Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.08.2012

10:40 Uhr

Emotionsforschung

Warum im Netz so erbittert gestritten wird

VonSteffen Daniel Meyer

Im Netz wird teilweise grob gestänkert und gezankt. Ein von der EU gefördertes Forschungsprojekt stellt die Frage: Warum eigentlich? Ein Resultat der Forscher: Mit der Anonymität hat das nicht viel zu tun.

Ein grinsender Smiley: Wissenschaftler erforschen die Gefühlswelt des Netzes. dapd

Ein grinsender Smiley: Wissenschaftler erforschen die Gefühlswelt des Netzes.

Wer in Foren, Blogs oder soziale Netzwerke schaut, der könnte denken, dass im Netz nur gestänkert, beleidigt und geflucht wird: Kommentarspalten füllen sich mit gegenseitigen Anfeindungen, die Emotionen quellen über, Wörter wie „Penner“, „Idiot“ und „Volltrottel“ zählen noch zu den harmlosen Beschimpfungen. Das hat vor kurzem Markus Beckedahl, Betreiber des populären Blogs netzpolitik.org, dazu gebracht, sich in seinem Text „Einfach mal die Kommentare schließen?“ über die Diskussionskultur zu echauffieren – und stieß damit eine Debatte an.

Doch diese Debatte beschäftigt nicht nur die Netzbürger – sondern auch die Wissenschaft. Schon seit über drei Jahren widmet sich ein europäisches Forschungs-Konsortium dem Wesen von Netz-Communitys. Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen aus fünf EU-Ländern (Polen, England, Österreich, Slowenien, Deutschland) und der Schweiz analysieren die Diskussionskultur in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken. Emotionspsychologen, Informatiker, theoretische Physiker sowie Experten für Künstliche Intelligenz, Virtuelle Realität und Komplexe Systeme untersuchen unter dem Projektnamen „CyberEmotions“, warum teils so emotional gestritten wird – und was man dagegen tun kann.

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen realer und virtueller Diskussion ist: Im Netz treffen Menschen aufeinander, die sich nicht kennen. Diese Aussage mag banal klingen, doch aus ihr leiten sich Erkenntnisse ab, warum der Ton in Foren, Blogs und Kommentarbereichen oft so rau ist. Mit Anonymität hat das laut Psychologie-Professor Arvid Kappas von der Jacobs University in Bremen nämlich nicht viel zu tun.

Der an dem Projekt beteiligte Forscher hat dazu ein Experiment mit zwei Kleingruppen durchgeführt: Jede Gruppe besteht aus zwei Personen, die über das Internet zu einem Thema diskutieren sollten. Die eine Gruppe sollte sich vorher kennenlernen, fragen, wo die andere Person herkommt, was sie macht. Die andere Gruppe startete sofort in die Diskussion. Das Ergebnis: Die Personen, die sich vorher nicht über persönliche Dinge unterhalten haben, gingen rauer miteinander um als die, die sich vorher gegenseitig kennengelernt hatten.

Das spiegelt sich nach Untersuchungsdaten der Forscher auch in Internet-Communitys wieder: Die österreichische Nachrichtensite „derstandard.at“ zum Beispiel hat eine sehr rege Community; einige User diskutieren dort schon seit Jahren in den Kommentaren miteinander. Viele benutzen zwar Pseudonyme, doch sie kennen sich untereinander – und entsprechend reagieren sie weniger harsch aufeinander. „Wenn die User der Community wissen ‚Ach, das ist wieder der eine, der holt immer Marx aus der Kiste‘, dann verhalten sie sich ihm gegenüber mehr wie einem Bekannten“, sagt Kappas. „Ob der Benutzername nun ‚Steffen Meyer‘ oder ‚Anonymous‘ ist, ist fast egal.“

Aber eben nur fast.

Kommentare (16)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

traumtaenzer56

27.08.2012, 10:45 Uhr

3,6 Mio. verschwendet. Danke EU.

andante

27.08.2012, 11:00 Uhr

Der Forschung können wir auf die Sprünge helfen. Da sind KandidatenInnen wie MarGIT117888, einfach einmalig in ihrer Schreibe, deren Fehler sie mit Auslandsaufenthalten vor 22 Jahren begründet; da ist die Nummer Edelzwicki, die grobschlächtig im verbalen Schatz wie auf dem Fussballfeld umherschlägt wie etwa mit Worten a la „grenzdebil“ und sich damit eher selbst in die dunkelsten Areale zwickt ,- und Weiteres. Milde Ausschläge dagegen sind Verweise auf „Anstaltsbewohner“ oder „Ausgangszeiten für Internetfun“. So wie die Ösis bei www.derstandard.de geht das in D nicht, dazu sind die mentalen Vorstellungswelten zu frisiert, zu kanalisiert, zu steif.
Das Forschungsprojekt als solches ist zweifelsohne interessant. Vermutet werden kann, dass derartige Subjekte, welche grobschlächtig und ohne Nivea-U ;-)) verbal schimpfen, kein soziales Netz haben sondern am Ende des Schlachtfeldes bei H4 hängen. Möglicherweise hängen sie auch in fixierten Kontexten wie einer Geschlossenen, wo sie so ihre Reaktionen ablassen? Für die sie dort andere Peitschenhiebe erhielten?

Falk

27.08.2012, 11:39 Uhr

Immerhin hat es margritt 117888 erreicht in der Masse der Kommentatoren auf welche Art auch immer, aufzufallen. (...) Überteibungen und aus der Rolle fallen, erregen Aufmerksamkeit und die möchte margritt... zweifelsfrei erwecken. Warum auch nicht.
Diejenigen, die gerne schimpfen und emotional werden, sollen es tun, diejenigen, die sachlich bleiben und es vorziehen seriös und einigermaßen stringent zu argumentieren, ebenso. Netiquette hin oder her, den "Garten des Menschlichen" einhegen zu wollen, weil man erzieherisch tätig sein will, hat immer etwas oberlehrerhaft Unangenehmes.
Vieles was einem gegen den Strich geht, kann man leicht ertragen, wenn der Sinn für Humor und "Situationskomik", den es auch in Texten gibt, nicht vollständig verloren gegangen ist.
"Tat twam asi", das bist du, eben weil du ein Mensch bist und kein Übermensch, hilft immer.+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: (http://www.handelsblatt.com/impressum/netiquette/)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×