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06.03.2014

12:52 Uhr

Netzausbau

Wie Telekom und Vodafone auf die Zukunft wetten

VonMartin Wocher

Menschen, Smartphones, Maschinen – alles ist künftig miteinander verbunden. Die Telekomkonzerne rüsten mit Milliardenaufwand ihre Netze auf. Ob sich das rentiert, ist offen – das große Geschäft könnten andere machen.

Schwerstarbeit für die Netzbetreiber: Das Datenvolumen, das durch die Netze rauscht, wird bis 2020 auf mehr als das Zehnfache wachsen. dpa

Schwerstarbeit für die Netzbetreiber: Das Datenvolumen, das durch die Netze rauscht, wird bis 2020 auf mehr als das Zehnfache wachsen.

DüsseldorfEin Motorradhelm ist ein Motorradhelm – normalerweise. Doch dieser weiße Kopfschutz enthält gleich eine ganze Kommunikationseinheit: Automatischer Notruf, Kamera für Panoramaaufnahmen, Telefon und Navigationsgerät, hinzu kommt die Möglichkeit der Konferenzschaltung, wenn ein ganzer Pulk auf schweren Maschinen unterwegs ist. Doch der Clou verbirgt sich in den unscheinbaren Handschuhen: Zuckt der rechte Zeigefinger oder Daumen, kann der Fahrer die verschiedenen Funktionen über Sensoren steuern. Beide Hände bleiben am Lenker, sicherheitshalber.

Von außen ein normaler Helm – doch im Inneren sind Telefon, Navigationsgerät und Kamera. PR

Von außen ein normaler Helm – doch im Inneren sind Telefon, Navigationsgerät und Kamera.

Das publikumswirksame Demonstrationsobjekt vom spanischen Mobilfunkanbieter Telefonica zeigt, was in der vernetzten Welt alles schon möglich ist. Dabei ist das nur der Anfang. Milliarden von Geräten werden in naher Zukunft miteinander vernetzt sein – Laptops, Tablets und Smartphones, aber auch immer mehr Kaffeemaschinen, Kühlschränke oder Autos. Von der industriellen Anbindung bis hin zur virtuellen Fabrik ganz zu schweigen.

„Künftig wird sich mehr die Frage stellen, welche Maschine noch nicht mit dem Internet verbunden ist“, sagte Cisco-Chef John Chambers dem Handelsblatt. Der Chef des US-Telekomausrüsters rechnet damit, dass sich das Datenvolumen, das all die Geräte Tag für Tag produzieren werden, bis zum Jahr 2020 mehr als verzehnfachen wird – eine gigantische Flut von Informationen, die gesammelt, aufgearbeitet, ausgewertet und in neue lukrative  Geschäftsmodelle gegossen werden soll.

Das Internet der Dinge

Alltägliche Objekte im Netz

Das Internet ist bekannt als Infrastruktur, über die Menschen Daten austauschen – ob mit dem PC, Laptop oder Smartphone. Es geht also letztlich um Computer, die miteinander kommunizieren. Doch heutzutage lassen sich immer mehr Objekte vernetzen: Heizung und Haustür, T-Shirt und Brille, Auto und Heizung.

Eine Sache, viele Begriffe

Den Begriff „Internet der Dinge“ prägten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Ende der 90er Jahre. Es kursieren aber viele Begriffe. „Industrial Internet“ betont die wirtschaftliche Bedeutung, „Machine to Machine“ (abgekürzt M2M) beschreibt eher technisch, dass Geräte autonom Daten austauschen.

Einsatz in der Wirtschaft

Bislang ist das Internet der Dinge vor allem eine Sache der Wirtschaft: Logistikunternehmen verfolgen beispielsweise den Weg von Lieferungen. Technologie-Hersteller bringen aber zunehmend auch Produkte für Verbraucher auf den Markt, etwa Heizungssteuerungen.

Mini-Computer und Funkantenne

Vernetzte Objekte benötigen eine Art Mini-Computer und eine Funkantenne, außerdem Sensoren – im Fall einer Heizungssteuerung etwa, um die Temperatur zu messen. Diese Komponenten sind in den vergangenen Jahren so geworden, dass immer neue Einsatzgebiete in Frage kommen.

Sextillionen von Adressen

Damit vernetzte Objekte übers Internet gesteuert werden können, muss man sie eindeutig ansprechen können. Ein neuer Standard namens IPv6 soll dafür sorgen, dass auch im Zeitalter vernetzter Autos und Heizungen genügend IP-Adressen vorhanden sind – es sind 340 Sextillionen, also eine 340 mit 36 Nullen.

Markt mit Riesenpotenzial

Es ist schwierig, den Vernetzungstrend in Zahlen zu fassen, der Markt ist noch zu jung. Der Marktforscher Gartner wagt die Prognose, dass bis 2020 rund 26 Milliarden Geräte im Internet der Dinge sind – PCs, Tablets und Smartphones sind darin nicht eingeschlossen. Der Umsatz mit Produkten und Diensten werde auf mehr als 300 Milliarden Dollar wachsen. Noch optimistischer ist der Netzwerkausrüster Cisco, der bis dahin 50 Milliarden vernetzte Geräte erwartet.

Diskussion über Datenschutz

Der Siegeszug der vernetzten Geräte dürfte einige Diskussionen über den Datenschutz nach sich ziehen. Ein Beispiel: Darf eine Versicherung die Bewegungsdaten eines Autobesitzers auswerten, um den Tarif ans Fahrverhalten anzupassen? Oder darf die Polizei nach einem Unfall überprüfen, ob der Fahrer zu schnell war?

Von all diesen neuen Anwendungsbereichen versprechen sich die beteiligten Unternehmen viele neue Geschäfte und enorme Umsatzsprünge. Auf rund 19 Billionen US-Dollar könnte der  Markt rund um den Bereich „Internet der Dinge“ in zehn Jahren anwachsen, schätzt Cisco-Chef Chambers – dazu könnten jede Menge neuer Jobs in neuen Arbeitsbereichen entstehen.

Doch derzeit ist die Arbeitsteilung ungerecht verteilt: Während die einen eine Fülle vielversprechender Dienste entwickeln, bleibt anderen zunächst die Kärrnerarbeit mit der vagen Aussicht, dass diese sich irgendwann mal in klingender Münze niederschlagen wird. Das gilt vor allem für die Telekomkonzerne, die sich – angespornt von der stets wachsenden Datenflut – aufgemacht haben, ihre Netze zu modernisieren und aufzurüsten.

Rund sechs Milliarden Euro steckt die deutsche Telekom bis 2016 Jahr für Jahr in die Modernisierung von Fest- und Mobilfunknetz, derzeit sind es rund 10.000 Baustellen, an denen gleichzeitig gewerkelt wird. Auch Konkurrent Vodafone lässt sich nicht lumpen und gibt rund vier Milliarden für Netzinvestitionen in diesem und im kommenden Jahr aus.

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