionsleiter von tagesschau.de, bezeichnet Weblogs auf onlinejournalismus.de als nettes Experiment von und für ein paar Intellektuelle. „Für ein journalistisches Format ist es nicht wirklich ausgereift, weil viel zu unübersichtlich und thematisch unsortiert.“ Von einer neuen Form von Journalismus sei nicht zu sprechen. „Blogs sind eher Ergänzung zu den traditionellen Medien.“ Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ oder das ZDF zum Beispiel haben ihr eigenes Angebot mit den bewegenden Augenzeugenberichten aus dem Internet ergänzt. Blogs mit journalistischem Anspruch werden wohl auch weiterhin ihre Hochphasen in Krisen haben.

Nach der Katastrophe in Asien konnte man in Blogs täglich das Entsetzen nachlesen. Dazu hat auch „Morquendi“ mit seinen kleinen Reportagen aus Sri Lanka beigetragen: „Hier sind mehr als 500 Leichen, keine identifiziert, in der Leichenhalle des Karapitiya- Krankenhauses in Galle. Ich bin über einige gestiegen, als ich nach meinem Freund Timmy suchte. Sie waren alle aufbläht vom Wasser, sahen aus, als würden sie jeden Augenblick explodieren.“

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