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02.06.2014

08:27 Uhr

Virtuelle Energiekonzerne

Kraftwerke ziehen in die Wolke

VonAndreas Schulte

Seit der Energiewende ruhe große Hoffnungen auf der Technik. Energiekonzerne sollen sich per Software zentral steuern lassen und erneuerbare Energiequellen koppeln. So entsteht ein virtuelles Kraftwerk.

Solarmodule im Solarpark in Spremberg. Kleinkraftwerke lassen sich in virtuelle Einheiten bündeln. APN

Solarmodule im Solarpark in Spremberg. Kleinkraftwerke lassen sich in virtuelle Einheiten bündeln.

KölnGemeinsam könnten sie viel stärker sein. Vom Windpark zur Solaranlage, vom Geothermie- bis zum Biomassekraftwerk - über Datenleitungen verbunden und per Software zentral gesteuert lassen sich einzelne erneuerbare Energiequellen koppeln. So entsteht ein virtuelles Kraftwerk. Dies minimiert die für die regenerative Stromerzeugung typischen Schwankungen. Der Verbund liefert ähnlich konstant Strom wie konventionelle Kraftwerke und kann sogar regionale Spannungsschwankungen im Stromnetz ausgleichen.

Spätestens seit die Energiewende beschlossene Sache ist, ruhen große Hoffnungen auf der Technik. Obgleich Pilotprojekte schon 1999 starteten, zählen Branchenexperten bisher erst ein Dutzend virtuelle Kraftwerke, die nennenswerte Strommengen ins Netz speisen. Eine der Hürden ist die aufwendige IT: Denn passende Steuerungssysteme sind bisher rar - und mit hohen Investitionskosten verbunden.

Abhilfe schaffen sollen nun cloudbasierte Dienste. „Bei uns fragen viele Betreiber nach, der Markt entwickelt sich gerade“, sagt Werner Kremer, bei T-Systems für das Geschäft rund um die Stromnetze verantwortlich. Der IT-Dienstleister stellte im vergangenen Jahr eine Cloud-Lösung vor, bei der Kleinkraftwerke über das Internet verbunden werden. Die Steuerungssoftware läuft in Rechenzentren der Telekom - dort wird die nötige IT-Leistung für die Steuerung der vereinten Blockheizkraftwerke, Biomasse- und Solaranlagen automatisch an den Bedarf angepasst.

Vor- und Nachteile des Cloud Computing

Kosten

Wenn ein Unternehmen seine Kundendatenbank nicht im eigenen Rechenzentrum pflegt, sondern einen Online-Dienst wie Salesforce.com nutzt, spart es sich Investitionen in die Infrastruktur. Die Abrechnung erfolgt außerdem zumeist gestaffelt, zum Beispiel nach Nutzerzahl oder Speicherverbrauch. Geschäftskunden erhoffen sich dadurch Kosteneinsparungen.

Skalierbarkeit

Wer Speicherplatz im Netz mietet, kann flexibel auf die Nachfrage reagieren und den Bedarf unkompliziert und schnell erhöhen oder versenken. Wenn beispielsweise ein Startup rasant wächst, fährt es einfach die Kapazitäten hoch. Somit fallen auch niedrige Fixkosten an.

Einfachheit

Die Installation auf den eigenen Rechnern entfällt. Damit lässt sich ein neues System äußerst schnell einführen. Auch die Updates bereiten keine Probleme mehr, somit sinkt der Administrationsaufwand. Allerdings lassen sich die Cloud-Dienste in der Regel auch nicht so individuell konfigurieren.

Ortsunabhängigkeit

Zur Nutzung der Cloud-Dienste benötigen Mitarbeiter lediglich einen Internetanschluss – unabhängig von ihrem Aufenthaltsort und dem Gerät, das sie nutzen.

Sicherheit

Die Daten-Dienstleister werben damit, dass sie sich intensiver mit der IT-Sicherheit beschäftigen als einzelne Nutzer oder Unternehmen. Allerdings sind die Rechenzentren der Cloud-Anbieter aufgrund der große Datenmenge auch ein attraktives Ziel für Angreifer von Hackern. Auch Geheimdienste zeigen großes Interesse. Zudem ist von außen schwer nachzuvollziehen, ob der Anbieter die Daten ausreichend vor den eigenen Mitarbeitern schützt. Die Auslagerung bedeutet somit einen Kontrollverlust.

Abhängigkeit

Viele Unternehmen sind von ihrem Dienstleister abhängig, weil sie nicht ohne weiteres zu einem anderen Anbieter wechseln können. Das liegt etwa daran, dass sie ihre Systeme aufwendig an die Schnittstellen anpassen müssen. Auch Nutzer haben oft Schwierigkeit, wenn sie mit ihren Daten den Anbieter wechseln wollen. Eine weitere Frage: Was ist, wenn der Betreiber eines Dienstes pleite geht? Erst wenn es Standards gibt, die den Wechsel von einem zum anderen Dienstleister ermöglichen, sinkt die Abhängigkeit.

Vor allem mit dem Preismodell will Kremer neue Kunden gewinnen: Sie müssten nur für die Leistung bezahlen, die sie auch brauchen. Würden sich Betreiber die Infrastruktur selbst zulegen, müssten sie tief in die Tasche greifen und ihre Systeme auf Lastspitzen ausrichten. Das Kundenpotenzial ist groß: Rund 900 Stadtwerke in Deutschland und kleinere Energieunternehmen könnten sich als Betreiber virtueller Kraftwerke positionieren.

Energiekonzerne sind auf dem Markt bereits aktiv. Vattenfall etwa speichert seit 2010 regenerativ erzeugte Energie in Form von Wärme - dazu wurden Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen und Wärmepumpen in einem virtuellen Kraftwerk zusammengeschlossen. Und RWE nahm vor zwei Jahren ein virtuelles Kraftwerk in Betrieb, dessen Strom auch an der Energiebörse EEX vermarktet wird. Gekoppelt werden neben RWE-eigenen Anlagen auch Kleinkraftwerke der Kunden.

Die Software für das RWE-Kraftwerk kommt von Siemens. Der Technologiekonzern hat nun angekündigt, sein dezentrales Energiemanagementsystem "DEMS" künftig auch aus der Cloud anzubieten. Punkten will Siemens unter anderem damit, dass die angeschlossenen Stadtwerke Unterstützung bei der Vermarktung der Energiemengen zum Beispiel an der Strombörse bekommen sollen. „Den meisten — vor allem kleineren — Stadtwerken fehlen dazu die nötigen Ressourcen und die Erfahrung“, sagt Rolf Helmes, bei Siemens verantwortlich für die Geschäftsentwicklung rund um virtuelle Kraftwerke. Im Sommer soll ein erstes Pilotprojekt starten.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

02.06.2014, 13:00 Uhr

Artikel: "... Dies minimiert die für die regenerative Stromerzeugung typischen Schwankungen."

Mist, ich dachte, die meisten Leute hätten es jetzt endlich verstanden: Wenn die Sonne in Kiel nicht scheint, dann scheint sie auch in München nicht.

Wenn der Wind in Kiel in nicht weht, dann weht er auch in Flensburg nicht. Vielleicht aber in München - den Strom von dort müsste man aber transportieren. Dazu braucht man hässliche, umweltzerstörende und teure Leitungen. Außerdem löst das nur ein Teil des Problems, weil auch die Windstärken in München und Kiel korreliert sind. Bei der Sonne beträgt diese Korrelation 100%.

Aber ich bin guter Hoffnung, dass immer mehr Menschen verstehen, das nachts die Sonne nicht scheint.

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