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08.05.2016

10:11 Uhr

Mobilfunk in Deutschland

Wenig Orientierung im Tarifchaos

Der Zusammenschluss von O2 und E-Plus hat den deutschen Mobilfunkmarkt durcheinandergewirbelt. Das Wegbrechen eines Anbieters hat den Preiskampf nicht erlahmen lassen – aber das Tarifangebot wird immer unübersichtlicher.

Im europäischen Ausland dürfen die Mobilfunker bald keinen Aufschlag mehr verlangen. Trotzdem wird es für Verbraucher nicht einfacher. dpa

Mit dem Smartphone am Strand

Im europäischen Ausland dürfen die Mobilfunker bald keinen Aufschlag mehr verlangen. Trotzdem wird es für Verbraucher nicht einfacher.

KölnEine gute Nachricht hielt die Bundesnetzagentur erst vor wenigen Tagen für die Verbraucher bereit: Seit Anfang Mai ist das Telefonieren und mobile Surfen im europäischen Ausland billiger. Damit passen sich die Preise immer stärker dem im Inland gültigen Tarifniveau an. Am 15. Juni 2017 ist dann endgültig Schluss: Keine Extrakosten mehr für das Durchschleusen von Telefonaten und Daten durch andere Netze. Herumschlendern wie zu Hause, „roam like at home“, heißt dann die Devise.

Doch das Streunen durch Netze ist für Handy- und Smartphone-Nutzer nicht einfacher geworden, wenn sie nach passenden Tarifen suchen. Auch wenn die Preise heute keinesfalls mehr Schrecken auslösen und Roaming-Kosten im EU-Ausland bald ganz verschwinden, hat die Transparenz auf dem Markt mit der Ausbreitung der mobilen Datennutzung stark gelitten. „Selbst für uns als Branchenkenner ist es manchmal schwierig, bei der Vielfalt der aktuellen Tarifaktionen immer auf Ballhöhe zu bleiben“, räumt Martin Knauer, Chef des Kölner Mobilfunkdiscounters Congstar ein.

Kleines Mobilfunk-Lexikon

GSM

GSM, kurz für „Global System for Mobile Communication“, war der erste digitale Mobilfunkstandard. In Deutschland wurde er in den 1990er Jahren eingeführt. Heute noch ist GSM in vielen Ländern in Betrieb, auch hierzulande. Dank der guten Versorgung scheint der Standard momentan unverzichtbar.

Edge

Edge, kurz für „Enhanced Data Rates for GSM Evolution“, ist eine Erweiterung des GSM-Standards, die eine Datenübertragung mit bis zu 384 Kilobit/Sekunde erlaubt. Nach heutigen Maßstäben ist das langsam. Dafür steht der Satz „Ich habe nur Edge“, den man etwa auf Bahnreisen oft hört.

UMTS

„Universal Mobile Telecommunications System“ ist der Mobilfunkstandard der dritten Generation. UMTS ist in Deutschland und großen Teilen der Welt verbreitet und ermöglicht schnelle Datenübertragungen. Nutzer in einer Funkzelle müssen sich allerdings die Bandbreite teilen – trotz Erweiterungen beginnen die Netze, zu verstopfen.

HSPA

„High Speed Packet Access“ macht UMTS schneller: Statt Übertragungsraten von 384 Kilobit/Sekunde sind mit HSPA bis 14,4 Megabit/Sekunde möglich, der Upload wird auf bis zu 5,76 Mbit/s beschleunigt.

HSPA+

Und es geht noch schneller: HSPA+ ermöglicht Downloads mit bis zu 21 Megabit/Sekunde. Wenn Netzbetreiber und Endgerät zwei Verbindungen gleichzeitig aufbauen können, wird diese Rate noch einmal verdoppelt.

LTE oder 4G

Der Mobilfunkstandard der vierten Generation heißt LTE, kurz für „Long Term Evolution“. Er beschleunigt die Datenübertragung auf bis zu 100 Megabit pro Sekunde, die Weiterentwicklung Cat4 macht bis 150 Mbit/s möglich. 4G wird oft synonym für LTE benutzt.

Netzbetreiber wie Telekom, Telefonica O2 und Vodafone stehen einer Vielzahl von Anbietern gegenüber, die im Discountgeschäft stark sind. Sie heißen Aldi-Talk und Simyo, Blau, Otelo, Base oder Smartmobile. Sie funken in den Netzen der Großen oder sind zum Teil selber deren Billigableger – etwa Congstar, Base und Otelo. Aldi-Talk und Congstar gehören zu den größten Anbietern mit mehr als 5 Millionen beziehungsweise vier Millionen Kunden.

Inzwischen schätzen Experten den Anteil des preissensiblen Marktsegments auf mehr als 40 Prozent. Auch hier setzen die Anbieter alles auf die mobile Datenkommunikation und grenzen sich bei ihren Tarifen voneinander ab. „Das Thema ist heute komplex geworden“, sagt Josefine Milosevic von der Branchen-Fachzeitschrift „Connect“. Dass die Preise weiter in den Keller fallen, erwartet die Tarifexpertin nicht. Die Netzbetreiber müssten sich refinanzieren und benötigten Geld für den Netzausbau.

Für Nutzer wird es trotzdem schwieriger, die Angebote vergleichbar zu machen: Flat-Tarife für alle Netze, Minuten-, Daten- oder SMS-Pakete, Bonusregelungen und Freimonate, mit und ohne Datenautomatik, Laufzeitvertrag oder monatliche Kündigungsfristen, Tarife mit und ohne neues Smartphone – kurz: der Einsteiger oder Umsteiger hat die Qual der Wahl.

Den passenden Tarif zu finden, ist aus Sicht von Verbraucherschützern heutzutage angesichts vieler Tarifmodelle ein großes Problem von Smartphone-Nutzern. „Vor der Auswahl sollte ein Kunde immer genau sein bisheriges Nutzerverhalten überprüfen“, empfiehlt Miriam Rusch von der Verbraucherzentrale NRW.

Stellschraube für die Anbieter werden immer mehr das bestellte Datenvolumen und die Übertragungsgeschwindigkeiten. Doch für den wenig erfahrenen Smartphone-Besitzer ist es eine Kunst, bei der Tarifwahl das passende Datenvolumen zu schätzen.

Dennoch ist Christian Schiele vom Internet-Vergleichsportal Verivox überzeugt: „Aus unserer Sicht ist die Situation für die Verbraucher positiv“, auch nach dem Zusammenschluss von Telefónica und E-Plus. „Wenn sich der Markt differenziert, zeigen sich die Wahlmöglichkeiten oft klarer als zuvor“. Dass durch die Fusion ein Preisumschwung eingesetzt hat, ist angesichts der Vielfalt der Tarife kaum zu belegen.

Höhere Preise werden heute verknüpft mit mehr Leistung wie Datenvolumen oder Geschwindigkeiten. Der Markt sei gespalten, meint Congstar-Chef Knauer, in ein gehobenes Segment, in welchem die Netzbetreiber die Preiserosion aufhielten. Aber es gebe weiterhin Anbieter, die sehr preisaggressiv im Online-Vertrieb vorgingen. Knauer: „Hier geht das Spiel unvermindert weiter.“

Von

dpa

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