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05.03.2014

09:45 Uhr

Kopfüber neu bemalt

Webcam enthüllt Geheimnisse alter Gemälde

Der Kunstwissenschaftler Gero Seelig entlockt Altmeister-Gemälden ihre Geheimnisse mit einer billigen Webcam aus dem Elektromarkt. Sie zeigt, was unter den Ölfarben ist. Zum Beispiel sehr alte andere Kunstwerke.

Kurator Dr. Gero Seelig steht in der Gemäldesammlung des Staatlichen Museums Schwerin vor dem Gemälde „Befreiung Petri“ von Hendrick ter Brugghen und zeigt auf einem Laptop mit Infrarotkamera unsichtbare Bildteile in tieferen Farbschichten. dpa

Kurator Dr. Gero Seelig steht in der Gemäldesammlung des Staatlichen Museums Schwerin vor dem Gemälde „Befreiung Petri“ von Hendrick ter Brugghen und zeigt auf einem Laptop mit Infrarotkamera unsichtbare Bildteile in tieferen Farbschichten.

SchwerinGero Seelig ist neuerdings am liebsten mit Laptop im Museum unterwegs. Am Bildschirm klemmt eine Webcam. Der Kunstwissenschaftler richtet die kleine Kamera auf eine Szene mit würfelnden Soldaten, gemalt von Benjamin Cuyp (1612-1652). Es ist eines der vielen holländischen und flämischen Altmeister-Gemälde im Staatlichen Museum Schwerin, deren Geheimnissen Seelig auf der Spur ist.

Auf dem Monitor wird Seltsames sichtbar: Fast über die ganze Breite des Bildes ist der Faltenwurf einer Halskrause zu erkennen, außerdem ein großes Gesicht, eine Pelzmütze, ein Wams, alles kopfüber. „Spannend“, murmelt Seelig. Unter der Soldaten-Szene aus dem 17. Jahrhundert, die zur jüngst erhaltenen Schenkung des Berliner Sammlers Christoph Müller gehört, befindet sich ein anderes Bild, ein Porträt. Der Kleidung des Abgebildeten nach zu urteilen, stammt es aus dem 16. Jahrhundert.

Es ist kein Einzelfall: Unter einer „Lustigen Bauernszene“ von Jan Molenaer d.J. (1610-1668) fand Seelig ebenfalls ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert. Die lesende Frauenfigur ist wohl die Darstellung einer biblischen Erzählung. „Die Holztafel stammt vermutlich von einem Altar und ist von Molenaer nach mehr als 100 Jahren neu bemalt worden“, sagt der Forscher.

Seelig hat seine Billig-Webcam aus dem Elektromarkt ein bisschen manipuliert, um sie für die kunsthistorische Forschung nutzen zu können. Auf die Idee brachte ihn der Physikdidaktiker Helmuth Grötzebauch. Der Wissenschaftler von der FU Berlin entwickelt einfache Bastellösungen, die es Schülern ermöglichen, sozusagen mit eigener Hand physikalische Zusammenhänge zu erkennen.

„Grötzebauch führte die Anwendung bei einer Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin vor“, erzählt Seelig. Der Physiker hatte einen Filter aus der handelsüblichen Kamera aus- und einen anderen eingebaut. Fertig war die Infrarot-Kamera, mit der man durch Schichten von Ölfarbe hindurchsehen kann. Im Sommer will Seelig Möglichkeiten der Kamera bei einem internationalen Kunstwissenschaftler-Kongress in Boston (USA) vorstellen.

Kommentare (1)

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05.03.2014, 10:12 Uhr

" Eine professionelle Infrarot-Kamera für mehrere zehntausend Euro anzuschaffen, war bisher nicht drin. Deshalb suchte Seelig nach Abhilfe.
[...]
Zwar reicht die Qualität nicht an die eines Profi-Geräts heran. „Aber die kleine Kamera bringt immerhin so viel, dass man sagen kann, da ist was.“"
---
Vielleicht mal jemanden fragen, der Ahnung hat? Viele einfache DSLR-Kameras lassen sich für wenige 100 Euro in eine Infrarotkamera bis ungefähr 1400 nm umbauen. Einige wenige Typen wie die etwas ältere Nikon D70s kommen von Haus aus bis rund 950 nm. Man braucht nur passende Schraubfilter zur Selektierung der gewünschten Wellenlängenbereiche. Statt mit einer Billigbastellösung rumzuwerkeln kommt man so auf durchaus professionelle Bildqualität, mit der man was anfangen kann. Einige zehntausend Euro für eine professionelle Infrarotkamera sind nicht nötig.

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