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07.04.2013

16:05 Uhr

Internetsucht in China  

Gefangen in der Onlinewelt

Glücksspiele und Online-Shooter werden für viele Chinesen zur Sucht. Nachdem das Militär mit drastischen Methoden vergeblich versucht hatte, die Süchtigen zu kurieren, werden nun neue Wege beschritten.

China hat geschätzte 560 Millionen Internetnutzer. Mehr als 60 Prozent von ihnen spielen regelmäßig online. Reuters

China hat geschätzte 560 Millionen Internetnutzer. Mehr als 60 Prozent von ihnen spielen regelmäßig online.

PekingDas Surren der Computerlüfter erfüllt den dunklen Raum. Müde Gesichter werden vom kalten Licht der Monitore angestrahlt. 160 Computer stehen in dem Pekinger Internetcafé dicht gedrängt nebeneinander. Dann schreit ein junger Mann auf. Er haut mit seiner Hand auf die Tischkante. Im Onlinespiel ist er gerade abgeschossen worden.

Frustriert zündet er sich eine Zigarette an. Kaum einer nimmt Notiz. Fast alle starren weiter auf die Bildschirme. „Nach 24 Stunden werfen wir die Leute hier spätestens raus“, sagt die Besitzerin des Cafés, Ding Dan. Seit acht Jahren betreibt sie das Geschäft in der 20-Millionen-Metropole.

Welche Arten von Online-Spielen gibt es?

Die wichtigsten Begriffe im Überblick

Die Computerspiele-Branche setzt immer mehr aufs Internet. Doch abgesehen davon, dass die Spieler online sind, gibt es erhebliche Unterschiede – wir erklären die wichtigsten Begriffe.

Browser-Spiele

Der Name sagt es: Browser-Spiele lassen sich direkt im Browser aufrufen, zum Beispiel im Firefox oder im Internet Explorer. Für die Anzeige von Multimedia-Elementen ist oft eine Software-Erweiterung (Plug-In) notwendig, beispielsweise Flash. Der neue Standard HTML5 macht derartige Spiele auch ohne Plug-In möglich. Auf dieser Plattform werden unterschiedliche Zielgruppen bedient: Es gibt Gelegenheitsspiele (Casual Games), aber auch komplexere Titel, beispielsweise aufwendige Rollenspiele, bei denen sich viele Nutzer gleichzeitig in der virtuellen Welt tummeln.

Social Games

Als Social Games werden Spiele bezeichnet, die überwiegend über Soziale Netzwerke gespielt werden. Die Idee: Wer sowieso schon mit seinen Freunden vernetzt und häufig online ist, will ab und zu vielleicht auch mit diesen oder gegen diese spielen. Dabei werden Pflanzen gepflegt, Tiere gehegt, Mafia-Kriege ausgefochten oder Städte geplant – die Vielfalt kennt keine Grenzen. Die Hemmschwelle ist zudem niedrig, da fast alle Spiele direkt im Browser funktionieren und kostenlos sind. Geld verdienen Hersteller wie der klare Marktführer Zynga vor allem mit kostenpflichtigen Zusatzangeboten, den virtueller Gütern. Das kann ein neuer Traktor sein, ein Raumschiffantrieb, eine neue Frisur… Viele der Social Games richten sich an Gelegenheitsspieler, da sie wenig komplex sind.

MMOs

MMO (auch MMOG) steht für Massively Multiplayer Online Game. Die erfolgreichste MMO-Unterkategorie sind die MMORPGs – Multiplayer-Rollenspiele wie „World of Warcraft“. Bei typischen MMOs treffen sich sehr viele Spieler über das Internet in einer virtuellen Welt. Diese wird von den Nutzern ständig verändert, die oft enge Beziehungen untereinander unterhalten und sich typischerweise in Gruppen, oft „Clans“ oder „Gilden“ genannt, zusammenschließen.

Einige MMOs laufen im Browser, andere bedürfen der Installation eines Programms auf dem Computer – dafür steigt dann auch die Spielqualität. Weltmarktführer bei MMOs ist seit vielen Jahren „World of Warcraft“, das von der US-Firma Activision Blizzard vertrieben wird.

Casual Games

Hinter diesem Modebegriff verbergen sich simple Spiele für Millionen: leicht zu spielen, mit schnellen Erfolgserlebnissen und kooperativen Elementen. Oft sind es Denk- und Ratespiele, aufgehängt an bekannten Marken wie etwa „Wer wird Millionär“.

Die allermeisten Casual Games erfordern keine besondere Hardware, laufen also auch auf alten Rechnern oder Handys und sind kostenfrei spielbar. Typischerweise bezahlt ein gewisser Anteil der Gelegenheitsspieler für den Download einer Premium-Version oder einen Premium-Zugang, so dass sich die Spiele insgesamt rechnen.

Als eines der ersten Casual Game gilt „Solitaire“, das schon in den 90ern millionenfach gespielt wurde. Im Online-Zeitalter sind Casual Games aber erst richtig populär geworden. Einen weiteren Schub erhielten sie durch das soziale Netzwerk Facebook.

Spiele-Apps

Hier lädt sich der Nutzer ein Programm (umgangssprachlich App genannt) auf sein Smartphone oder auf den Tablet-PC, um spielen zu können. Der stärkere Wettbewerb bei den Smartphone-Betriebssystemen kurbelt auch die App-Branche an.

Die mobilen Spiele werden zunehmend kostenlos zum Download angeboten. Oft sind das aber nur Appetithappen. Wer alle Level spielen will, muss die Vollversion kaufen. Besonders beliebt: „Angry Birds“ von der finnischen Firma Rovio. Die zornigen Vögel sind bereits auf mehr als einer Milliarde mobilen Geräten gelandet.

Der Ego-Shooter Counterstrike sei eines der beliebteste Spiele. Aber in jüngster Zeit muss sie häufiger ihren Kunden zum Gehen auffordern. „Besonders Männer wollen nicht mehr gehen. Die zocken die ganze Zeit und vergessen ihre Familie zu Hause“, klagt die Inhaberin. Frauen kämen auch, aber chatteten meist nur und blieben auch nicht so lange.

China hat laut einer Regierungsstatistik aus diesem Jahr geschätzte 560 Millionen Internetnutzer. Mehr als 60 Prozent von ihnen spielen regelmäßig online. Eine Stunde in einem Pekinger Internetcafé kostet umgerechnet weniger als 50 Cent. Im Vergleich: Das durchschnittliche Monatseinkommen in der Stadt wurde für China zuletzt für 2011 in einer offiziellen Statistik mit knapp 600 Euro beziffert.

Immer wieder kursieren Geschichten über Internetsüchtige durch chinesische Medien. Zuletzt erregten Berichte über einen jungen Mann Aufsehen, der bis zu sechs Jahre in einem Internetcafé verbracht haben soll.

„Sein Fall ist besonders ernst, aber das Verhalten ist typisch für Abhängige“, sagt Psychologieprofessor Ding Jianlue von der Jilin Universität. Junge Erwachsene suchten nach ihrem Abschluss vergeblich nach einer Stelle. Dann sei das Internet ein Weg, vor dem Frust und der Verantwortung zu fliehen.

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