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23.04.2012

16:21 Uhr

Handelsblatt-Community

Warum Pseudonyme im Netz so wichtig sind

VonJohannes Steger

Handelsblatt Online-Chefredakteur Oliver Stock hat die Nutzer dazu aufgerufen, Artikel unter Angabe ihres Namens zu kommentieren. Die meisten melden sich jedoch weiterhin anonym zu Wort. Drei Thesen, warum Pseudonyme im Netz so wichtig sind.

Die meisten Nutzer auf handelsblatt.com melden sich weiterhin anonym zu Wort. dpa/picture alliance

Die meisten Nutzer auf handelsblatt.com melden sich weiterhin anonym zu Wort.

Betrachtet man die Kommentare unter vielen Artikeln auf Handelsblatt Online, dann fällt vor allem eines auf: Statt Maria, Peter oder Fritz tummeln sich hier Spacecowboy, Gastredner oder SagDieWahrheit. Kritik an einem Beitrag, Antworten auf andere Kommentatoren oder Einspruch gegen eine vertretene These werden gerne unter einem Pseudonym, dem sogenannten Nickname, veröffentlicht.

Vor zwei Wochen rief Handelsblatt Online-Chefredakteur Oliver Stock erstmalig dazu auf, sich in Zukunft mit Klarnamen an der Diskussion zu beteiligen. So wie jeder Redakteur für seinen Beitrag mit Namen eintrete, sei es nur fair, wenn sich auch die Kommentatoren zu erkennen gäben, schreibt Stock im Aufsetzer oberhalb der Kommentare in der Handelsblatt Online-Community: „Wir möchten wissen, mit wem wir diskutieren, und Sie möchten wahrscheinlich auch wissen, mit wem Sie sich auseinandersetzen. Wir glauben, dass es zu einem fairen Umgang miteinander im Netz gehört, sich offen gegenüberzutreten. Dafür steht die Handelsblatt-Online-Redaktion. Dafür stehe ich.“

Doch Klarnamen sind weiterhin unbeliebt. Drei Thesen, warum das so ist.

Mit dem Nickname gegen jede Norm

In der Anonymität des Netzes fühlt sich mancher bemüßigt, jede noch so abstruse Meinung kund zu tun. Das reicht von den wildesten Verschwörungstheorien über die erfundene Klimaerwärmung, die jüdische Finanzmafia oder die Macht der Atomlobby, über Pöbeleien zur Unfähigkeit des Autors, der Mitkommentatoren oder der Politiker bis hin zu rassistischen und sexistischen Auswüchsen. Fraglich, ob das alles unter Klarnamen veröffentlicht würde. Denn das Pseudonym bietet die Möglichkeit, sich mal richtig auszutoben. Gegen jede gesellschaftliche Norm.

Google mich
Ist ein Kommentar mit Klarnamen versehen, wird der Verfasser greifbar. Ob im Telefonbuch, auf der Seite des Arbeitgebers oder in sozialen Netzwerken, überall kann nach ihm recherchiert werden. Und das mögen nicht alle: In Fragen der Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft gehört die eigene Meinung für viele nicht in die Öffentlichkeit. Kollegen, Nachbarn oder gar Vorgesetze sollen persönliche Stellungnahmen nicht unter einem Netz-Artikel präsentiert bekommen. Mit der Wahl eines Nicknames bleibt die Anonymität gewahrt.

Nomen est omen

Was in der Literatur funktioniert, kann auch für die Online-Community gelten: „Sprechende“ Nicknames liefern häufig Zusatzinformationen oder unterstreichen die Aussage - wie beispielsweise die Pseudonyme FrüherCDUlerHeutePirat oder WirMirHierAllesZuBunt. Für viele ist deswegen die Möglichkeit, unter Pseudonym schreiben zu können, eine unabdingbare Vorraussetzung für die Beteiligung an einer Netz-Diskussion.

Auf Handelsblatt Online dürfen Nutzer deswegen auch weiterhin ohne Angabe des richtigen Namens kommentieren. Oliver Stocks Appell hat trotzdem Bestand. Im Namen der Fairness.

Kommentare (10)

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wallraff

23.04.2012, 16:49 Uhr

Erstens: Der Redakteur wird für seinen Artikel ja auch bezahlt
Zweitens: Ich könnte ja auch den Klarnamen meines verhaßten Nachbarn nehmen, toll was?????
Nehmt doch die Email-Adressen der Kommentarschreiber oder laßt diesen Quatschh der Kommentierung ganz bleiben. Gute Nacht.

Radiputz

23.04.2012, 16:50 Uhr

Man kann Herrn Stock und das HB nur beglückwünschen, dass auch weiterhin die Möglichkeit besteht anonym seine Kommentare zu schreiben. Es ist immer gut Alternativen zu haben und nicht alternativlos "im Regen" zu stehen. Auch verhält sich ja auch nicht so , dass alle Mitglieder der community, die anonym schreiben zu der Fraktion der Pöbler und geistig nur bescheiden Ausgestatteten gehören.
Ich habe eh den Eindruck, beleidigende Beiträge sind in der letzten Zeit eher selten geworden und haben nicht zugenommen. Am besten ist es immer noch, wenn sich mehr intelligente Zeitgenossen bereitfänden auch mal ihre Meinung zu schreiben, dann ist der Rest, der meistens eh nicht mehr als zwei Sätze "hinbekommt" sowieso in der Minderheit.
Diese Leute, wenn sie sich nicht mehr als Mehrheit wahrnehmen können, verschwinden dann mehr oder weniger von ganz alleine.

guteWahl

23.04.2012, 18:23 Uhr

Sehr gute Entscheidung!

Wie in der Rechtsprechung, so sollte auch in der politischen Diskussion über Meinungen "ohne ansehen der Person" geurteilt werden. Das Internet macht das zum Glück auch in der Praxis endlich möglich.

Die Verbindung von Meinungen mit Personen ist nur für jene sinnvoll, die mit der Meinungsäußerung ein Ziel verfolgen, d.h. "Politik machen".

Übrigens gab es auch im Printbereich immer wieder Autoren, die unter Pseudonym veröffentlicht haben, weil sie z.B. nicht wollten das mit ihrer Person verbundene Vorurteile auf die Aussage des Artikel übertragen werden oder weil sie sich z.B. vor Verfolgung schützen mussten.

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