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24.10.2011

15:12 Uhr

Geldnot

Wikileaks macht eine Zwangspause

Wikileaks hat die Veröffentlichung von geheimen Dokumenten ausgesetzt. Die Enthüllungsplattform werde sich darauf konzentrieren, ihre Geldprobleme in den Griff zu bekommen - und droht mit dem endgültigen Aus.

Wikileaks-Chef Julian Assange vor Journalisten in London. Die Logos der Finanzkonzerne, die Wikileaks-Spenden blockieren, sind aus Protest umgedreht. dpa

Wikileaks-Chef Julian Assange vor Journalisten in London. Die Logos der Finanzkonzerne, die Wikileaks-Spenden blockieren, sind aus Protest umgedreht.

London/DüsseldorfWikileaks verstummt vorerst. Wikileaks-Kopf Julian Assange verkündete am Montag vor Journalisten das vorläufige Ende seiner Enthüllungsplattform Wikileaks. Die Pressekonferenz wurde auch über einen Internet-Livestream übertragen. Demnach werde das Enthüllungsnetzwerk alle Aktivitäten auf das Sammeln von neuen Spenden konzentrieren. Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson erklärte, der Boykott der Zahlungsdienstleister Visa, Paypal und Mastercard sei für den Abbruch der Spenden verantwortlich, der die Plattform nun zum Stopp ihrer Aktivitäten zwinge. Sollte die Blockade nicht aufgehoben werden, drohten die Aktivisten mit dem Aus der Plattform zum 1. Januar 2012.

Aus finanziellen Gründen wird die Veröffentlichung von geheimen Dokumenten ab sofort ausgesetzt, wie die Enthüllungsplattform am Montag in London mitteilte. Wikileaks werde sich darauf konzentrieren, dringend benötigtes Geld aufzutreiben. Um ihr Überleben sicherzustellen, müsse die Plattform nun „aggressives Fundraising“ betreiben, hieß es in der Erklärung. Die Blockade von Unternehmen wie Visa, Mastercard und Western Union lasse Wikileaks keine andere Wahl. 95 Prozent der Spendensumme an Wikileaks würde so blockiert. Im Jahr 2010 hätten Sympathisanten im Schnitt um die 100 000 Euro
pro Monat gespendet, inzwischen seien es nur noch um die 6000 bis 7000 Euro, sagte Assange. Der Boykott durch die Finanzdienstleister sei unrechtmäßig und politisch motiviert.

Dass mehrere Kreditkartenfirmen verhinderten, Spenden an Wikileaks weiterzuleiten, hat die Enthüllungsplattform nach eigenen Angaben an die Wand gedrängt. Umfragen zeigten eine weltweit große Unterstützung für die Plattform, doch die Macht der drei Finanzkonzerne würden die Arbeit der Plattform verhindern. Wikileaks wolle gegen die Unternehmen vor Gericht in Großbritannien, den USA, Island und Australien vorgehen.

Ein Vertreter der CCC-nahen Wau-Holland-Stiftung, die derzeit die Spenden für Wikileaks verwaltet, klagte, die Organisation drohe durch die Zusammenarbeit mit der Enthüllungsplattform ihren Status als gemeinnütziger Verein in Deutschland zu verlieren.

Faktisch läuft die Arbeit von Wikileaks allerdings schon seit langem auf Sparflamme. Die Aktivisten veröffentlichten in den vergangenen Monaten ausschließlich geheime Depeschen von US-Diplomaten aus dem Fundus, der ihnen in die Hände gefallen war. Spätestens nachdem die gesamte unverschlüsselte Datei mit der Korrespondenz in Umlauf gekommen war, erübrigten sich weitere Publikationen dieser Art. Assange hängt seit Monaten unter Aufsicht in Großbritannien fest, während über seine Auslieferung nach Schweden entschieden wird. Dort wird ihm sexueller Missbrauch vorgeworfen.

Zuletzt hatte es Wirbel um die ungeschwärzte Veröffentlichung brisanter US-Botschaftsdepeschen gegeben. Wikileaks-Gründer Julian Assange machte hierfür die britische Zeitung „The Guardian“ allein verantwortlich. Diese habe ein Passwort für die ungeschwärzte Version der Depeschen veröffentlicht und damit das Vertrauen von Wikileaks missbraucht. Die US-Regierung, aber auch Menschenrechtsorganisationen hatten gewarnt, dass das Leben von Informanten der USA durch die Veröffentlichungen gefährdet sei.

Auch das Zerwürfnis zwischen Assange und dem einstigen Weggefährten Daniel Domscheit-Berg hatte die Arbeit der Enthüllungs-Website weitgehend paralysiert. Domscheit-Berg nahm bei seinem Ausstieg noch unveröffentlichtes Material mit, weil es bei Wikileaks und Assange nicht mehr sicher sei.

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