Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.01.2012

09:18 Uhr

Protest gegen SOPA und PIPA

„Wikipedia, warum tust Du mir das an?“

VonNils Rüdel

In einer einmaligen Protestaktion gegen geplante Netzsperren verabschiedeten sich gestern Tausende Webseiten in den USA für 24 Stunden. Es war eine PR-Schlacht Hollywood gegen das Internet – mit einem klaren Sieger.

Wikipedia aus Protest offline

Video: Wikipedia aus Protest offline

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

WashingtonAm Mittwochabend gab es immer noch ein paar, die offenbar ahnungslos in diesen schweren Tag getaumelt waren. „Oh mein Gott, was geht denn bei Wikipedia ab?“, twitterte ein besorgter Internet-Nutzer namens YungRichDvanh. Eine andere, Ni4mhLouise, fragte bang: „Wikipedia ist jetzt aber nicht für immer weg, oder?“. Und _harrygibson tippte vor lauter Entsetzen in Großbuchstaben: „Wikipedia, gerade jetzt brauche ich Informationen für meinen Aufsatz. Warum tust Du mir das an?“

Die User mussten nicht mehr lange leiden. Seit Donnerstagmorgen, 0 Uhr, können Amerikas Schüler, Studenten, Doktoranden und Journalisten durchatmen: Wikipedia ist wieder erreichbar. Aus Protest gegen zwei geplante US-Gesetze zum Schutz des Urheberrechts hatte die Online-Enzyklopädie am Mittwoch ihre englischsprachige Seite 24 Stunden lang blockiert, und Tausende populäre Sites taten Ähnliches. Eine einmalige Aktion in der kurzen Geschichte des Internets.

Schließlich ging es um einen Kampf zweier Giganten: Auf der einen Seite die Internet-Buden aus dem Silicon Valley, die gegen Beschränkungen im Netz Sturm laufen. Auf der anderen Seite Hollywood und die Musikindustrie, die an Raubkopierern verzweifeln. Eine PR-Schlacht sondergleichen. Bilanz des Tages: 1:0 für das Internet.

Glossar

ACTA

Das Anti-Counterfeiting Trade Agreement, kurz ACTA, ist ein internationales Handelsabkommen das derzeit zwischen 39 Ländern - darunter auch die 27 EU-Staaten - verhandelt wird. ACTA soll internationale Standards im Kampf gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen setzen.

Netzaktivisten befürchten, ähnlich wie bei PIPA und SOPA in den USA, dass die Haftung für Inhalte durch ACTA auf Provider und Plattformanbieter verlagert würde, wodurch Überwachung und Zensur von Inhalten gefördert würde. Das EU-Parlament muss dem Abkommen zustimmen, damit es in der EU in nationales Recht umgesetzt wird.

Sopa

Stop Online Piracy Act, kurz Sopa, hieß ein gegen Internet-Piraterie geplante Gesetz, das im Repräsentantenhaus diskutiert wurde - inzwischen aber auf Eis liegt. Das Repräsentantenhaus ist neben dem Senat eine der beiden Kammern des US-Parlaments. Beide Kammern des Parlaments werden gemeinsam als Kongress bezeichnet.

Der Gesetzentwurf wurde am 26. Oktober 2011 vom republikanischen Abgeordneten Lamar Smith aus Texas vorgelegt.

Pipa

Der Protect IP Act, kurz Pipa, war ein ganz ähnlicher Gesetzesvorschlag wie Pipa, der im Senat diskutiert wurde - der zweiten Kammer des US-Parlaments. IP steht dabei für Intellectual Property, also geistiges Eigentum. Der Senat stimmt am 24. Januar zunächst über Verfahrensfragen bei der Behandlung von Pipa ab. Inzwischen hat das Gesetz keine Chance mehr auf eine Mehrheit. Eingebracht wurde Pipa vom demokratischen Senator Patrick Leahy in Vermont.

DNS-Sperren

Ursprünglich waren sowohl in PIPA als auch in SOPA Netzsperren für Inhalte im Auslands vorgesehen. Inzwischen scheinen diese Vorschläge vor allem aus IT-Sicherheitserwägungen vom Tisch. Die Netzsperren sollten über Manipulationen am Domain Name System (DNS) umgesetzt werden. Das DNS sorgt dafür, dass eine bestimmte Webadresse einer bestimmten IP-Adresse zugeordnet wird. So wird beispielsweise http://www.wiwo.de in http://217.110.229.130 umgewandelt. Eine Manipulation dieser Einträge, um den Zugriff auf ausländische Seiten mit illegalen Inhalten zu sperren, steht im Widerspruch zu Bemühungen Manipulationen an DNS-Einträgen durch technische Maßnahmen zu verhindern. Die Manipulation von DNS-Einträgen wird auch von Cyberkriminellen genutzt, um Nutzer auf falsche Websites zu lotsen.

Schon am Morgen dürfte den wenigsten in den USA mit Internetanschluss entgangen sein, dass an diesem Mittwoch etwas anders sein würde. Die Zeitungen und Frühsendungen feixten und waren voller Erwartungen, was wohl passieren würde.

Um Mitternacht hatte Google sein buntes Logo hinter einem schwarzen Rechteck versteckt. Und Wikipedia war verschwunden, stattdessen waren nur ein paar Zeilen zu sehen: „Stell Dir eine Welt ohne freies Wissen vor“, hieß es dort pathetisch vor schwarzem Hintergrund. „In mehr als einem Jahrzehnt haben wir Millionen von Stunden dafür aufgebracht, die größte Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte zu erbauen“. Doch jetzt sei das Werk bedroht: Der US-Kongress sei im Begriff, das freie und offene Internet zu zerstören.

Internet-Zensur-Gesetz: Was macht SOPA für Europa gefährlich?

Internet-Zensur-Gesetz

exklusivWas macht SOPA für Europa gefährlich?

Nach dem Wikipedia-Blackout schließen sich auch zahlreiche deutsche Websites dem Protest gegen US-Gesetze an. Netzaktivist Beckedahl erklärt, warum die geplanten amerikanischen Gesetze auch für Europa gefährlich sind.

Gegen 8 Uhr kamen dann auch noch Mozilla und Reddit dazu, ebenso Craigslist und unzählige kleine Seiten wie Minecraft, Failblog oder icanhazcheeseburger.com, die lustige Katzenbilder zeigt. Bei Facebook und Twitter war das Thema den ganzen Tag ein Aufreger. Unterstützt von einer wohlwollenden Presse schafften es die Protestler ein Thema zu setzen, von dem meisten Leuten noch vor ein paar Tagen keine Ahnung hatten.

Kommentare (23)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

19.01.2012, 09:38 Uhr

Die Freiheit hat einen Etappensieg errungen, mehr nicht.

Seriös betrachtet müßte man noch anmerken, daß es primär nicht um irgendwelche raubkopien geht, sondern um eine allgemeine Internetzensur, die zunehmend auch politische Gegner betreffen wird.

Immer bedenken, all die Überwachungsgesetze, die ganz kurz nach dem 11.September fertig aus der Schublade geholt wurden, hätten diese Ereignisse damals nicht verhindert.

Oldi

19.01.2012, 09:42 Uhr

Das zeigt die ganze Macht des Internets. Geschlossen könnte sich die Gemeinde einen Abgeordneten nach dem Anderen vornehmen, mit dem Ergebnis, dass diese keine Zukunft in der Politik mehr haben.

Siehe Wullf.

Account gelöscht!

19.01.2012, 09:46 Uhr

Auch der FIWUS war bei dieser Aktion offline und so wie es aussieht, kann schon mal ein kleiner Erfolg verzeichnet werden. Diese Un-Gesetze aus rein kommerzieller Gier zeigen doch nur auf, dass der Unterhaltungsindustrie mit ihren immer noch horrenden Preisen nichts anderes und innovativeres einfällt, als mit ihrer 'KopfAb-Strategie' das Internet zu okkupieren und alles sogenannte Unbequeme auszumerzen. SO NICHT, Herrschaften.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×