Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.01.2011

14:16 Uhr

Digitales Vergessen

„Ein digitaler Radiergummi ist nur ein Teil der Lösung“

VonKai Biermann
Quelle:Zeit Online

Ilse Aigner, Ministerin für Verbraucherschutz, propagiert derzeit einen "digitalen Radiergummi". Technik kann helfen, das Netz Vergessen zu lehren, sagt Viktor Mayer-Schönberger. Er ist Erfinder der Idee des digitalen Vergessens. Vor allem sei aber eine Debatte nötig.

Viktor Mayer-Schönberger fordert eine Debatte über das digitale Vergessen. Pressebild

Viktor Mayer-Schönberger fordert eine Debatte über das digitale Vergessen.

HAMBURG. Ilse Aigner, Ministerin für Verbraucherschutz, propagiert derzeit einen "digitalen Radiergummi". Mit ihm soll jeder Bürger Einfluss darauf nehmen können, wie lange Informationen von ihm im Netz zugänglich sind. Die Forderung nach einem solchen digitalen Vergessen stammt vom Wissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger. Im Interview erklärt er, für wie gelungen er die von Aigner vorgestellte technische Umsetzung hält.

Herr Mayer-Schönberger, Sie haben in Ihrem Buch Delete propagiert, Daten sollten ein Verfallsdatum haben, das Internet sollte das Vergessen lernen. Die deutsche Ministerin Ilse Aigner hat nun einen "digitalen Radiergummi" vorgestellt. Funktioniert er so, wie Sie sich das Vergessen wünschten?

Ich wünsche mir ein Vergessen, das den Menschen zum Mittelpunkt hat. Ich bin davon überzeugt, dass es an uns liegt, wieder zu vergessen. Damit uns das leichter fällt, helfen uns auch technische Mittel. Insofern freue ich mich über den Vorschlag von Frau Aigner und hoffe, dass sich aus den Systemen von Michael Backes und anderen diese technischen Werkzeuge entwickeln lassen.

Aber die Technik allein wird das Problem nicht lösen - das hat auch Frau Aigner gesagt. Es ist ein wenig wie bei der Brandbekämpfung: Der Wasserschlauch und auch der Hydrant helfen als technische Werkzeuge; aber es bedarf der Institution Feuerwehr, des menschlichen Wissens, wie gelöscht werden muss.

Bei dem von Michael Backes entwickelten System werden die Daten verschlüsselt. Wer eine so gekennzeichnete Datei anschauen will, muss von einem Keyserver einen Schlüsselcode herunterladen. Ist das sinnvoll?

Das ist ohne Detailkenntnisse schwer zu beurteilen. Sehr allgemein gesprochen sind zentrale Keyserver immer ein potenzieller single point of failure; ihr Vorteil ist freilich - wenn sie funktionieren - ein gewisses Maß an Sicherheit.

Der Begriff single point of failure meint doch auch die Gefahr, dass ein Schlüsselserver als potenziell interessantes Objekt Ziel von Angriffen wird, oder?

Ja, diese Gefahr besteht und müsste zum Beispiel durch ein Netz an Keyservern vermindert werden. Wobei sich hier wieder schwierige Folge-Fragen ergeben. Das hat sich auch beim Vanish-System der Forscher an der Universität Washington gezeigt, die vor circa zwei Jahren eine Möglichkeit eines Verfallsdatums geschaffen haben. Kollegen an der Universität Princeton um Ed Felten haben den fundamentalen Baufehler des Vanish-Systems dokumentiert.

Ich hoffe für Michael Backes und seine Kollegen, dass es ihnen besser ergeht. Gleichzeitig haben Felten und seine Mitarbeiter aber auch einen Weg aufgezeigt, wie ein Verfallsdatum ohne Keyserver funktionieren könnte. Ich denke, hier gibt es noch genug Raum für interessante technische Innovationen. Dass Deutschland hier dabei ist, dazu gratuliere ich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×