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23.05.2011

10:38 Uhr

Human as a Service

Menschliche Arbeit aus der Cloud

VonStephan Dörner

Das Cloud-Prinzip erobert die IT-Welt. Nach Bedarf wird alles aus dem Netz eingekauft: Speicher, Rechenkraft, Anwendungen - und sogar menschliche Arbeit. Ein Modell für die Zukunft der Arbeit?

Amazons Mechanical Turk bietet Arbeitskraft aus der Wolke. Quelle: Screenshot

Amazons Mechanical Turk bietet Arbeitskraft aus der Wolke.

DüsseldorfDas Prinzip des Cloud Computings lässt sich auf ein einfaches englisches Schlagwort bringen: "Everything as a Service" - alles wird als Service bereitgestellt, das heißt nach Bedarf über das Netz und leistungsbezogen abgerechnet. Es gibt Software "as a Service" ebenso wie Rechenkraft, Speicher, Laufzeitumgebungen - und menschliche Arbeitskraft.

"Human as a Service" (HaaS) beschreibt das Prinzip, nach dem die Erledigung kleiner Aufgaben durch Menschen über das Internet organisiert werden. Dieses auch Crowdsourcing genannte Prinzip verfolgt beispielsweise txteagle, ein Projekt der Havard-Universität.txteagle will die Art, wie wir in Zukunft Arbeit organisieren, revolutionieren. Das Havard-Projekt verspricht das Arbeitskräftepotential von 2,1 Milliarden Menschen aus Schwellenländern verfügbar zu machen. Dazu stellen Unternehmen Aufgaben wie Übersetzungen, die sich in kleine Blöcke aufteilen lassen, in das Projekt ein - und Teilnehmer an dem Projekt lösen sie nebenbei auf dem Mobiltelefon. So kann jeder, der ein Handy besitzt, diese Arbeit nebenbei verrichten. Egal ob derjenige gerade auf den Bus wartet, als Massai-Stammesmitglied eine Herde hütet oder als Student zwischen zwei Kursen etwas Zeit hat. Die Firma ist inzwischen Kenias größter Arbeitgeber.

FAQ: Was ist Cloud Computing?

Virtualisierung

Die Virtualisierung von Servern ist bereits seit vielen Jahren ein anhaltender Trend, auf den heute kaum ein Unternehmen bei der Nutzung seiner IT verzichten möchte. Virtualisierung erlaubt eine deutlich flexiblere Nutzung der Hardware: Ein Server wird dabei aufgeteilt in beliebig viele virtuelle Server. Unter dem Betriebssystem Linux wird dabei vor allem auf die bekannten Virtualisierungs-Lösungen Xen und KVM zurückgegriffen. Virtualisierung ist eine wichtige technologische Voraussetzung für das Cloud Computing – doch nicht dasselbe. Beim Cloud Computing geht es um den gesamten Prozess des flexiblen Bereitstellens von Rechenressourcen, Daten und Anwendungen über eine standardisierte Schnittstelle.


Cloud Computing

Eine einheitliche Definition des Begriffs gibt es nicht. Cloud Computing beschreibt kein komplett neues Prinzip, sondern den technologischen Trend, IT-Ressourcen nur dann auf Bedarf über ein Netzwerk bereitzustellen und abzurechnen, wenn sie wirklich gebraucht werden. Die eigentliche Arbeit läuft auf den Servern, Endgeräte können auch Smartphones oder Netbooks sein, die selbst nur über vergleichsweise geringe Prozessor- und Speicherausstattung verfügen.

Um die IT-Ressourcen dynamisch - also je nach Bedarf - anzubieten, werden sie per Software abstrahiert. Statt eines echten Servers mietet man beispielsweise eine sogenannte virtuelle Maschine, deren Speicher- und Prozessorausstattung sich dynamisch den Anforderungen entsprechend vergrößert oder verkleinert. Rechenkraft aus der Cloud ist damit deutlich skalierbarer, als eine herkömmliche IT-Infrastruktur: Bei Spitzenlasten stehen Ressourcen sofort zur Verfügung, werden die Ressourcen nicht benötigt, müssen sie auch nicht bezahlt werden.

Aus dieser Abstraktion leitet sich wohl auch der Begriff ab: So wurden in Powerpoint-Präsentationen abstrahierte Netzwerke aus Computern häufig schwammig als Wolke dargestellt, um sich die Details des Netzwerks zu sparen - ebenso, wie ein Cloud-Kunde sich nicht mehr um die Details seiner IT-Infrastruktur kümmern muss.

Bei der Cloud gibt es alles "as a Service", also auf Abruf - Rechenkraft und Speicher (Infrastructure as a Service), Plattformen samt Programmierumgebung (Platform as a Service) und Software (Software as a Service). Die genannten Ansätze bestehen auch parallel zum Cloud Computing - die Cloud vereint sie alle.

Infrastructure as a Service (IaaS)

Infrastructure as a Service ist die "nackteste" Form des Cloud Computings: Gemietet werden nur reine Rechenkraft und Datenspeicher nach Bedarf. Dazu werden die Server beim Cloud-Anbieter virtualisiert: Statt physikalisch vorhandener Einzelserver mietet der Kunde eine oder viele virtualisierte Umgebungen, die je nach Bedarf mehr oder weniger Speicher und Prozessorleistung zugeteilt bekommen.

Platform as a Service (PaaS)

Bei der Platform as a Service (PaaS) mietet der Kunde mehr als nur die nackte Rechenkraft mit Betriebssystem - es ist bereits eine Laufzeitumgebung wie Microsofts Azure-Plattform oder Googles Programmierschnittstelle vorhanden.

Software as a Service (SaaS)

Software as a Service (SaaS) bezeichnet die Bereitstellung von Software, die auf Servern ausgeführt wird. Je nach verwendeter Technologie kommen dabei verschiedene Konzepte zum Einsatz. Für Adobes Programmiersprache AIR muss beispielsweise ein spezielles Programm auf den Endgeräten ausgeführt werden, das für Windows, Linux und Mac OS X verfügbar ist.

Meist aber werden Anwendungen über das Web angeboten - können also auf jedem Gerät ausgeführt werden, auf dem ein Browser installiert ist. Dazu gehören beispielsweise Googles Webapps, die mit der Google App Engine erstellt wurden.

Private Cloud und Public Cloud

Neben der reinen Form der Cloud - der Bereitstellung von IT-Ressourcen über das Internet - gibt es auch die private Cloud. Dabei wird die Cloud-Technologie dazu genutzt, eine Cloud im eigenen Unternehmen aufzubauen. Das kann Vorteile für die Datensicherheit und Compliance bieten - auch wenn inzwischen fast alle Public-Cloud-Anbieter ihre Dienste nach EU-konformer Regulierung anbieten. Oft wird eine private Cloud mit dem zusätzlichen Mieten einer Public-Cloud-Dienstleistung kombiniert - die dann beispielsweise bei Belastungsspitzen oder dem Ausfall von Teilen der eigenen IT-Infrastruktur einspringt. Man spricht dann von einer Hybrid Cloud.

Auch der Online-Händler und Cloud-Anbieter Amazon bietet einen solchen kommerziellen Crowdsourcing-Dienst unter dem Namen "Mechanical Turk" an - eine Anspielung auf den sogenannten Schachtürken, einem vorgeblichen Schachroboter aus dem 18. Jahrhundert. Das Gerät des Hofbeamten und Mechanikers Wolfgang von Kempelen sorgte am Hofe für großes Erstaunen, da es den Eindruck erweckte, hier spiele eine künstliche Intelligenz gegen einem Menschen Schach. In Wirklichkeit wurde der Schachtürke jedoch von einem kleinwüchsigen Menschen bedient.

Ähnliches soll Amazons mechanischer Türke ebenfalls bieten: Die Illusion, dass hinter der Fassade die Arbeit von Maschinen ausgeführt wird, denn der Prozess der Arbeitsvermittlung wird komplett automatisiert. Wie das in der Praxis aussieht, kann jeder sehen, der Amazons iPhone-App nutzt: Fotografiert der Nutzer mit dem iPhone einen Gegenstand, wird mit Hilfe von Amazons "Mechanical Turk" dieses oder ein ähnliches Produkt aus Amazons Angebot herausgesucht.

Zu dieser Arbeit ist noch keine künstliche Intelligenz in der Lage - doch der Anwender merkt davon nichts. Der Service wirkt wie durch von magischer Hand durch Computer verrichtet - so wie der Schachtürke des 18. Jahrhunderts. Amazon nennt seinen "Mechanical Turk" daher auch gleich konsequenterweise eine "künstliche künstliche Intelligenz".

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