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05.01.2015

06:33 Uhr

Technikmesse CES

Das Milliarden-Experiment

VonChristof Kerkmann, Axel Postinett

Was analog war, wird digital: Immer mehr Alltagsgegenstände werden smart, vom Auto bis zum Babyschnuller. Die Technikmesse CES zeigt die Vision von der Vernetzung der Welt – über die Risiken redet kaum einer.

Die CES in Las Vegas bestätigt den aktuellen Trend: Alles, was analog war, wird jetzt digital und vernetzt - und der Computer übernimmt immer häufiger die Kontrolle. Getty Images

Die CES in Las Vegas bestätigt den aktuellen Trend: Alles, was analog war, wird jetzt digital und vernetzt - und der Computer übernimmt immer häufiger die Kontrolle.

Las VegasJack ist auf dem Weg nach Las Vegas. Er ist nicht irgendwer: So nennt Audi einen autonom fahrenden A7. Vom Silicon-Valley-Labor des Ingolstädter Autoherstellers in Menlo Park ist er auf dem Weg zur Technikmesse CES in der Wüstenstadt. 560 Meilen Autofahrt ohne Hände und Füße. Gesteuert von Internet, Navigationssatelliten und Sensoren.

Jack ist ein Beispiel für den großen Trend der Technologiebranche: All das, was analog war, wird jetzt digital und vernetzt. Und der Computer übernimmt immer häufiger die Kontrolle, ob hinter dem Lenkrad oder bei der Steuerung der Heizung.

„Aus zwei Milliarden Smartphones werden 50 Milliarden vernetzte Geräte. Das wird die Art und Weise, wie wir das Internet nutzen, dramatisch verändern“, ist sich Shawn DuBravac, Chefökonom des amerikanischen Hightech-Verbandes CEA, absolut sicher. Und zwar in absehbarer Zeit: Audi etwa will Jack schon in wenigen Jahren serienreif haben. Die Digitalisierung erreicht die nächste Phase.

Die wichtigsten Fakten zur CES

Premiere in New York

Die erste Ausgabe der Consumer Electronics Show (CES) fand 1967 in New York statt. Erst seit 1978 ist sie in der Glitzerstadt Las Vegas im US-Staat Nevada zu Hause. Außerdem gab es zeitweise eine zweite CES im Sommer, unter anderem in Chicago.

Aufstieg zur Nummer 1

Als wichtigste IT-Messe der USA galt lange die Comdex (Computer Dealers‘ Exhibition), zu der sich die Fachwelt ebenfalls in Las Vegas traf. Nachdem mehrere große Unternehmen wegen hoher Kosten nicht mehr teilnehmen wollten, gaben die Veranstalter 2003 jedoch auf – seitdem ist die CES die bedeutendste Veranstaltung der amerikanischen IT-Branche.

160.000 Besucher aus aller Welt

Einige Zahlen zeigen die Dimension der Messe: Der Veranstalter CEA registrierte 2014 mehr als 3700 Aussteller und mehr als 160.000 Fachbesucher aus aller Welt in der Wüstenstadt. 2015 weitet die Technik-Show die Flächen weiter aus.

Tops und Flops

Immer wieder wurden in Las Vegas Geräte vorgestellt, die später den digitalen Alltag prägten – vom Videorekorder über CD und Camcorder bis zum hochauflösenden Fernsehen. Allerdings verschwinden viele groß angekündigte Neuerungen auch bald wieder. Das 3-D-Fernsehen setzte sich bislang nicht durch, auch die Netbooks hielten sich nicht lange am Markt.

Mehr Ifa als Cebit

Wenn man die CES mit den großen IT-Messen in Deutschland vergleicht, ähnelt sie eher der Ifa als der Cebit. Letztere versteht sich traditionell als Veranstaltung für Unternehmensanwendungen, auch wenn sie sich in den letzten Jahren verstärkt den Verbrauchern zuwendet. Bei der Ifa stehen dagegen ebenfalls digitale Produkte für Privatanwender im Mittelpunkt.

Im Zeichen der Vernetzung

Die Messe steht im Zeichen der Vernetzung. Audiosysteme spielen Musik direkt von Spotify & Co. ab, Fernseher Videos aus dem Netz. Führende Autohersteller zeigen, wie sie sich das vernetzte – und autonom fahrende – Auto vorstellen, während Hausgerätehersteller Ofen und Waschmaschine mit dem Smartphone verbinden wollen. Zudem greift die Messe Hype-Themen wie 3-D-Druck und Robotik auf.

Die Messe Consumer Electronics Show müsste eigentlich längst einen neuen Namen haben. Was früher die Industrie für Unterhaltungsgeräte war, gerne bei uns einmal „braune Ware“ genannt und auf einer „Funkausstellung“ gezeigt, mutiert zu eine allumfassenden Vernetzungs-Industrie. Fernsehgeräte und Computer werden ebenso vernetzt wie Kochtöpfe, Unterhemden, Autos und Baby-Kleidung – weil es geht und bezahlbar ist, aber auch, weil Hobbyköche und junge Eltern dafür vielleicht Geld ausgeben.

Ist das alles sinnvoll? Und wer soll diese Produkte kaufen? Derzeit laufe ein großes Experiment ab, sagt DuBravac. Als Beispiel nennt er die vernetzte Zahnbürste, die die Putzgewohnheiten misst und Hygienetipps aufs Smartphone schickt: „Wir wissen jetzt, dass wir dieses Produkt digitalisieren können – aber verändert es auch, wie wir uns verhalten?“ Die Antwort werden die Kunden geben: Einige der Produkte, die auf der CES zu sehen sind, werden sich durchsetzen – die meisten aber nicht.

Das Internet der Dinge

Alltägliche Objekte im Netz

Das Internet ist bekannt als Infrastruktur, über die Menschen Daten austauschen – ob mit dem PC, Laptop oder Smartphone. Es geht also letztlich um Computer, die miteinander kommunizieren. Doch heutzutage lassen sich immer mehr Objekte vernetzen: Heizung und Haustür, T-Shirt und Brille, Auto und Heizung.

Eine Sache, viele Begriffe

Den Begriff „Internet der Dinge“ prägten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Ende der 90er Jahre. Es kursieren aber viele Begriffe. „Industrial Internet“ betont die wirtschaftliche Bedeutung, „Machine to Machine“ (abgekürzt M2M) beschreibt eher technisch, dass Geräte autonom Daten austauschen.

Einsatz in der Wirtschaft

Bislang ist das Internet der Dinge vor allem eine Sache der Wirtschaft: Logistikunternehmen verfolgen beispielsweise den Weg von Lieferungen. Technologie-Hersteller bringen aber zunehmend auch Produkte für Verbraucher auf den Markt, etwa Heizungssteuerungen.

Mini-Computer und Funkantenne

Vernetzte Objekte benötigen eine Art Mini-Computer und eine Funkantenne, außerdem Sensoren – im Fall einer Heizungssteuerung etwa, um die Temperatur zu messen. Diese Komponenten sind in den vergangenen Jahren so geworden, dass immer neue Einsatzgebiete in Frage kommen.

Sextillionen von Adressen

Damit vernetzte Objekte übers Internet gesteuert werden können, muss man sie eindeutig ansprechen können. Ein neuer Standard namens IPv6 soll dafür sorgen, dass auch im Zeitalter vernetzter Autos und Heizungen genügend IP-Adressen vorhanden sind – es sind 340 Sextillionen, also eine 340 mit 36 Nullen.

Markt mit Riesenpotenzial

Es ist schwierig, den Vernetzungstrend in Zahlen zu fassen, der Markt ist noch zu jung. Der Marktforscher Gartner wagt die Prognose, dass bis 2020 rund 26 Milliarden Geräte im Internet der Dinge sind – PCs, Tablets und Smartphones sind darin nicht eingeschlossen. Der Umsatz mit Produkten und Diensten werde auf mehr als 300 Milliarden Dollar wachsen. Noch optimistischer ist der Netzwerkausrüster Cisco, der bis dahin 50 Milliarden vernetzte Geräte erwartet.

Diskussion über Datenschutz

Der Siegeszug der vernetzten Geräte dürfte einige Diskussionen über den Datenschutz nach sich ziehen. Ein Beispiel: Darf eine Versicherung die Bewegungsdaten eines Autobesitzers auswerten, um den Tarif ans Fahrverhalten anzupassen? Oder darf die Polizei nach einem Unfall überprüfen, ob der Fahrer zu schnell war?

Ein Experiment ist allerdings auch der Umgang mit der IT-Sicherheit. Vernetzte Produkte sind angreifbar, wie viele prominente Beispiele zeigen – erst jüngst wurde der Fall eines sabotierten Stahlwerks publik. Bei der grellen Werbung auf der Messe spielt dieser Aspekt oft nur eine untergeordnete Rolle. Wer mehr über die Gefahren wissen will, muss auf andere Veranstaltungen in Las Vegas gehen: die Hackerkonferenzen Defcon und Black Hat.

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