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19.05.2011

09:30 Uhr

Software AG

"Für die Cloud nehmen wir viel Geld in die Hand"

VonRafael Bujotzek

ExklusivDie Darmstädter Software AG steckt jährlich einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in den Ausbau von Cloud-Computing-Lösungen für Unternehmen. Umfragen belegen eine steigende Nachfrage. Erste Produkte sollen im September auf den Markt kommen, kündigte Vorstandsmitglied Wolfram Jost im Gespräch mit Handelsblatt Online an.

Wolfram Jost ist Vorstandsmitglied der Software AG und als Chief Technology Officer (CTO) für die technische Entwicklung und Forschung zuständig. Quelle: PR

Wolfram Jost ist Vorstandsmitglied der Software AG und als Chief Technology Officer (CTO) für die technische Entwicklung und Forschung zuständig.

Sie haben eigene Cloud-Computing-Dienste für das dritte Quartal dieses Jahres angekündigt. Welche Dienste werden das sein und gibt es ein konkreteres Datum?

Wir kündigen drei Cloud-Dienste für September dieses Jahres an. Ein erster Schritt wird die Beratung unserer Kunden sein. Das nennen wir den "Cloud Readiness Check". Dabei sollen unsere Kunden prüfen lassen können, ob sie ihre bestehende Software überhaupt ohne Weiteres in die Cloud geben können. Wir können dann auch Vorschläge machen, was dafür noch getan werden müsste.

Der zweite Dienst wird die sogenannte "Cloud Integration" sein. Wir verbinden die traditionelle Software, die im Unternehmen läuft ("on-premises Software") und die Cloud-Dienste ("off-premise") so miteinander, dass sie in einen Prozess integriert sind.

Es gibt ja beispielsweise Unternehmen, die ein SAP ERP [Enterprise-Resource-Planning oder Unternehmens-Informationssystem, Anm. d. Red.] nutzen und gleichzeitig das Salesforce.com Customer Relationship Management aus der Cloud nutzen. Diese beiden Dinge müsste man integrieren, um auch hier eine durchgängige Prozessverarbeitung zu erreichen und das nennen wir "Cloud Integration". Das Unternehmen kann selbst entscheiden, welches Produkt es in die Cloud gibt.

Das dritte ist dann das Thema Cloud-Gouvernance. Wir wollen vermeiden, dass dadurch, dass jetzt Cloud-Dienste benutzt werden, ein Wildwuchs an Services existiert und der Überblick verloren geht. Alles muss einer Cloud-Gouvernance-Struktur unterliegen, damit klar ist, wer welche Zugriffe hat.

IT-Lösungen: Software AG investiert in Cloud Computing

IT-Lösungen

Software AG investiert in Cloud Computing

Die Software AG aus Darmstadt hat das Feld des Cloud Computing für sich entdeckt und investiert jährlich einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in den Ausbau. Das ist ein wesentlicher Teil des Forschungsbudgets.

Warum sollte ich das über die Software AG nutzen? Gibt es nicht schon andere Anbieter, die Cloud-Dienste anbieten?

Da wäre ich vorsichtig, ob es so etwas schon gibt. Es gibt andere Anbieter, die bereits in diese Richtung gehen. Aber ich habe noch einen weiteren Punkt: Wir haben mit dem Thema Cloud Gouvernance nicht nur eine technische Innovation verbunden sondern wir haben ja auch dieses neue Organisationskonzept. Wir glauben, dass das Thema Cloud mehr ist, als eine technische Innovation und mehr ist als ein Business Modell, um Kosten zu sparen.

Die Einführung von Cloud-Services in dem Bereich, in dem wir sind, hat auch die Art verändert, wie Mitarbeiter im Unternehmen zusammenarbeiten. Und für dieses Organisationskonzept haben wir den Begriff "Extreme Collaboration" gewählt. Im Consumerbereich, sehen wir das ja an den Facebooks und Twitters dieser Welt. Das gleiche sehen wir aber auch im Enterprise-Umfeld. Die große Frage der Gegenwart ist: Wie arbeiten Businessleute und IT-Leute künftig zusammen, dass diese Zusammenarbeit auf neue Füße gestellt wird?

Zusammenarbeit in Unternehmen ist ja keine neue Idee. Wie wollen Sie die mit Hilfe des Internets verbessern?

Stellen Sie sich vor, wenn jemand einen neuen Geschäftsprozess entwickelt, dann ist das heute in der Regel so: Da sitzt dann einer in seinem Zimmer und versucht den Prozess zu definieren. Seine Ideen gibt er nach und nach in der Unternehmenshierarchie weiter. Alle nacheinander geschalteten Aktivitäten können aber auch über eine Cloud-enabled-Plattform, wie wir sie entwickeln, quasi kollaborativ erfolgen.

Das heißt, der Business Analyst, der Developer, der Process Worker und der Process Owner arbeiten kollaborativ an dem neuen Prozessmodell. Damit geht es schneller, es geht über Zeitzonen hinweg und die Qualität wird eine viel bessere sein. So etwas geht weit über Kostenersparnis und technische Dinge hinaus. SAP hatte damals Erfolg, weil sie eine betriebswirtschaftliche Innovation mit einer technischen Idee zusammengebracht haben. Und das wollen wir im Bereich Cloud auch tun.

Sie möchten dafür Amazons EC2-Dienste (Elastic Computer Cloud) nutzen, also ein Reseller-Modell. Könnte man von einem Unternehmen ihres Kalibers nicht eine eigene technische Infrastruktur erwarten?

Das ist nicht verwerflich, das ist sogar unserer Meinung nach gut. Es gibt ja diese Infrastruktur "as a service" bereits auf dem Markt. Das muss man doch nicht neu entwickeln. Es wird ein paar große Player geben, die diese Infrastruktur im Internet anbieten und die werden wir benutzen. Im ersten Schritt arbeiten wir hier mit Amazon zusammen. Im Prinzip nutzen wir die Amazon-Cloud um unsere Dienste darauf laufen zu lassen.

FAQ: Was ist Cloud Computing?

Virtualisierung

Die Virtualisierung von Servern ist bereits seit vielen Jahren ein anhaltender Trend, auf den heute kaum ein Unternehmen bei der Nutzung seiner IT verzichten möchte. Virtualisierung erlaubt eine deutlich flexiblere Nutzung der Hardware: Ein Server wird dabei aufgeteilt in beliebig viele virtuelle Server. Unter dem Betriebssystem Linux wird dabei vor allem auf die bekannten Virtualisierungs-Lösungen Xen und KVM zurückgegriffen. Virtualisierung ist eine wichtige technologische Voraussetzung für das Cloud Computing – doch nicht dasselbe. Beim Cloud Computing geht es um den gesamten Prozess des flexiblen Bereitstellens von Rechenressourcen, Daten und Anwendungen über eine standardisierte Schnittstelle.


Cloud Computing

Eine einheitliche Definition des Begriffs gibt es nicht. Cloud Computing beschreibt kein komplett neues Prinzip, sondern den technologischen Trend, IT-Ressourcen nur dann auf Bedarf über ein Netzwerk bereitzustellen und abzurechnen, wenn sie wirklich gebraucht werden. Die eigentliche Arbeit läuft auf den Servern, Endgeräte können auch Smartphones oder Netbooks sein, die selbst nur über vergleichsweise geringe Prozessor- und Speicherausstattung verfügen.

Um die IT-Ressourcen dynamisch - also je nach Bedarf - anzubieten, werden sie per Software abstrahiert. Statt eines echten Servers mietet man beispielsweise eine sogenannte virtuelle Maschine, deren Speicher- und Prozessorausstattung sich dynamisch den Anforderungen entsprechend vergrößert oder verkleinert. Rechenkraft aus der Cloud ist damit deutlich skalierbarer, als eine herkömmliche IT-Infrastruktur: Bei Spitzenlasten stehen Ressourcen sofort zur Verfügung, werden die Ressourcen nicht benötigt, müssen sie auch nicht bezahlt werden.

Aus dieser Abstraktion leitet sich wohl auch der Begriff ab: So wurden in Powerpoint-Präsentationen abstrahierte Netzwerke aus Computern häufig schwammig als Wolke dargestellt, um sich die Details des Netzwerks zu sparen - ebenso, wie ein Cloud-Kunde sich nicht mehr um die Details seiner IT-Infrastruktur kümmern muss.

Bei der Cloud gibt es alles "as a Service", also auf Abruf - Rechenkraft und Speicher (Infrastructure as a Service), Plattformen samt Programmierumgebung (Platform as a Service) und Software (Software as a Service). Die genannten Ansätze bestehen auch parallel zum Cloud Computing - die Cloud vereint sie alle.

Infrastructure as a Service (IaaS)

Infrastructure as a Service ist die "nackteste" Form des Cloud Computings: Gemietet werden nur reine Rechenkraft und Datenspeicher nach Bedarf. Dazu werden die Server beim Cloud-Anbieter virtualisiert: Statt physikalisch vorhandener Einzelserver mietet der Kunde eine oder viele virtualisierte Umgebungen, die je nach Bedarf mehr oder weniger Speicher und Prozessorleistung zugeteilt bekommen.

Platform as a Service (PaaS)

Bei der Platform as a Service (PaaS) mietet der Kunde mehr als nur die nackte Rechenkraft mit Betriebssystem - es ist bereits eine Laufzeitumgebung wie Microsofts Azure-Plattform oder Googles Programmierschnittstelle vorhanden.

Software as a Service (SaaS)

Software as a Service (SaaS) bezeichnet die Bereitstellung von Software, die auf Servern ausgeführt wird. Je nach verwendeter Technologie kommen dabei verschiedene Konzepte zum Einsatz. Für Adobes Programmiersprache AIR muss beispielsweise ein spezielles Programm auf den Endgeräten ausgeführt werden, das für Windows, Linux und Mac OS X verfügbar ist.

Meist aber werden Anwendungen über das Web angeboten - können also auf jedem Gerät ausgeführt werden, auf dem ein Browser installiert ist. Dazu gehören beispielsweise Googles Webapps, die mit der Google App Engine erstellt wurden.

Private Cloud und Public Cloud

Neben der reinen Form der Cloud - der Bereitstellung von IT-Ressourcen über das Internet - gibt es auch die private Cloud. Dabei wird die Cloud-Technologie dazu genutzt, eine Cloud im eigenen Unternehmen aufzubauen. Das kann Vorteile für die Datensicherheit und Compliance bieten - auch wenn inzwischen fast alle Public-Cloud-Anbieter ihre Dienste nach EU-konformer Regulierung anbieten. Oft wird eine private Cloud mit dem zusätzlichen Mieten einer Public-Cloud-Dienstleistung kombiniert - die dann beispielsweise bei Belastungsspitzen oder dem Ausfall von Teilen der eigenen IT-Infrastruktur einspringt. Man spricht dann von einer Hybrid Cloud.

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