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28.02.2012

12:21 Uhr

Wikileaks-Enthüllungen

„Bomben auf Iran sollen die Eurokrise vertuschen“

VonNils Rüdel

Die neuesten Wikileaks-Enthüllungen über die US-Firma Stratfor sind harmlos. Doch sie bringen Licht in ein Schattenreich aus Möchtegern-Spionen und dubiosen Informanten. Und sie zeigen: Auch bei einem Privatgeheimdienst geht es zu wie in jedem anderen Büro.

Viel Wirbel um letztlich wenig: Mit den E-Mails des der „Schatten-CIA“ Stratfor versucht Wikileaks ein Comeback. AFP

Viel Wirbel um letztlich wenig: Mit den E-Mails des der „Schatten-CIA“ Stratfor versucht Wikileaks ein Comeback.

WashingtonEs sind finstere Tipps, wie sie sich für eine Schnüffelfirma gehören. „Gebe nichts zu. Streite alles ab und stelle Gegenbeschuldigungen auf“, schreibt ein gewisser Fred an seinen Kollegen Rob. Das sei „Freds Regel Nummer 2“, heißt es in dem E-Mail-Dialog, gehackt von den Servern des US-Sicherheitsunternehmens Stratfor. Fred und Rob sind Mitarbeiter der Firma, die wie ein Geheimdienst im Auftrag von Konzernen, Regierungen oder Militärs weltweit Informationen sammelt und gerne als „private CIA“ bezeichnet wird.

Sind hier Vertuscher am Werk? Raten Fred und Rob ihrem Kunden zu unlauteren Methoden? Der Kontext ist nicht ganz so spektakulär: Es geht um geklaute Tortellini in der Stratfor-Zentrale. „Jemand hat mein mitgebrachtes Mittagessen genommen“, hatte Rob zuvor geschrieben.

Die Sache mit den Nudeln findet sich in einer von mehr als fünf Millionen angeblichen internen Stratfor-Mails, die die Enthüllungsplattform Wikileaks am Montag begonnen hat zu veröffentlichen. Als „außergewöhnliche News“ hatte die Organisation sie angekündigt: „Die E-Mails zeigen das Informanten-Netz von Stratfor, die Honorarstruktur, Geldwäsche-Praktiken und psychologische Methoden“. Gründer Julian Assange sagte in London: „Sie zeigen das private Leben, die privaten Lügen der privaten Spione“.

Wer die ersten gut 200 Mails durchgeht, die am Montag hochgeladen wurden, findet allerdings vor allem einen ungeordneten Wust an Selbstverständlichkeiten, Mutmaßungen und Belanglosigkeiten. Wenn die Dokumente etwas über Stratfor aussagen, dann höchstens das: Die geheimnisvolle Firma kocht auch nur mit Wasser.

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Andreas Bogk ist Hacker und Sprecher des Chaos Computer Clubs. Im Interview zur Attacke auf Stratfor prangert er „peinliche Fehler“ des US-Unternehmens an und sagt, warum er von der Aktion der Hacker nichts hält.

Beispiel Coca-Cola: Der US-Getränkeriese soll Stratfor im Juni 2009 beauftragt haben, im Vorfeld der Olympischen Spiele in Vancouver die Tierschutzorganisation Peta auszuspionieren. Die Fragen, die der Konzern hatte, sind harmlos: Wie viele Peta-Unterstützer gibt es in Kanada? Werden US-Tierschützer anreisen? Dafür braucht man keinen Geheimdienst.

Beispiel Euro-Krise: Ein Stratfor-Mitarbeiter zitierte 2011 einen israelischen Geheimdienstoffizier mit einer steilen These: Der Iran-Konflikt sei nichts als eine Ablenkung von der Eurokrise. „Die Kampagne ,Lasst uns Iran bombardieren‘ wurde von den EU-Anführern befohlen, um die öffentliche Aufmerksamkeit von den finanziellen Problemen zu Hause wegzulenken“, so der Informant. Eine Meinung, der die Stratfor-Mitarbeiter selbst nicht ganz trauen.

Beispiel Carl Bildt: In einer E-Mail mit den Titel „Inside – Schweden“ verfasste ein Stratfor-Mitarbeiter 2009 ein Porträt über den schwedischen Außenminister. Unter Berufung auf eine Quelle ist Bildt demnach ein Putin-Kritiker und will für sein Land eine stärkere Position in der EU. Vor allem aber sei der Schwede „offensichtlich sehr groß, hat ein fotografisches Gedächtnis und ist sehr schlau“. Ein Blick in die Zeitung hätte nicht weniger gebracht.

Kommentare (10)

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denk.mal

28.02.2012, 12:46 Uhr

Ich erinnere noch gut einen leicht erhältlichen Sonderbericht von Stratfor, muss 2008 gewesen sein, als es um einen Vergleich der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zwischen Europa und den USA ging.

Da wurde behauptet, Europa stünde wegen der industriell unbrauchbaren Wasserstraßen schlechter da.

Als Beleg gab es eine Landkarte aus dem Mittelalter. Kein Wort von Kanalbauten, Schiffshebewerken etc.

Stratfor, das ist wohl bequeme US-Selbstgefälligkeit gegen Gebühr, in etwa wie GEAB/LEAP in EUropa.

Moika

28.02.2012, 13:12 Uhr

Wer für solchen Blödsinn viel Geld zahlt hat meistens einen triftigen Grund: Er braucht Kosten um die Unternehmenssteuern zu senken...

Roland

28.02.2012, 13:12 Uhr

Von wem erhält Stratfor die Aufträge? Es ist leider auch der CIA nicht zu glauben. Vergessen schon der IRAK-Krieg? Da sind die Recherche-Abteilungen der grossen Zeitungen viel effinzienter, weil noch exakt recherchiert wird und kein dummers Zeug verbreitet wird.

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