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24.01.2007

09:05 Uhr

Prozesse

Haftstrafe für Internethandel mit Selbstmord-Pillen

Ein Wuppertaler Partyveranstalter ist wegen des Handels mit Pillen für Selbstmörder zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt worden.

Kejdi S. dpa

Der Angeklagte Kejdi S. mit seinem Anwalt Stefan Rösner (l.) im Wuppertaler Landgericht (Archiv).

dpa WUPPERTAL. Ein Wuppertaler Partyveranstalter ist wegen des Handels mit Pillen für Selbstmörder zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt worden.

Der 23-Jährige sei besonders skrupellos, mit großer krimineller Energie und konspirativen Methoden vorgegangen, befand das Wuppertaler Landgericht am Mittwoch und sprach den Mann wegen unerlaubten Handeltreibens mit Arzneimitteln in 16 Fällen schuldig. Mindestens zwei Menschen kamen durch die Medikamenten-Cocktails des Wuppertalers ums Leben, sieben fielen ins Koma und überlebten. Drei Pillen-Käufer behielten bleibende gesundheitliche Schäden zurück.

Die Staatsanwaltschaft war zunächst von sechs Toten ausgegangen und hatte fünf Jahre Haft gefordert. Die Verteidigung kündigte an, gegen das Urteil Revision beim Bundesgerichtshof einzulegen. Die Abnehmer hätten die Medikamente in Tötungsabsicht bestellt und völlig freiwillig eingenommen. Der Vorsitzende Richter Ralph von Bargen betonte, dass die Beihilfe zum Selbstmord nicht strafbar sei. Allerdings habe der Internet-Händler die körperlichen Schäden der Überlebenden zu verantworten.

Dem Gericht zufolge hat sich der 23-Jährige in Internet-Foren von Selbstmordgefährdeten unter den Pseudonymen „Buddha“ und „Paul de Vitt“ als Fachmann für Gifte aufgespielt und so an seine potenzielle Kundschaft herangepirscht. Dabei habe er auch nicht davor zurückgeschreckt, sich als Mediziner oder Apotheker auszugeben. Geschäftstüchtig habe er behauptet, ein Teil des Geldes komme der Deutschen Krebshilfe zu Gute.

Auch als er von den Fehlschlägen erfuhr und ihm ein Abnehmer vom „Schlimmsten, was ich je durchgemacht habe“ berichtete, habe er sein Treiben fortgesetzt und mit gefälschten Rezepten weitere Medikamente bestellt. „Er hat seine besondere Fachkunde massiv propagiert“, sagte der Richter. Ohne die Abnehmer je gesehen zu haben, habe er den Medikamenten-Mix mit den Worten „führt sicher zum Tod“ beworben.

Sogar die Verwendung eines Medikaments für die Tötung von Behinderten während der Nazi-Zeit habe er als „verkaufsförderndes Argument“ eingesetzt. Außerdem warb er mit dem angeblichen Selbstmord und der frei erfundene Krebserkrankung seiner Freundin, die sich auch mit dem Medikament umgebracht habe.

In einem Fall habe er auch seinen eigenen Freitod angekündigt und mit angeblichen Lieferengpässen den Preis für die Mittel in die Höhe getrieben. Fast 7 000 Euro nahm der Mann, der sich selbst als Eventmanager bezeichnet, mit seinem illegalen Medikamenten-Versand ein. Diese Summe werde der Staat einziehen, kündigte das Gericht an. Das Geständnis des Angeklagten sei zwar strafmildernd zu werten, es sei aber nicht umfassend und in einigen Punkten sogar falsch gewesen.

Die Ermittlungen gegen den Wuppertaler waren durch das Schicksal eines seiner Abnehmer im brandenburgischen Eberswalde ins Rollen gekommen. Der junge Mann hatte in einem Hotelzimmer mehrere Tage lang im Koma gelegen. Al er gefunden wurde, wiesen seine Beine bereits Leichenflecken auf. Der Überlebende musste ein Jahr lang mehrere Operationen über sich ergehen lassen, bei denen das tote Fleisch entfernt wurde.

Die Deutsche Hospiz Stiftung forderte die Politik am Mittwoch auf, das „Geschäftemachen mit dem Tod“ durch einen eigenen Straftatbestand zu verbieten. Ein entsprechender Gesetzesantrag sei im vergangenen Jahr in den Bundesrat eingebracht worden.

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