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15.02.2011

09:21 Uhr

Werner Rammert

"Die E-Mail ist ein Produktivitätskiller"

VonSandra Louven

Ständig erreichbar zu sein kann den Menschen schnell überlasten – und sogar zum Burn-out führen. Werner Rammert, Leiter des Fachgebiets Techniksoziologie an der TU Berlin, über Technikrevolutionen und die Auswirkungen auf den Menschen.

Werner Rammert: Der Soziologe warnt vor zu wenig Ruhepausen durch die ständige Erreichbarkeit. Quelle: PR

Werner Rammert: Der Soziologe warnt vor zu wenig Ruhepausen durch die ständige Erreichbarkeit.

Handelsblatt: Herr Professor Rammert, durch Handys und mobiles Internet sind wir jederzeit ansprechbar. Wie verändert das unser Leben?

Werner Rammert: Wenn ich sehe, dass eine E-Mail auf meinem Handy blinkt, gucke ich aus Neugierde rein – und bin schon mitten bei der Arbeit. Das Problem ist nur: Die Menge der E-Mails hat sich gegenüber den Briefen früher verzehnfacht. Da wir aber nicht zehnmal mehr Zeit zum Lesen haben, müssen wir uns Freiräume schaffen. In einigen Firmen dürfen die Mitarbeiter zum Beispiel nur alle zwei Stunden in ihre E-Mails gucken, weil jedes Reingucken für 20 Minuten den Arbeitsablauf unterbricht.

Handelsblatt: Dann ist die E-Mail ein Produktivitätskiller?

Rammert: Definitiv. In vielen Bereichen ist die schnelle Information natürlich wichtig – etwa bei Reparaturen oder der Koordination von Projekten. Aber in vielen Bereichen, wo es mal einer Auszeit bedarf, um nachzudenken, müssen wir uns neue oder eigene Formen des Medienkonsums angewöhnen. Das spricht nicht gegen diese Medien. Wir brauchen nur eine bestimmte Zeit, um alle technischen Neuerungen in unseren Alltag einzubauen.

Handelsblatt: Stehen wir also vor einer ganz neuen Ära?

Rammert: Solche technischen Umwälzungen gab es immer schon, etwa bei der Umstellung von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit. Damals hat selbst der große Philosoph Platon die Schrift kritisiert, weil er befürchtete, dass sie die Leute dümmer macht, weil sie sich nicht mehr alles merken mussten.

Handelsblatt: Was lehrt uns die Geschichte der Technikrevolutionen?

Rammert: Sie zeigt, dass alte Medien nie ganz verschwinden. Wir müssen da unaufgeregter sein. Es ist nicht immer so, dass das Neue besser ist.

Handelsblatt: Welche alten Medien haben denn überlebt?

Rammert: Zum Beispiel Bilder. Im Mittelalter hatten wir schon einmal mehr Gesänge und Bilder. Heute erleben wir mit Youtube-Videos und Fotos auf Facebook eine Renaissance.

Handelsblatt: Führt die ständige Erreichbarkeit dazu, dass klassische Ruhezeiten abends oder am Wochenende verschwinden?

Rammert: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen zwar zunehmend. Wir brauchen aber Ruhepausen, sonst sind wir überlastet und leiden an Burn-out.

Handelsblatt: Lehrt die Evolution nicht das Gegenteil? Im Tierreich muss die Gazelle doch auch immer auf der Hut vor dem Löwen sein.

Rammert: Ein Löwe schläft mindestens 16 Stunden am Tag. Und Gazellen leben in Herden, um den Einzelnen zu entlasten. Menschen brauchen zwar ein bestimmtes Maß an Stress, um sich gefordert zu fühlen. Überforderung aber macht krank und kann sogar zum Tod führen.

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