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02.10.2014

08:55 Uhr

Wider den rauen Ton im Netz

Wie sich ein Shitstorm von innen anfühlt

VonAlexander Möthe, Tina Halberschmidt

Wegen eines Kommentars über den „Gaucho-Tanz“ der deutschen Nationalelf wurde Alexander Möthe im Netz angepöbelt und beleidigt. Im Interview erzählt der Autor, wie es sich anfühlt, mitten in einen Shitstorm zu geraten.

„So geh'n die Gauchos...“: Roman Weidenfeller, Shkodran Mustafi, Andre Schürrle, Miroslav Klose, Mario Götze und Toni Kroos (von links) bei der Siegesfeier am Brandenburger Tor. dpa

„So geh'n die Gauchos...“: Roman Weidenfeller, Shkodran Mustafi, Andre Schürrle, Miroslav Klose, Mario Götze und Toni Kroos (von links) bei der Siegesfeier am Brandenburger Tor.

Alex, vor ein paar Wochen bist Du für einen Kommentar, den Du über den „Gaucho-Tanz“ der deutschen Nationalelf geschrieben hattest, im Netz ziemlich angegangen worden. Beschreib doch nochmal, wie das genau war.
Es ist schwer, das abzukürzen. Die geraffte Fassung: Die mehr als sechs Wochen, in denen ich von Düsseldorf aus das WM-Special von Handelsblatt Online koordiniert habe, gipfelten im jetzt schon legendären Finalabend und dem Titelgewinn. Es gab Nächte, in denen hat das Team bis vier Uhr morgens in der Redaktion gesessen, jedes Spiel begleitet. Ich bin Journalist, aber auch Fan und muss den Spagat zwischen Information und Emotion schaffen. Am Tag des Empfangs kam ich mit breitem Grinsen in die Redaktion, verfolgte die Feier im TV. Sachliche Kritik an der Inszenierung hatte ich zunächst in einem Artikel über den Vermarktungsaspekt verarbeitet. Nach dem sogenannten Gaucho-Tanz war die gute WM-Laune bei mir aber schlichtweg dahin. Meinem Missfallen habe ich in einem Kommentar, also einem starken Meinungsbeitrag, Ausdruck verliehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits an anderer Stelle, mit anderen Nutzern bei Facebook versucht, eine sachliche Debatte zu führen, was leider gründlich misslang. Montagabend stellte ich also meinen Kommentar online. Das ist mein Job und, soviel Selbstvertrauen muss sein, als zuständiger Leiter des WM-Specials auch mein gutes Recht. Auf Handelsblatt Online wurde von Beginn an unter dem Kommentar diskutiert, ich habe die Diskussion sachlich mitgeführt. Der Ton war insgesamt der Diskussion angemessen, die Debatte kam ohne persönliche Angriffe aus. Der Spaß begann dann am Dienstagmorgen.

Aha, was ist da geschehen?
Der Kommentar wurde auf der Facebook-Seite des Handelsblatts gepostet. Als Debattenbeitrag, schließlich hatte sich „Gauchogate“ zu einem beherrschenden Thema in den sozialen Medien entwickelt. Es wurde jedoch nicht als solcher wahrgenommen. Zwei Vorwürfe fanden sich immer wieder: Man inszeniere sich als „Gutmensch“ und man sei auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Auf Facebook fanden sich bald Hunderte Kommentare zum Post. Der Artikel selbst wurde in der Zwischenzeit über 2000 Mal bei Facebook empfohlen. Der Großteil der Reaktionen war negativ, was kein Problem darstellt. Ich äußere meine Meinung, der Leser äußert seine Meinung. Das Problem waren persönliche Anfeindungen, Drohungen, Beleidigungen, die ausschließlich in den Kommentaren unter dem Facebook-Post stattfanden.

Du also mitten im Auge des Shitstorms. Wie fühlt sich das an?
Wenn man es das erste Mal erlebt, überwältigend schlecht. Als Journalist tritt man täglich an die Öffentlichkeit und natürlich sind einem positive Reaktionen immer am liebsten. Aber auch Kritik, negatives Feedback gehören dazu und bereichern auch den kritischen Umgang mit Themenkomplexen. Aber das war anders, weil hier nicht der Text kritisiert wurde, ja, der Text vielfach nicht einmal gelesen wurde, bevor ich nicht nur als Journalist, sondern auch als als Privatperson angegangen wurde. Das Gefühl, dass einem im Gegenzug für die freie Meinungsäußerung die Kündigung gewünscht wird, aber auch die körperliche Unversehrtheit und sogar das soziale Umfeld indirekt bedroht werden – das wünsche ich wirklich niemandem.

 

Wie bist Du konkret damit umgegangen? Tat’s arg weh?
Man muss sich vor allem zwingen, selbst nicht im Affekt, überemotional zu reagieren. Soll ich jemanden, der mich nicht kennt, der sich nicht mit meiner Arbeit auseinandergesetzt hat, mich aber „Arschloch“ nennt, ein „selber Arschloch“ entgegensetzen? Ich kenne die Kommentatoren ja ebenfalls nicht. Ich maße mir kein Urteil über sozialen Hintergrund, Bildungsgrad, politische Einstellung an, nicht nur, weil mir die Informationen dazu fehlen. Aber zum Kern der Frage: Natürlich tut es weh, wenn die Arbeit unsachlich kritisiert wird. Und natürlich tut es weh, wenn man ohne jeden Zusammenhang persönlich beleidigt wird. Aber man lernt eben auch schnell zu erkennen, wer sich wirklich mit dem Gegenstand, also dem Kommentar, auseinandergesetzt hat. Und entsprechend lernt man, den Großteil der Kommentare über sich hinweg rollen zu lassen.

 

Hand aufs Herz – was hättest Du den Hatern am liebsten wirklich gesagt?
Das, was ich ihnen gesagt habe: Lesen Sie den Text. Und dann lassen Sie uns über den Text reden. Aber lassen Sie meine Persönlichkeit, meinen Werdegang und meine Eignung aus dem Spiel.  Denn das können Sie weder beurteilen noch beeinflussen.  Ich habe auf meiner eigenen Facebook-Seite zur ergebnisoffenen Diskussion aufgerufen. Ich habe offen geantwortet, auch im Kommentarteil unter dem Artikel selbst. Dieses Angebot nahm nicht einmal ein Bruchteil wahr. Übrigens erreichte mich genau eine einzige E-Mail. Inhalt? Lob und Zuspruch.

Kommentare (5)

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Herr Andreas Glöckner

02.10.2014, 12:07 Uhr

Wenn einem etwas nicht gefällt, dann muss das auch gesagt werden können. Auch ohne beleidigt zu werden. Daher finde ich es gut, dass sie über ihre Gefühle schreiben, dass sie ihr persönliches Unglück im Umgang mit ihnen berichten.


...jetzt mal ernsthaft.

Die meisten Menschen reagieren aggressiv. Die Psychologie bemüht sich dieses Themas genauso wie die Kriminologie. Hier haben Fragen wie: warum sagt der sowas; warum hat dieser Mensch gequält; wieso verträgt der die Wahrheit nicht; warum schlägt er sie und warum lässt sie sich das gefallen, obwohl sie größer und kräftiger wirkt; wie entsteht das Verbrechen.

Ich selbst fand den Gaucho- Song Klasse. Endlich mal ein Team, dass dem Erfolgsdruck, aber errst nachdem es Erfolg hatte, in angemessener Weise Ausdruck verleiht. Ich selbst weiß nicht, wie hart es ist, wenn ich Weltmeister werden will, ich habe auch keine entsprechende Erleichterung durchlebt, nachdem ich Weltmeister geworden bin. Und der tendentiell chauvinistische Song liegt auch nicht völlig außerhalb dessen, was wir uns im Alltag vordie Füße werfen. - Ich bin von Beruf Koch. Ich habe solche und solche Kollegen. Aber die Arbeitist immergleich hart und schwer und sie dauert häufig länger als 90 Minuten (selbst das Training der Spieler gleicht dem Akkord nicht, dem man als Koch im a la carte Geschäft ausgesetzt ist). Und dann muss eben noch der cholerische Kollege oder der sarkastische Chef ertragen werden. Das ist nicht grundsätzlich so, aber häufig und dann auch noch schlecht bezahlt.

Der shitstorm... haben sie mal daran gedacht, dass sie in den Zeitungen keinem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt waren. Ursprünglich waren Zeitungen Flugschriften und dienten der Bevölkerung ihrem Unmut kund zutun, und das entgegen der Angst vor Folter und Todesqual. Die alltäglichen Lasten der herrschenden Monarchie waren größer als die Angst vor dem Kerker, der drohte, wenn man aufbegehrte. So entstanden die Kritiken gegen die herrschende Schicht. 1/3

Herr Uwe Ostertag

02.10.2014, 12:27 Uhr

Shitstorms werden letzendlich von den roten und grünen Blockwarten angezettelt, weil diese den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als Andere zu überwachen, zu diskreditieren, um die Überlegenheit der eigenen Moral-und Ethikvorstellungen ans Volk zu verteilen, und da das Volk noch dem urmenschlichen Herdentrieb verfallen ist, da wird eine Welle daraus.
"Wenn keine Mücke da ist, um einen Elefanten daraus zu machen, dann muss man eben diese Mücke erfinden"

Herr Andreas Glöckner

02.10.2014, 12:28 Uhr

Diese herrschende Schicht hatte im Grunde nichts gegen die Meinung seiner Untertanen und so wurden Freiheiten eingeräumt, wenn auch mit starker Zensur. Der Druck in der Gesellschaft ließnicht nach. Und so bahnte sich neben den zahlreichen Revolutionen eben auch die Pressefreiheit und die damit einhergehende Meinungsfreiheit.

Was sie mit dem shitstorm erleben ist das, was im alltäglichen Leben derjenigen Herren und Damen passiert, die aufsteigen. Sie sehen sich den Zwängen der Oberschichten ausgestzt (bestehender juristischer und ökonomischer Ordnungsrahmen; Normen und Gesetze des Marktes). Sie mussten sich als Medien nie mit den Problemen der Unterschichten kümmern. Alle gesellschaftlichen Strömungen diesbezüglich wurden in die Parlamente geleitet, die ihren Namen dieser Entwicklung ja auch verdanken. Aber die Presse? Erst seit Gerhard Schröder sind Themen aus der Gesellschaft, wie der wirtschaftliche Zerfall, der ausbleibende Infratstrukturausbau und die Erneuerung dessen, was bereits besteht, in die Zeitungen und in die Medien gelangt. Es gab soetwas wie einen Reformbedarf. Und dieser liegt völlig außerhalb dessen, was die Presse verkünden will. Sie will Erfolge verkünden und den moralischen Zeigfinger heben, wo sie es angemessen findet. Man kann an der Haltung der Medien auch sehr gut ablesen, worum es bislang gegangen ist: Erfolgsnachrichten aus Wissenschaft und Wirtschaft und daneben die Wirtschaftserfolge.

Heute sehen sie sich als Medien selbst am Rande von Nachrichten. So wird getwittert, gepostet und komentiert. Die Medien spielen in ihrer Rolle als Vermittler von Sensation und Erfolg ins Abseits gedrängt und müssen dabei zuschauen, wie sich die Leute von heute ohne Journalisten und Publizisten ein Morgen ohne Sorgen gestalten. Und da ist jede Kritik unangemessen.

Kurz gesagt, mit ihrer Meinung und ihren medialen Auftritten stehen die "alten Medien" ziemlich allein da.

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