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05.10.2011

10:04 Uhr

Digitales Profil

Dein Leben gehört Facebook

Mit seiner neuen "Timeline" will Facebook unser Leben von der Geburt bis zum Tod dokumentieren. Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel kritisiert die Kontrollsucht des sozialen Netzwerks.

Facebook: Unser Leben auf einer Seite. dapd

Facebook: Unser Leben auf einer Seite.

Wer früher Auskunft über sein Schicksal suchte, ging zur Wahrsagerin. Die las in der Hand und schloss aus Länge, Farbe und Verzweigungen der Lebenslinie auf angenehme wie schlimme Überraschungen. Künftig reicht ein Mausklick im sozialen Netzwerk Facebook, und wir sehen unser aller Lebenslinie. „Timeline“ nennt Facebook die neue Ordnung der Dinge, die unser Leben von der Geburt bis zum Tod dokumentieren soll. Wenn sie so verläuft, wie Facebook es will, dokumentiert sie künftig schlicht alles, was wir tun. Dazu müssen die Nutzer gar nicht mehr durchgängig selbst aktiv werden. Unsere Aufenthaltsorte und Tätigkeiten werden auch halbautomatisch mit Hilfe von Apps gespeichert, die aufzeichnen, welche Musik wir hören, welche Filme wir schauen, was wir gerade lesen, um unsere Facebook-Freunde daran teilhaben zu lassen.

Die neue „Timeline“ setzt um, was der Informatiker und Künstler David Gelernter als unsere digitale Zukunft entwirft: den „Lifestream“, indem alle je verfügbaren Informationen gesammelt und zu einem stetigen Strom aus Daten, Bildern, Videos zusammengefasst werden. Nach Mark Zuckerberg, Gründer und CEO von Facebook, versetzt er uns in die Lage, unser ganzes Leben auf einer Seite zu erzählen. Die Frage ist nur: Wollen wir das? Es gibt drei Gründe, warum man diese Frage mit Nein beantworten kann.

Zunächst gilt für das menschliche Leben der alte Satz über das Ganze, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Ich bin mehr als das digitale Abbild meiner Erlebnisse, und seien die noch so genau dokumentiert. Facebook weiß nicht, was ich denke und fühle, tut aber so. Mit der Zeit werden wir lernen, unsere digitalen Abbilder als uns selbst zu begreifen. Die unbekannte Seite eines Menschen? Die gibt es dann nicht mehr, weil sie nicht im „Lifestream“ aufscheint. Ich bin mein digitales Profil. Nie mehr. Aber auch nie weniger: Die Phasen unseres Lebens, die wir nicht gerne dokumentiert hätten, werden ganz sicher auch bei dem Netzwerk verzeichnet sein.

Selbst wenn wir selbst sorgsam darauf geachtet haben, keine Informationen über unsere Ausschweifungen bei Facebook zu posten, andere werden schon dafür Sorge tragen, dass es geschieht. Soziale Netzwerke sind mehrdimensional: Wenn A mit B und B mit C verbunden ist, dann ist auch A mit C verbunden. Informationen, die ich für meinen Facebook-Freundeskreis zur Verfügung stelle, bleiben also mitnichten sicher in diesem Kreis. Sie ziehen weiter durchs Netzwerk. Das wird sich allumfassend und unbeschränkt an mich erinnern, ob ich will oder nicht.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

05.10.2011, 11:23 Uhr

Niemand ist gezwungen FB zu benutzen oder gar echte Namen, Daten und Ereignissen dort einzutragen, wenn man FB schon benutzen will. Die Masse der sogenannten Freunde könnte man sicher nicht einmal 5 min ertragen, würde man ihnen im wirklichen Leben begegnen. Also alles nur Schaumschlägerei ohne reellen Nutzwert für unser praktisches Leben.

Und doch ist FB eventuell eine Beichtecke für junge Leute, die sich zunächst von der Gesellschaft nicht verstanden sehen, weil sie die Gesellschaft noch nicht verstehen. Statt wie einst, in der Stille nachzudenken oder zu meditieren, stärkt man sich in einer Masse anonymer scheinbar Gleichgesinnter.

Chrissi

05.10.2011, 12:16 Uhr

Krank, einfach nur krank ...!

zarakthuul

05.10.2011, 13:09 Uhr

Ist Mark Zuckerberg die Wiedergeburt von Erich Mielke?

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