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01.03.2011

16:29 Uhr

Nach dem Rücktritt

Das Internet sagt "Guttbye"

Im Internet ist ein Streit entbrannt über den Rücktritt von Verteidigungsminister Guttenberg. Viele feiern die Kollektiv-Recherche, die den Minister straucheln ließ. Doch auch Guttenberg-Fans sind im Netz vertreten.

Der Screenshot zeigt die Internetseitseite von Facebook und guttenplag.wikia.com. Quelle: dpa

Der Screenshot zeigt die Internetseitseite von Facebook und guttenplag.wikia.com.

Berlin

Ein hämisches "Guttbye" - oder Wut über die "Hetzjagd"? Der Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat im Netz zu hitzigen Debatten geführt. Jenseits allen Spotts hat die Affäre gezeigt, wie stark das Internet im Zusammenspiel mit den klassischen Medien die Politik beeinflussen kann - wenn das Thema die Nutzer nur genügend interessiert. Twitter und Facebook erwiesen sich am Dienstag einmal mehr als Turbo. Erst machte die Meldung vom Rücktritt binnen Minuten die Runde, wenig später brandeten Wellen von Kommentaren auf. Als "trending topics", also besonders beliebte Themen, nannte der Kurzmeldungsdienst Twitter am Mittag "Karl-Theodor" und "Verteidigungsminister". Die Spötter hatten sich schon auf ein anderes, knappes Schlagwort (Hashtag) geeinigt: #guttbye.

"Nach STRG+C und STRG+V kommt nun ENTF", meinte etwa der Webdesigner Sven Giesen aus Moers in Anlehnung an die Tastaturkürzel für Kopieren, Einfügen und Entfernen. "Die Kanzlerin kann Guttenbergs Rücktrittsgesuch bestimmt nicht annehmen, da Zweifel an dessen Echtheit bestehen", erklärte ein anderer Twitternutzer. Auch nach dem Rücktritt ist die Popularität des Politikers hoch. In einer Facebook-Gruppe zur Unterstützung des CSU-Manns schrieb beispielsweise ein Nutzer - wohl stellvertretend für viele: "Armes Deutschland, sag ich da nur. Ich hoffe nur, KT erholt sich schnell und kehrt zurück auf die politische Schmierenkomödiantenbühne, um dort gehörig aufzuräumen." Und die Junge Union Dortmund weiß, wo der Feind steht: "Herzlichen Glückwunsch an alle linken Hetzer!"

Jenseits des Kampfes um die Deutungshoheit wird deutlich, wie mächtig das Internet in politischen Auseinandersetzungen sein kann - wenn das Thema die Öffentlichkeit nur genug interessiert. Nachdem in Medienberichten zunächst von einigen wenigen Plagiaten die Rede war, trugen die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Guttenplag-Wikis zahlreiche Stellen zusammen, wo Guttenberg abgekupfert haben könnte.

Kommentare (25)

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schaufensterfeeling

01.03.2011, 17:07 Uhr

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich

Der Mensch zu Guttenberg hat sein schwerwiegendes Fehlverhalten öffentlich eingestanden, zutiefst bereut, um Entschuldigung gebeten und - mit Rückgabe seines Doktortitels - die Konsequenzen daraus gezogen. Darüber hinaus wurde er öffentlich geteert und gefedert, verhöhnt, beleidigt und verachtet... Er lag doch längst am Boden.

Das genügte offensichtlich vielen "politisch motivierten Totschlägern" immer noch nicht.
Sie traten weiter auf ihn ein und kommen vermutlich erst wieder zur Besinnung, wenn sich der Mensch zu Guttenberg nicht mehr regt. In Wahrheit geht und ging es ihnen doch nur darum, eine beliebte Persönlichkeit fertig zu machen. Freilich, der Zweck heiligt die Mittel.

Dabei gibt es wohl keine andere Berufsgruppe, in der sich Kolleginnen und Kollegen gleicher Zunft und Zugehörigkeit gegenseitig so sehr ans Zeug flicken, wie bei den Berufspolitikern. Im Hohen Haus der Volksvertreter saßen und sitzen selbstverständlich auch ehemalige Schläger die unseren Rechtsstaat in Frage stellen wollten und Polizisten schwer verprügelt haben, Stasi-Spitzel und Sympathisanten der ehemaligen DDR Diktatur. Waffenschieber, Geldwäscher, scheinheilige Heuchler und selbstgerechte Denunzianten, die eigentlich allen Grund hätten, selbst demütig und gnädig zu sein.

Wie lautet eine deutsche Redensart so trefflich: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
Im Übrigen: Frau Schavan und Herr Lammert befinden sich am Ende ihrer Karriereleiter
und haben politisch nicht mehr viel zu verlieren. Hätten diese beiden bereits zu Beginn
ihrer politischen Laufbahn so beherzt Kollegenschelte betrieben, wie jetzt im Falle zu Guttenberg, wären sie wohl niemals in ihre hohen Ämter gelangt. Lest doch einfach ´mal das "Vater unser".

Reinhard G. Nießing, Raesfeld (NRW)

amsiopa

01.03.2011, 17:47 Uhr

Wenn ich die Medien und das Internet in der letzten Zeit verfolgt habe frage ich mich warum ich überhaupt noch wählen gehen soll! Eine Medien- und in Zukunft vielleicht noch Internet-Demokratie braucht keine Abgeordneten oder Parlamente. Sie hat auch nichts mit der direkten Demokratie der Schweiz zu tun!
Denkt man heute den Gedanken der Demokratie zu Ende, müßte die Zukunft wieder zu nur noch direkt gewählten Abgeordneten führen und das Fernsehen bei Parlamentsdebatten ausgesperrt bleiben. Anders ziehen Parteisoldaten statt unabhängige Parlamentarier in den Bundestag und in Debatten wird nicht mehr um die Sache gerungen aber ständig Wahlreden gehalten.
Und was für ein Ton wird heute angeschlagen? Anscheinend gibt es nur noch selten gute Kinderstuben!
Die Damen und Herren "Geistes-Wissenschaftler" sollten sich nicht so ernst nehmen. Ich empfehle ihnen die Lektüre zum Doktortitel als Türschilddoktor.
Armes Deutschland!
Übrigens; wer von den selbsternannten Plagiatjägern nimmt sich jetzt die Drs. der letzten 10 Jahre vor? Insbesondere solche, die sich der Politik verschrieben haben!

Mutmacher1977

01.03.2011, 18:36 Uhr

Was für eine peinliche Hetzjagd auf medialer Bühne! - Wie traurig sich mancher Möchtegernspitzenpolitiker echauffiert und mit dem Finger zeigt bis es weh tut!
Es ist so leicht auf die zu treten, die am Boden liegen! - Aber so wenig, wie ihr versteht, dass ihr uns einen Hoffnungsträger genommen habt, so wenig wurde begriffen, dass mit Hetze und Boshaftigkeit keine Stimmen zu machen sind.
In solchen Augenblicken bin ich traurig und beschämt und ich weiß nicht, wer eine solche Lücke füllen soll... rot? schwarz? gelb? grün? überall nur Leere....

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