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29.01.2015

13:16 Uhr

Branchennetzwerke

Im virtuellen Biotop zusammenarbeiten

VonManuel Heckel

In vielen Branchen lohnt es sich, IT gemeinsam zu nutzen. So haben sich etwa 1500 Autobauer und Zulieferer aus 40 Ländern im Branchennetzwerk ENX in der Cloud verbunden. Ein Vorbild auch für andere Branchen.

Continental-Werk in Hannover: Die Autobranche setzt auch digital auf die Vernetzung von Herstellern und Zulieferern. dpa

Continental-Werk in Hannover: Die Autobranche setzt auch digital auf die Vernetzung von Herstellern und Zulieferern.

KölnDie Autobranche hat sich ihr eigenes virtuelles Biotop geschaffen. Der Name: ENX. Selbst erbitterte Konkurrenten ziehen hier an einem Strang. Im Branchennetzwerk ENX, das mittlerweile in die Cloud ausgelagert ist, haben sich 1.500 Unternehmen aus 40 Ländern kommunikativ miteinander verbunden. In der geschützten Umgebung arbeiten Autobauer und Zulieferer gemeinsam an Entwicklungen: Sie schicken Verträge, CAD-Dateien und gar Produktionssteuerungscodes durch das Netz.

Berechtigungen werden per Mausklick erteilt - und auch wieder entzogen. „Sobald es mehr als einen Partner gibt, ist der Austausch anders kaum noch wirtschaftlich darstellbar“, sagt Lennart Oly, Geschäftsführer der Trägervereinigung ENX Association.

FAQ: Was ist Cloud Computing?

Virtualisierung

Die Virtualisierung von Servern ist bereits seit vielen Jahren ein anhaltender Trend, auf den heute kaum ein Unternehmen bei der Nutzung seiner IT verzichten möchte. Virtualisierung erlaubt eine deutlich flexiblere Nutzung der Hardware: Ein Server wird dabei aufgeteilt in beliebig viele virtuelle Server. Unter dem Betriebssystem Linux wird dabei vor allem auf die bekannten Virtualisierungs-Lösungen Xen und KVM zurückgegriffen. Virtualisierung ist eine wichtige technologische Voraussetzung für das Cloud Computing – doch nicht dasselbe. Beim Cloud Computing geht es um den gesamten Prozess des flexiblen Bereitstellens von Rechenressourcen, Daten und Anwendungen über eine standardisierte Schnittstelle.


Cloud Computing

Eine einheitliche Definition des Begriffs gibt es nicht. Cloud Computing beschreibt kein komplett neues Prinzip, sondern den technologischen Trend, IT-Ressourcen nur dann auf Bedarf über ein Netzwerk bereitzustellen und abzurechnen, wenn sie wirklich gebraucht werden. Die eigentliche Arbeit läuft auf den Servern, Endgeräte können auch Smartphones oder Netbooks sein, die selbst nur über vergleichsweise geringe Prozessor- und Speicherausstattung verfügen.

Um die IT-Ressourcen dynamisch - also je nach Bedarf - anzubieten, werden sie per Software abstrahiert. Statt eines echten Servers mietet man beispielsweise eine sogenannte virtuelle Maschine, deren Speicher- und Prozessorausstattung sich dynamisch den Anforderungen entsprechend vergrößert oder verkleinert. Rechenkraft aus der Cloud ist damit deutlich skalierbarer, als eine herkömmliche IT-Infrastruktur: Bei Spitzenlasten stehen Ressourcen sofort zur Verfügung, werden die Ressourcen nicht benötigt, müssen sie auch nicht bezahlt werden.

Aus dieser Abstraktion leitet sich wohl auch der Begriff ab: So wurden in Powerpoint-Präsentationen abstrahierte Netzwerke aus Computern häufig schwammig als Wolke dargestellt, um sich die Details des Netzwerks zu sparen - ebenso, wie ein Cloud-Kunde sich nicht mehr um die Details seiner IT-Infrastruktur kümmern muss.

Bei der Cloud gibt es alles "as a Service", also auf Abruf - Rechenkraft und Speicher (Infrastructure as a Service), Plattformen samt Programmierumgebung (Platform as a Service) und Software (Software as a Service). Die genannten Ansätze bestehen auch parallel zum Cloud Computing - die Cloud vereint sie alle.

Infrastructure as a Service (IaaS)

Infrastructure as a Service ist die "nackteste" Form des Cloud Computings: Gemietet werden nur reine Rechenkraft und Datenspeicher nach Bedarf. Dazu werden die Server beim Cloud-Anbieter virtualisiert: Statt physikalisch vorhandener Einzelserver mietet der Kunde eine oder viele virtualisierte Umgebungen, die je nach Bedarf mehr oder weniger Speicher und Prozessorleistung zugeteilt bekommen.

Platform as a Service (PaaS)

Bei der Platform as a Service (PaaS) mietet der Kunde mehr als nur die nackte Rechenkraft mit Betriebssystem - es ist bereits eine Laufzeitumgebung wie Microsofts Azure-Plattform oder Googles Programmierschnittstelle vorhanden.

Software as a Service (SaaS)

Software as a Service (SaaS) bezeichnet die Bereitstellung von Software, die auf Servern ausgeführt wird. Je nach verwendeter Technologie kommen dabei verschiedene Konzepte zum Einsatz. Für Adobes Programmiersprache AIR muss beispielsweise ein spezielles Programm auf den Endgeräten ausgeführt werden, das für Windows, Linux und Mac OS X verfügbar ist.

Meist aber werden Anwendungen über das Web angeboten - können also auf jedem Gerät ausgeführt werden, auf dem ein Browser installiert ist. Dazu gehören beispielsweise Googles Webapps, die mit der Google App Engine erstellt wurden.

Private Cloud und Public Cloud

Neben der reinen Form der Cloud - der Bereitstellung von IT-Ressourcen über das Internet - gibt es auch die private Cloud. Dabei wird die Cloud-Technologie dazu genutzt, eine Cloud im eigenen Unternehmen aufzubauen. Das kann Vorteile für die Datensicherheit und Compliance bieten - auch wenn inzwischen fast alle Public-Cloud-Anbieter ihre Dienste nach EU-konformer Regulierung anbieten. Oft wird eine private Cloud mit dem zusätzlichen Mieten einer Public-Cloud-Dienstleistung kombiniert - die dann beispielsweise bei Belastungsspitzen oder dem Ausfall von Teilen der eigenen IT-Infrastruktur einspringt. Man spricht dann von einer Hybrid Cloud.

Eine eigene Cloud-Lösung, abgestimmt auf die speziellen Bedürfnisse einer Branche: In sogenannten Community-Clouds wollen Unternehmen und IT-Dienstleister möglichst viele Vorteile des Cloud-Computings bündeln, ohne auf allgemeine Angebote zurückzugreifen. Technisch ist der Begriff nicht genau definiert - die bisher existierenden Modelle sind meist hybride Architekturen, also eine Mischform von Public und Private Cloud.

Noch handelt es sich um ein Nischenphänomen - doch die Attraktivität wächst. Laut Cloud-Monitor, den der Branchenverband Bitkom und die Wirtschaftsprüfer von KPMG herausgeben, nutzen erst zwei Prozent der befragten Unternehmen eine Community-Cloud. Doch schon zwölf Prozent ziehen es in Erwägung - eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahreswert.

Ihre Stärke spielt die Community-Cloud aus, wo Marktteilnehmer mit identischen regulatorischen Anforderungen zu tun haben. So hat die deutsche Versicherungswirtschaft die „Trusted German Insurance Cloud“ ins Leben gerufen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat sie im Frühjahr zertifiziert. Zwar war die Versicherungsbranche schon länger vernetzt - aber bisher eben nicht über die Cloud. Ein typischer Fall: „Es ist enorm hilfreich, wenn der Schritt in die Community-Cloud nicht der erste gemeinsame Schritt ist“, sagt ENX-Geschäftsführer Oly. Die Automobilindustrie etwa setzt seit den 70er-Jahren auf einen elektronischen Datenaustausch. „Da ist es eine gute Möglichkeit, die Zusammenarbeit auf die nächste Stufe der Effizienz zu heben.“

Größte Herausforderung ist das richtige Maß an Vertrauen, um zu einer gemeinsamen technischen Lösung zu kommen. „Wenn man ein Schloss bauen will, das alle Wünsche erfüllt, kann es schnell zu teuer werden“, warnt Khaled Chaar, Geschäftsführer bei Pironet NDH Datacenter. Knifflig ist die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Branchenanforderungen und speziellen Unternehmenswünschen. Sie kann die Verhandlungen über eine Community-Cloud verzögern.

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