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12.06.2013

14:01 Uhr

Telekom-Drosselung

„Wer jetzt in die Hände klatscht, ist ein Vollidiot“

VonTill Simon Nagel

Die Deutsche Telekom hat wegen eines neuen Datentarifs einen Sturm der Entrüstung geerntet. Jetzt rudert der Konzern teilweise zurück – und erfährt auch nur teilweise Anerkennung. Wie das Netz reagiert.

Die Telekomkabel sollen nun doch etwas weniger eng sein für diejenigen, die ihr gebuchtes Datenvolumen überschreiten. dpa

Die Telekomkabel sollen nun doch etwas weniger eng sein für diejenigen, die ihr gebuchtes Datenvolumen überschreiten.

DüsseldorfWer sagt, dass einmal gefällte Entscheidungen für immer Gültigkeit haben müssen? Die Deutsche Telekom jedenfalls scheint kein Verfechter von in Stein gemeißelten Entschlüssen zu sein. Als Reaktion „auf die Sorge von Kunden“, so der Bonner Konzern, wird die geplante Drosselung von Volumentarifen weniger drastisch ausfallen, als bisher bekannt. Statt mit nur 384 Kilobit pro Sekunde sollen Nutzer, die ihr gebuchtes Tarifvolumen überschreiten, ab 2016 auf zwei Megabit pro Sekunde heruntergeregelt werden. Das gilt für künftige Verträge – und rückwirkend auch für Abschlüsse ab dem 2. Mai.

Die Netzgemeinde, die in den vergangenen Wochen und Monaten zum Protest- und Spottsturm gegen die zur „Drosselkom“ umgetaufte Telekom geblasen hatte, könnte nun eigentlich jubeln. Schließlich hat ihr anhaltender Widerstand offenbar zum Einlenken eines internationalen Telekommunikations-Konzerns geführt. Doch die Reaktionen sind gemischt. „Ok 2mbit/s hört sich besser an als Schneckentempo 384kbit/s“, schreibt etwa Sven Schröder auf der Facebook-Seite der Deutschen Telekom.

Q&A zur Tempodrosselung der Telekom

Für wen gelten die Obergrenzen?

Zunächst einmal geht es nur um Neukunden, die einen Vertrag nach dem 2. Mai 2013 abgeschlossen haben. „Bestehende Verträge sind von den Änderungen nicht betroffen“, versprach die Telekom im Mai. Allerdings wird spekuliert, dass auch viele Bestandskunden von der Neuregelung betroffen sein könnten: Weil die Telekom ihr Festnetz auf die IP-Technologie umstellt, müssen Nutzer, die weiter einen schnellen Internetanschluss wollen, womöglich den Tarif wechseln – dann wären sie ebenfalls von der Drosselung betroffen. Die Telekom erklärt, dass man heute angesichts der rasanten Entwicklung der Branche nicht seriös sagen könne, welche Tarifmodelle in einigen Jahren gelten werden. Nach dem Urteil des Landgericht Köln ist aber ohnehin fraglich, ob die Geschäftsbedingungen Bestand haben.

Wer überschreitet die Datengrenze?

Das lässt sich heute mit Blick auf das Jahr 2016 schwer sagen. Der Telekom zufolge kommt ein Kunde heute im Schnitt auf Datenvolumen von 15 bis 20 Gigabyte im Monat. Das passt zwar mehrfach in die niedrigste angekündigte Datenobergrenze von 75 Gigabyte, die für Anschlüsse mit einer Geschwindigkeit von bis zu 16 Megabit pro Sekunde (Mbit / s) gilt. Allerdings nimmt der Konsum von Online-Videos rasant zu. Neue TV-Geräte sind internettauglich, Sender bauen ihre Mediatheken aus, immer mehr Dienste bieten Streaming von Filmen und Serien an. Bis 2016 kann der Datenhunger der deutschen Haushalte also noch stark wachsen.

Wie weit kommt man mit 75 Gigabyte?

Laut Telekom reicht das neben dem Surfen im Netz und dem Bearbeiten von Mails zum Beispiel für zehn Filme in herkömmlicher Auflösung sowie drei HD-Filme, 60 Stunden Internetradio, 400 Fotos und 16 Stunden Online-Gaming. Wenn solche Onlinedienste insbesondere in einem Haushalt mit mehreren Personen fest zum Alltag gehören, häuft sich locker eine höhere Nutzung an. Allerdings: Der hauseigene Telekom-Videodienst Entertain zehrt nicht an dem geplanten Datenkontingent.

Was ist mit anderen Anbietern?

Nach aktuellem Stand würden die Nutzung von Entertain-Konkurrenten wie Apples iTunes-Plattform, Amazons Streaming-Dienst Lovefilm oder des ähnlichen Angebots Watchever sowie von YouTube das Inklusivvolumen verbrauchen. Bis 2016 könnten die Anbieter aber noch Partnerschaften mit der Telekom abschließen, die ihnen für gesonderte Bezahlung einen „Managed Service“ garantiert. Dienste solcher Partner tasten das Datenkontingent ebenfalls nicht an. Oder die Anbieter könnten sich zum Kampf gegen die Regelung entschließen.

Was passiert nach Ausschöpfung des Volumens?

Entweder man begnügt sich mit zwei Megabit pro Sekunde, oder man bucht mehr Datenvolumen hinzu. Die Tarife dafür wurden von der Telekom noch nicht genannt.

Gibt es noch eine echte Flatrate?

Die Telekom betont, weiterhin eine echte Flatrate anzubieten, also einen Tarif ohne jede Begrenzung. Dafür will das Unternehmen 10 bis 20 Euro Aufschlag im Vergleich zu heute verlangen – den genauen Preis legt es erst später fest.

Drosseln andere Anbieter auch?

Telekom-Konkurrent Vodafone will nicht mitziehen: „Wir haben keine Pläne, die DSL-Geschwindigkeit unserer Kunden zu drosseln.“ Auch Unitymedia Kabel Baden-Württemberg erteilte einer Drosselung eine Absage: Bereits heute könnten Datenübertragungsraten von 150 Megabit pro Sekunde angeboten werden, die mit wenigen technischen Anpassungen auf 400 MBit/s erhöht werden könnten.

Bei Kabel Deutschland dagegen gibt es bereits Datengrenzen, sie funktionieren aber anders als bei der Telekom. So ist ein Tages-Volumen von 10 Gigabyte vorgesehen, nach dem das Tempo gedrosselt werden kann. Derzeit passiert es aber erst ab 60 GB am Tag. Und zum Beispiel bei 1&1 gehört das Prinzip fest zum günstigsten Tarif dazu: Bis 100 GB im Monat surft man mit bis zu 16 MBit pro Sekunde, danach nur noch mit der langsamsten DSL-Geschwindigkeit von 1 MBit/Sekunde.

Andreas Ländle sieht in dem Vorstoß nur einen Versuch, dem Wiederstand der Bundesnetzagentur zu entgehen: „Mit den 2 Mbit/s rechnet man wohl mit besseren Chancen bei der Bundesnetzagentur und dem Verbraucherschutz. Für die Kunden wurde dieser Schritt wohl sicher nicht gemacht“, schreibt er.

Im Nachrichtendienst Twitter flattern neue Nachrichten unter den Hashtags #Telekom und #Drosselkom im Sekundentakt ein. Vieles davon ist Spott, etwa der Tweet von Thomas H.

Mancher sieht auch einen Vorteil: Denn längst nicht jeder Telekomkunde kann sich über zwei Megabit Bandbreite freuen.

Die Telekom habe das Problem schlichtweg nicht verstanden, twittert „Daniel“Und auch André Vatter meint angesichts der Telekommitteilung, dass aus 384 kbit/s jetzt zwei Mbit/s werden: „Wer jetzt in die Hände klatscht, ist ein Vollidiot.

Kommentare (11)

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www_mmnews_de

12.06.2013, 14:47 Uhr

Die Begrenzung von Flatrates ist das Ende des freien Internets!!!

Die Behauptung, dass Leitungen überlastet seien, ist eine Lüge. Macht das Vorgehen der Telekom Schule, kommt dies einer Zensur des Internets gleich.

Telekom wird zu Drosselkom.

Die Deutsche Telekom will den Datenfluss im Internet kontrollieren und einschränken. Dies ist ein einmaliger Vorgang in der jüngeren deutschen Kommunikationsgeschichte.

Der ehemalige Staatskonzern operiert dabei mit dreisten Lügen und schreckt auch vor dummen Täuschungsmanövern nicht zurück: Angeblich würde die Leitungen dem steigenden Internetverkehr nicht standhalten. Der Traffic würde angeblich immer höhere Kosten verursachen.

Dies ist nichts anderes als Betrug: Die Telekom zahlt als Platzhirsch praktisch gar nichts für den Internetverkehr.

Selbst wenn sich der Traffic verzehnfachen sollte, ist dies nur mit relativ geringen Mehrkosten verbunden. Den Kunden aber wird etwas anderes erzählt.

Der kleine Widerspruch, dass die datenintensiven Telekom-HD-TV Kanäle von den Restriktionen ausgenommen sind, nehmen Strategen in Bonn wohl in Kauf. Im Klartext bedeutet dies: Die Kunden werden für dumm verkauft.


Die Aktion dient einzig der Zensur!!!


Youtube & Co. wackeln in Zukunft oder laufen gar nicht mehr, während die Mainstream-Gülle in HD unbeschadet über die Monitore flimmert.

Das Vorgehen der Deutschen Telekom ist ein ungeheuerer Affront nicht nur gegen die Freiheit des Internets, sondern gegen die Freiheit selbst. Es ist deshalb notwendig, mit aller Härte gegen diese Ansinnen vorzugehen. Nutzen wir die noch "freien Märkte".

Strafen wir die Telekom ab, in dem wir auf alle Produkte des Konzerns verzichten und Verträge kündigen.

MarioW.

12.06.2013, 16:08 Uhr

2Mbit ist nicht wirklich eine Drosselung für "freies" Internet bremst aber die Power-User bzw. Gewerbetreibende welche mit einem Privaten DSL ihre Geschäfte tätigen. all dies subventionieren wir mit!!!!

Normalnutzer

12.06.2013, 16:09 Uhr

"Strafen wir die Telekom ab, in dem wir auf alle Produkte des Konzerns verzichten und Verträge kündigen."

Ja, dann mach das doch einfach und such dir einen anderen Anbieter. Oder zahl einfach die 10-20 Euro mehr für eine unbegrenzte flatrate.

Für den Normalnutzer sollte das Inclusivvolumen vollkommen ausreichen. Wer mehr braucht, soll halt mehr dafür zahlen. Die angeblich sterbende Netzneutralität ist doch nur ein vorgeschobenes Argument derer, die eine Mehrleistung in Anspruch nehmen wollen, ohne den entsprechenden Mehrpreis dafür zu zahlen.

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