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21.01.2010

12:21 Uhr

Kostenlose Navi-Software

Nokia zeigt der Branche wo es langgeht

VonAxel Postinett, Helmut Steuer

"Google ist die Handgranate - dies ist die Atombombe."" Nokia-Manager Michael Halbherr schreckte vor drastischen Superlativen nicht zurück, als der weltgrößte Handy-Hersteller heute den Wettbewerb im Markt für Handysoftware drastisch verschärfte. Künftig bieten die Finnen Navigationssoftware auf ihren Smartphones kostenlos ohne Zusatzgebühren an.

Nokia-Chef Kallasvuo setzt auf kostenlose Navi-Software. Reuters

Nokia-Chef Kallasvuo setzt auf kostenlose Navi-Software.

DÜSSELDORF/STOCKHOLM. Der weltweit führende Handyhersteller Nokia bietet sein Navigationssystem in Zukunft kostenlos an. Bisher hatte der finnische Konzern für das Ovi Maps genannte Angebot, das auf Multimediahandys genutzt werden kann, im Schnitt 60 Euro pro Jahr verlangt. Nokia kontert mit dem Schritt einen Vorstoß Googles: Der Suchmaschinenriese hatte vor knapp vier Monaten einen kostenlosen Navigationsservice für Smartphones mit seinem eigenen Betriebssystem Android gestartet.

Allerdings funktioniert der Google-Service vorerst nur in den USA und ist noch in der fehlerbehafteten Betaphase. Nokia geht dagegen direkt in 74 Ländern und mit 46 Sprachen weltweit zum Frontalangriff über. Nokia hofft darauf, die Zahl der Nutzer von Smartphone-Navigationen bis Jahresende zu verdoppeln. Aktuell, so Nokia, werden insgesamt erst rund 27 Mio. Smartphones, vom Apple iPhone bis zum Nokia N97, weltweit für Navigationszwecke eingesetzt. Das ist relativ wenig: Nokia allein hat nach eigenen Angaben über 83 Mio. GPS-fähige Telefone im Markt.

Experten beurteilen Vorstoß skeptisch

Analysten reagierten mit einer gehörigen Portion Skepsis auf den großangelegten Angriff: Grundsätzlich habe Nokia die Initiative wieder an sich gerissen, was positiv sei. Andererseits könne das Gratisangebot keine Trendwende im Kampf gegen iPhone und Co. einleiten. "Navigation mit dem Handy ist nur ein Dienst unter vielen", sagte etwa Håkan Wranne, Telekomanalyst der Swedbank in Stockholm. "Sicherlich verkaufen sie ein paar Handys mehr. Aber die Machtverhältnisse werden sich durch diesen Schritt nicht wesentlich verschieben."

Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass Nokia für den Kartenhersteller Navteq vor zwei Jahren stolze 5,7 Mrd. Euro bezahlt habe. Damals hatte Nokia gehofft, mit dem Kauf des größten Herstellers von digitalen Karten viel Geld verdienen zu können. "Dieser Traum ist erst einmal ausgeträumt", sagte John Strand, Chef der dänischen Marktforschungsfirma Strand Consult. Er ist skeptisch, ob Nokia den Wegfall der Abo-Gebühren durch den Mehrverkauf von Geräten überhaupt kompensieren kann. "Aber vielleicht können sie wenigstens den Preisverfall stoppen", so der Experte.

Analysten in Helsinki und Stockholm wollten vor dem Hintergrund der heutigen Ankündigung und der damit verbundenen Mindereinnahmen nicht mehr ausschließen, dass Nokia in der kommenden Woche mit der Bilanzpräsentation 2009 eine Wertberichtigung auf Navteq bekanntgeben wird.

Nokia selber hofft, wie auch Google, später mit lokal adressierter Werbung durch Ovi Maps Geld verdienen zu können und mit "Premiumdiensten", die zusätzliche Leistungen anbieten. Sowohl Google als auch Apple und Nokia arbeiten intensiv am Aufbau eigener mobiler Werbe-Vermarktungsplattformen. Google und Apple haben dafür gerade erst Übernahmen im Wert von zusammen rund einer Milliarde Dollar getätigt. Eine umfassende Nutzung des eigenen Navi-Dienstes ist die beste Voraussetzung für solche Werbeeinnahmen, da der Kunde freiwillig permanent seinen Standort preisgibt. Wie wichtig die Verfügung über diese Daten ist, zeigen Gerüchte, dass Apple derzeit daran arbeite, Google die Nutzung der auf dem iPhone ermittelten Positionsdaten unmöglich zu machen.

Navi-Hersteller geraten in Bedrängnis

Schwer unter Druck dürften die Hersteller von mobilen Navigationsgeräten durch die neuerliche Konkurrenz geraten. Gerhard Mayr, zuständig für das Mobilgeschäft bei Navigon, zeigt sich betont gelassen: "Wir haben das genau so erwartet. Nokia konnte unter dem Druck von Google wahrscheinlich gar nicht anders handeln", sagte er. Navigon selber beobachte die Entwicklung genau und glaube, dass es weiter einen Markt für größere Geräte geben wird: "Kleine Smartphone-Bildschirme sind eher was für Gelegenheits-Navigierer und sporadische Auslandsreisende." Trotzdem arbeite auch Navigon an "alternativen Geschäftsmodellen" mit Partnern und Automobilherstellern. "Die Zukunft liegt in der stärkeren Integration ins Auto. Da betreiben wir einige Projekte."

Der Marktführer Tom-Tom wollte sich wie auch Google gar nicht äußern: "Wir kommentieren Mitteilungen von Wettbewerbern nicht", hieß es. Tom-Tom-Aktien brachen an der Börse bis zu zehn Prozent ein. Google Deutschland hielt sich auf Anfrage ebenfalls gänzlich bedeckt.

Leistungen: Der kostenlose Leistungskatalog von Nokias „Ovi Maps“ umfasst die Fußgänger- und Autonavigation mit Sprachansage der Richtungswechsel („Turn-by-turn“). Dazu gibt es lokale Info- und Serviceangebote wie Michelin-Restaurantführer oder Lonely Plante Guide. Alle Karten-Updates sind ebenfalls kostenfrei.

Datenverbindung: Die Nutzung erfolgt online mit Datenverbindung ins Internet oder alternativ ohne Datenanbindung mit vorab per PC oder WLan-Verbindung geladenen Karten im Speicher. Das erspart im Ausland oft hohe Roamingkosten. Laut Nokia fallen im Onlinebetrieb für 20 Kilometer Streckenführung rund 200 KB Daten an, gegenüber fast 2 MB Volumen beim Konkurrenten Google Maps.

Modelle Folgende Nokia-Modelle werden momentan unterstützt: N97 (mini); X6, E72 und alle Navigator-Modelle. Ab März wird „Ovi Maps“ dann auf allen Symbian-S60-Modellen vorinstalliert sein, die mit einem Navigations-Chip ausgestattet sind.

Kommentare (1)

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Peter Kühn

22.01.2010, 17:52 Uhr

bekanntlich war auch das Trojanische Pferd kostenlos 8-)
Der Vergleich mit der Atombombe ist gut und in zweifacher Hinsicht sehr bemerkenswert.
Zum einen kann eine Atombombe als Zünder für eine Wasserstoffbombe dienen. ihre Wirkung ist somit
Mittel statt eigentlichem Zweck.
Zum anderen hat eine Atombombe auch etwas mit "kritischer Masse" zu tun.
Und genau damit hat Hr. Halbherr im Grunde seinen business-Plan auch schon verraten, denn eine kritische Menge an Navigations-Smartphones ist Voraussetzung zur Eroberung eines gigantischen, noch völlig brach liegenden Marktes!

Wer das jetzt verstehen will soll doch bitte einfach mal nach begriffen

wie "NARiS RiDESHARiNG" oder "OPENRiDE FRAUNHOFER" oder "EMPTY SEATS TRAVELLiNG" googeln.

ich sage dazu nur soviel: das Geld liegt auf der Straße und Nokia hat das offenbar richtig erkannt ;-)

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