Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.08.2011

16:55 Uhr

„Streisand-Effekt“

Blogger führt Homöopathie-Konzern vor

VonStephan Dörner

Die beißende Kritik eines Bloggers an medizinisch wirkungslosen homöopathischen Mitteln wäre wohl völlig untergegangen. Doch dann entschied sich ein Konzern zu juristischen Schritten – und der „Streisand-Effekt“ schlug zu.

Mitglieder der "Berliner Skeptiker" schlucken in Berlin vor dem Brandenburger Tor eine "Überdosis" eines homöopathischen Mittel - natürlich ohne Folgen. Homöopathischen Mittel enthalten keine Wirkstoffe. Quelle: dpa/picture alliance

Mitglieder der "Berliner Skeptiker" schlucken in Berlin vor dem Brandenburger Tor eine "Überdosis" eines homöopathischen Mittel - natürlich ohne Folgen. Homöopathischen Mittel enthalten keine Wirkstoffe.

DüsseldorfDas Geschäft mit der Homöopathie ist weltweit ein Milliardenmarkt. Der multinationale Homöopathie-Konzern Boiron beispielsweise setzt alleine mit dem Schnupfenmittel Oscillococcinum laut Medienberichten jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag um.

Wie alle homöopathischen Mittel geht dabei die in klinischen Studien nachgewiesene Wirkung von Oscillococcinum nicht über die eines Placebos ohne jeden Wirkstoff hinaus. Medizinern zufolge ist das auch nicht verwunderlich: In den in aufwendigen Verfahren verdünnten homöopathischen Mitteln lässt sich physikalisch kein Wirkstoff ermitteln. Vom ursprünglichen Ausgangsstoff – im Falle von Oscillococcinum ist es Entenleber – befindet sich im homöopathischen Medikament kein einziges Molekül mehr.

Der 28-jähriger italienischer Informatiker Samuel Riva nahm das zum Anlass, die Zuckerkügelchen von Boiron und die Homöopathie allgemein scharf zu kritisieren. In zwei Blog-Artikeln, beide unter dem Titel „Homöopathie - Mythen und Legenden“, setzte sich Riva mit weit verbreiteten Missverständnissen rund um die Homöopathie auseinander. Er stellte beispielsweise klar, dass es zwischen Homöopathie und Naturheilkunde einen himmelweiten Unterschied gibt. Und er schrieb, dass die von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann entwickelte homöopathische Lehre keiner wissenschaftlichen Logik und Überprüfbarkeit standhält.

Boiron passte die Berichterstattung gar nicht. Die Anwälte des Konzerns wandten sich an den Provider und forderten ihn auf, die Beiträge zu löschen, das sie angeblich falsch und abwertend über Homöopathie und das Unternehmen berichteten. Dem Blogger selbst drohte der Konzern mit einer Klage wegen Verleumdung, woraufhin der Blogger witzelte, nun wolle der Homöopathie-Konzern auch noch „die Meinungsfreiheit verdünnen“ – eine Anspielung auf das Verdünnungsprinzip der Homöopathie.

Von den beiden auf Italienisch verfassten Blog-Artikeln nahm bis dato fast niemand Notiz. Nach Angaben des IT-Nachrichtenportals Winfuture.de hatten vor der Klage gerade einmal etwa 150 Nutzer die Texte abgerufen. Nachdem die Drohungen jedoch publik wurden, berichteten zunächst internationale Blogs und inzwischen sogar das renommierte „British Medical Journal“ über den Fall.

Der "Streisand-Effekt" schlägt zu

Damit wurde die Firma ein Opfer des sogenannten Streisand-Effekts. Mit diesem Begriff wird das Internet-Phänomen beschrieben, dass gerade jene Informationen, die mit juristischen Mitteln unterdrückt werden sollen, erst dadurch einem größeren Publikum bekannt werden.

Seinen Namen verdankt das Internet-Phänomen der amerikanischen Schauspielerin und Sängerin Barbra Streisand. Im Jahr 2003 entdeckte Streisand in einer Bildergalerie mit rund 12.000 Bildern von der kalifornischen Küste auch mehrere Luftaufnahmen von ihrem Haus – der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Durch die Berichterstattung über die Klage wollten dann aber tausende Menschen die Bilder sehen und sie verbreiteten sich rasant im Internet. Der Blogger selbst entfernte den Namen Boiron aus seinen Artikeln - aus Angst vor der angedrohten Klage des Konzerns. Seine Wirkung dürften die beiden Artikel dennoch nicht verfehlt haben.

Kommentare (19)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

18.08.2011, 17:28 Uhr

Was für ein Betrug!!!
Man fülle eine Badewanne mit Wasser voll und tröpfle EIN Tröpfchien eines Wundermittels hinein, umrühren nicht vergessen(!); danach verkaufe man ein 100 ml Fläschen für 50 Euro...
Es gibt sogar deutsche Ärzte, die das Zeug verschreiben!
Das haben wir der 68er Generation zu verdanken, die nach Indien gepilgert ist, um dort zugekifft Segnungen von Gurus empfangen hat!!!

FoCS

18.08.2011, 17:48 Uhr

Naja, wenn die Menschen gemahlenes Nashorn zu sich nehmen und andere tierische Bestandteile, um die Potenz zu stärken, ist das auch nicht besser. Die Dummheit der Menshen ist wirklich unendlich.

bankleitzahl

18.08.2011, 18:14 Uhr

Der Streisandeffekt wird nun erst einmal die Personen aufwecken, denen mit Honöopatischen Mitteln geholfen wurde, vor allem dann, wenn die "hardcore"-Medizin am Ende war.

Wer heilt, hat recht. Nur weil jemandem das Mittel nicht a
püasst, muß nicht richtig sein, was er darüber schreibt. Den Gegenbeweis kann er ebensowenig antreten. Die Kritiker haben ein leichtes Spiel. Das vor allem bei Krebspatienten, denen am Ende weder cie Chemo noch die Strahlen geholfen haben. Dann heist es autherapiert und finanziell auch. Das war´s dann, und dann sollen die Naturheilkunde richten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×