Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.08.2012

09:28 Uhr

„Dick, dumm und stumpf“

Wie digitale Medien uns überfordern

VonMiriam Schröder

Autor und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer fällt ein hartes Urteil: Computerspiele machen dick, dumm und stumpfen ab, schreibt er in seinem neuen Buch. Und bessere Schüler sind "Digital Natives" auch nicht.

Test einer Spielekonsole auf der Gamescom in Köln. dpa

Test einer Spielekonsole auf der Gamescom in Köln.

DüsseldorfFür die Macher der Spielemesse Gamescom ist es ein Rekord: 600 Aussteller aus 40 Ländern präsentieren in diesen Tagen in Köln mehr als 300 neue Spiele für Computer, Mobiltelefon und Co. Erwartet werden mindestens eine Viertelmillion Besucher. Für den Neurowissenschaftler Manfred Spitzer sind diese Zahlen beunruhigend. "Computerspiele machen dick, dumm, gewalttätig und stumpfen ab", sagt er.

Sein Unbehagen teilen viele, nicht nur Eltern, die sich fragen, wie viel Zeit ihre Kinder am Computer verbringen dürfen und ob ein Ballerspiel aus dem Nachwuchs automatisch einen Amokläufer macht. Auch immer mehr Erwachsene fühlen sich von der Flut der digitalen Medienangebote überfordert. So ist es kein Wunder, dass es Spitzers neues Buch "Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen" nur eine Woche nach Erscheinen auf Platz drei der "Spiegel"-Bestsellerliste geschafft hat.

Der Autor, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, greift darin nicht nur die Spieleindustrie scharf an. Unter Berufung auf diverse wissenschaftliche Studien warnt er vor dem negativen Einfluss aller digitalen Medien auf das kindliche Gehirn. Kinder, so Spitzer, lernen durch Begreifen, indem sie Wörter mit der Hand schreiben oder einen Turm aus Klötzen bauen. Wer sein Kind vor einen Computer setze, der ihm lediglich einen Mausklick abverlange, könne es auch in den Keller sperren: "Die von Kindern unter drei Jahren vor Bildschirmmedien verbrachte Zeit ist verlorene Zeit." Weil die entscheidenden Entwicklungen im Gehirn in den ersten Lebensjahren stattfänden, hätten die Kinder später keine Chance mehr, das Versäumte nachzuholen. Ähnlich hat Spitzer schon in einem früheren Buch, "Vorsicht Bildschirm!", vor dem Einfluss des Fernsehens gewarnt.

Manche Erkenntnisse sind daher nicht überraschend. So bedarf es sicher keiner wissenschaftlichen Studien, um zu belegen, dass ein Kind, das mehr Zeit mit Computerspielen verbringt und weniger mit den Hausaufgaben, in der Schule negativ auffällt. Auch dass es gesünder ist, draußen zu spielen, als stundenlang vor einem Bildschirm zu kauern, hatte man irgendwie geahnt. Und die Frage, warum der eine Nutzer von Killerspielen Amok läuft, die meisten anderen aber nicht, wird nicht beantwortet.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

easyway

19.08.2012, 10:04 Uhr

Wenn man das alles geahnt hatte, warum werden wir aus allen Rohren bombardiert mit Werbung für den digitalen Schrott?
Die Elite glaubt, ein geeignetes Propaganda-Medium gefunden zu haben. So schaut's aus. Nur daß sie selber am staärksten verblödet.

Es gibt mittlerweile eine ganze Handvoll Studien, die aufzeigen, daß das Internet eine Massenverdummungsmaschine ist, da stehen die Macher von Online-Blättern eben nicht außen vor.

Von der Oder bis zur Neisse
liest man jeden Tag nur ... Schönes

Otto zu Bild

Und Bild ist überall.

Stinksauer

19.08.2012, 10:30 Uhr

Computer machen die Klugen klüger und die Dummen dümmer! Da bahnt sich eine gesellschaftliche Spaltung an, die meiner Meinung mehr soziale Sprengkraft birgt als die Spaltung zwischen Arm und Reich.

leo

19.08.2012, 11:18 Uhr

Schon damals, als die Pferdekutsche durch Automobile abgelöst wurde, wurde ja befürchtet, dass die Geschwindigkeit den menschlichen Organismus schädigt und der Lärm die Sinne abstumpft. Das haben wir jetzt davon:-D
Ob das Lesen von Blödsinn auf Papier allerdings weniger dumm macht als das Lesen bvom Bildschirm, weiß ich wirklich nicht. Kommt immer auf die Studie und den Geshcmack des "Wissenschaftlers" an :-))
@Vorgänger: Sie haben das böse Medium gerade selber benutzt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×