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01.01.2007

09:45 Uhr

Medien

Podcasts erobern das Netz

Nicht wenige halten es für einen der heißesten Medientrends. Audio- und Videobeiträge, die im Internet für MP3-Spieler heruntergeladen werden können, schießen wie Pilze aus dem Boden.

Podcast-Nutzerin dpa

Der Begriff "Podcast" ist eine Verschmelzung von ipod (tragbarer MP3-Player von Apple) und Broadcast (Rundfunk). Der Nutzer kann Radiosendungen aus dem Netz herunterladen und sie hören, wann und wo er will.

dpa ILMENAU. Nicht wenige halten es für einen der heißesten Medientrends. Audio- und Videobeiträge, die im Internet für MP3-Spieler heruntergeladen werden können, schießen wie Pilze aus dem Boden. Vor allem Hörfunksender haben die Technik für sich entdeckt, bieten ihr Programm häppchenweise zum Selbstzusammenstellen an.

Angetrieben werden sie dabei wohl auch von dem Wissen, dass Experten in den Podcasts einen ersten Schritt weg vom klassischen Hörfunk sehen. Auch Zeitschriften und Zeitungen experimentieren mit dem neuesten Medium.

Der Begriff Podcast setzt sich zusammen aus dem englischen Begriff für Sendung, „Broadcast“, und dem Namen des beliebten MP3-Spielers ipod. Einen Podcast kann jeder selbst herstellen, und jeder kann ihn auch jederzeit und überall hören. Das Angebot kennt keine Grenzen: Mitschnitte von beliebten TV- oder Radiosendungen, private Reiseberichte, Interviews, Sparten-Nachrichten, Hörbücher, vorgelesene Zeitungsartikel.

Musik, spezielle Informationen aus Wirtschaft oder Sport und Computerthemen würden am häufigsten angeboten und auch abgerufen, berichtet Fabio Bacigalupo, Herausgeber der Internetseite „podcast.de“. Allein im vergangenen Oktober seien über das Portal 3 600 Podcasts angeboten worden. „Die Tendenz ist steigend.“ Jeden Tag kämen etwa 15 bis 25 Sender, also Podcast-Anbieter, hinzu. Experten schätzen laut Bacigalupo, dass es im deutschsprachigen Raum inzwischen pro Monat rund drei Mill. Podcast-Abrufe gibt. Seine Seite gebe es seit zwei Jahren, „doch erst in diesem Jahr ging es richtig los“.

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) etwa sammelt seit einem Jahr Podcast-Erfahrungen, berichtet Sprecher Uwe-Jens Lindner. Zahlen nenne der Sender nicht - weder über Abrufzahlen noch über Investitionen. Für Podcasts zahlt nämlich der, auf dessen Homepage sie angeboten werden, nicht der Nutzer. Besonders beliebt seien Comedy-Sendungen wie „Lukas (Podolskis) Tagebuch“ vom Jugendsender Einslive und Klassiker wie der „Stichtag“ oder das „Zeitzeichen“ von Wdr5. Diese ins Netz zu stellen, mache wenig Arbeit. Teure externe Angebote mache der WDR gar nicht erst.

Nutzer der Podcasts seien in erster Linie - wie erwartet - technikaffine junge Männer, berichtet Lindner. Auch Pendler nutzten das neue Angebot, um sich eigene Hörfunk-Sendungen für lange Fahrtwege zu basteln. „Es sind aber auch überraschend viele ältere, so 50 plus, aufgeweckte Rentner, die das nutzen.“ Diese Gruppe sei stark an den Inhalten interessiert. „Sie wollen ihre Zeit souverän gestalten und hören, was sie wollen.“

Die „Financial Times“ etwa bereitet ihre Nachrichten des Tages genauso für MP3-Player auf wie zum Beispiel die Helmholtz- Gesellschaft ihre Sendung „Ohren auf für die Wissenschaft“. „Spiegel- Online“ hingegen verwende bildlose Podcasts nur zum experimentieren, wie Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron berichtet. „Wir nutzen das eher sparsam.“ Mit ein paar Tausend Abrufen sei das Ganze eher ein „Nischending“. Viel interessanter sei das Thema Videocast mit hohen Steigerungsraten. Da investiere Spiegel-Online auch „viele 100 000 Euro im Jahr“. Die Zahl der Video-Abrufe von „spiegel.de“ sei in diesem Jahr auf rund fünf Mill. pro Monat hochgeschnellt.

Sowas fasziniert dann auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich seit rund einem halben Jahr regelmäßig per Videobotschaft an die Deutschen wendet, um ihnen die Innenpolitik zu erklären. Auf „bundeskanzlerin.de“ sind ihre Videoblogs abzurufen und zu abonnieren. Merkel ist damit die weltweit erste Regierungschefin, die das Medium nutzt.

Professor Karlheinz Brandenburg, einer der Entwickler des MP3- Formats, findet das Ganze großartig. „Das ist der erste Schritt weg vom klassischen Hörfunk“, sagte der Leiter des Fraunhofer Instituts für Digitale Medientechnologie (Idmt) im südthüringischen Ilmenau. Niemals habe er damit gerechnet, dass die Erfindung einmal so genutzt werden könnte. „Aber das ist doch eine vernünftige Nutzung der neuen Möglichkeiten.“ Aus seiner Sicht ist die Entwicklung auch noch nicht am Ende. „Das geht weiter - wenn die Leute nur kreativ mit den Anwendungen umgehen.“

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